Grafschafter Kunstverein
Klaviertöne, die das Herz berühren
Vesselin Stanev faszinierte und überzeugte mit Franck, Debussy und Chopin
Grafschaft-Holzweiler. In der Villa Bellestate bot Vesselin Stanev ausgewählte französische Klaviermusik auf ergreifende, unverwechselbare Weise. Einige Konzertbesucher der Maerker’schen Villa in Holzweiler erinnerten sich tatsächlich noch mit leuchtenden Augen an Vesselin Stanevs ersten Auftritt in Holzweiler anno 1995. Seither gastierte der in Bulgarien geborene Tastenkünstler alle paar Jahre kurz vor Weihnachten in der Villa Bellestate in Grafschaft Holzweiler. Der kleine ländliche Kunstverein, in hingebungsvoller Weise um die Kultur im ländlichen Raum verdient, profitiert hier inzwischen von einer langjährigen persönlichen Freundschaft. Stanev publiziert seine Aufnahmen inzwischen bei Sony Classical und befindet sich auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner internationalen Künstlerkarriere. Zu regulären Konditionen wäre er für den Grafschafter Kunstverein nicht mehr erschwinglich. Das diesjährige Konzert begann mit César Francks hochromantischem „Prélude, Choral et Fugue“. Stanev spielte die ersten Passagen sanft und zart, immer ganz Ohr und auch später, bei intensiveren Abschnitten, niemals vordergründig auftrumpfend. Die markante Melodie des Chorals erblühte tiefenentspannt und in unaufdringlicher Schönheit aus dem umgebenden Klanggewebe. Wer den Geist des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums und des Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique vor etwa 40 Jahren kennt, wer um die Prägekraft von Persönlichkeiten wie Dmitri Bashkirov und Alexis Weissenberg in dieser Zeit weiß, für den bleibt vor Staunen gleichsam der Mund offen. Vesselin Stanev hat sich vollständig von seinen ersten Lehrmeistern emanzipiert. Unterstützt von seinem Mentor Peter Feuchtwanger aus London, hat er sich auf dem von anderen lange und intensiv beackertem Feld der romantischen Klaviermusik ernsthaft auf die Suche gemacht. Er hat an seinem Instrument das Kostbarste gefunden, das ein Künstler dort finden kann: sich selbst. Es ist Takt für Takt zutiefst beglückend, ihm beim Spiel zuzuhören. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Zuhörer die betreffenden Werke gut kennt oder zum ersten Mal vernimmt. Sicher hat fast jeder schon einmal das berühmte Regentropfen-Prélude von Chopin gehört, und ebenso sicher ist die vollständige Serie der ersten zwölf Klavierpréludes von Claude Débussy („Premier Livre“) den meisten Konzertbesuchern nicht bis in jeden Winkel vertraut. Stanevs Klaviertöne finden jedoch stets ihren direkten Weg in die Herzen. Fast atemlos lauschten die Besucher der Villa Bellestate wie der weltweit erfolgreiche Musiker die zahllosen und unnennbaren Schönheiten aus Débussys zyklischem Klavierwerk in aller Seelenruhe vor ihren Ohren ausbreitete. Nach jeder einzelnen Nummer herrschten lange Momente vollkommener Stille. Ganz gelegentlich hörte man das eine oder andere geflüsterte, von Herzen kommendes „ja“ als spontane Reaktion auf die Musik.
Hohe Erwartungen erfüllt
Auch in der zweiten Konzerthälfte erfüllte der sympathische Künstler die hohen Erwartungen seiner Zuhörer. Mit Chopins „24 Préludes Op. 28“ ist ein weiteres jener zyklischen Werke, mit denen große Komponisten des 19. Jahrhunderts zu Johann Sebastian Bachs epochalem „Das Wohltemperierte Klavier“ in ihrer eigenen Tonsprache gleichsam Stellung bezogen. Chopin breitet hier das für ihn typische breite, emotionale Spektrum aus. Neben den beliebten, ein wenig gefälligen Aspekten hört man auch viel Düsteres, Schroffes und sogar Verstörendes. Stanev benutzte weniger üppig als bei Débussy das Stilmittel des „tempo rubato“, des „geraubten“, mal gedehnten, mal gestauchten Tempos. Auch dadurch klang der Zyklus frisch, entschlackt und wie neu. Über den lang anhaltenden Applaus freute sich Stanev uneitel wie ein kleiner Junge und ließ sich sogar zu zwei Zugaben überreden. Dabei hatte er wenige Tage zuvor in Nizza und Bordeaux mit seinem aktuellen Programm jeweils mehr als zehnmal so viele Konzertbesucher verzaubert.
