Unkel präsentiert sich als Kulturstadt
Künstler gaben Einblick in ihr Schaffen und bauten Schwellenängste ab
Zum zweiten Mal nach 2015 öffneten sich in Unkel am Wochenende viele Ateliers
Unkel. Schon zwei Wochen vor der Vernissage der Monatsausstellung zu „Kunst trifft Politik“ und fünf Wochen vor dem bekannten Markt „design + gestaltung am Rhein“ präsentierte sich Unkel am Wochenende als Kulturstadt. Zu verdanken war dies 14 ansässigen Künstlern und Kunsthandwerkern, die wie schon im Vorjahr an beiden Tagen jeweils von 11 bis 18 Uhr ihre Ateliers weit öffneten und Besucher einluden, ganz ungezwungen vorbeizukommen und mit ihnen ins Gespräch über ihre Exponate zu kommen. „Nur so können wir Schwellenängste abbauen und deutlich machen, wie viel Herzblut wir in unsere Arbeit investieren“, erklärte Goldschmiedin Sonja Salehi in ihrem Gartenhaus-Atelier in der Persch. Schon am Samstag seien so viele Besucher zu ihr gekommen, dass sie kaum eine Pause habe machen können. „Viele haben sich gewundert, dass in meiner Werkstatt so wenig Schmuck zu sehen war. Aber bei unserer Ausstellung geht es ja nicht in erster Linie darum, Kunst und Kunstgewerbe auszustellen, sondern zu zeigen, wie eine Idee für eine Arbeit entsteht, welche Geschichte hinter dem jeweiligen Werk steht“, so die Schmuckdesignerin. Wie etwa hinter dem Aquatinta-Druck ihrer Mutter Trudi Schroeder „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, der Gästen den Weg in die Druckwerkstatt weist, in der die Künstlerin ihre Arbeitsweise bei Radierungen oder Holzdrucken demonstrierte. „Dieser Ansatz ist auch der Grund dafür, dass Barbara Schwinges nicht in ihrem Ausstellungsraum Besucher empfängt, sondern eben in ihrem Atelier in Scheuren, in dem auch Thomas Hugo als Gast seine Objekte und Bilder zeigt“, erklärte Sonja Salehi. Ausgelagert aus den Atelierräumen in der Frankfurter Straße in das Palmenhaus der ehemaligen Henkel-Villa hatte lediglich Martine Seibert-Raken ihren Gast. „Mir ist schnell klar geworden, dass mein Atelier im ehemaligen Wahlbüro von Sabine Bätzing-Lichtenthäler nicht annähernd groß genug gewesen wäre, um den Fans von Konrad Beikircher Platz zu bieten. Deshalb bin ich der Familie Pagel sehr dankbar für ihr Angebot, den Vortrag halten zu dürfen“, so die in Bonn lebende Objekt-Künstlerin für Art Design, der im Vorjahr von einer Jury um Arp-Museums-Direktor Oliver Kornhof und den Malerfürsten Markus Lüpertz im „Katharinenhof“ von Konrad und Anne Beikircher der von diesen erstmals ausgelobte „RhinePrice“ für ihre Außenskulptur zuerkannt worden war, weil diese ein optimales Zusammenspiel von Raum, Natur und Architektur böte.
Um so erstaunlicher, dass der Wahl-Bonner aus Südtirol, Konrad Johann Aloysia Beikircher, am frühen Samstagnachmittag in seinem Vortrag „Bauen und Wohnen mit Kunst und Kultur im Rheinland“ seine „Landsleute“ als mediterrane Menschen vorstellte, die hinsichtlich ihrer Einrichtung keinen Luxus, sprich Kunst und Kultur benötigen würden und schon gar keine „Protzpaläste“, da sich ihr gesellschaftliches Leben ja eh draußen abspiele. „Die Wohnung, in der das ‚Kabäuschen‘ quasi als profaner Tabernakel das Intimste beherbergt, ist ausschließlich der Familie vorbehalten“, berichtete er aus seinen Erfahrungen. Und die hat Konrad Beikircher schon seit 1965 in der Bundesstadt und Umgebung gesammelt. Kein Wunder, dass er längst der rheinischen Mentalität erlegen ist, einen großen Bogen zu schlagen, um zur Sache zu kommen. Sehr zur Freude seiner Zuhörer, die seinen Ausführungen über das Heimatgefühl mit den drei Säulen Dom, Rhein und Rosenmontagszug, seinen Verzällcher über Jürgen Zeltringer, auch bekannt als „de Plaat“, oder über rheinische Handwerker begeistert lauschten. Auf dem Weg vom Palmenhaus zurück in die Altstadt stießen die kulturinteressierten Besucher dann zunächst auf das Atelier der Frischholz-Designerin Andrea Schwank. Neben dem handgemachten „Design aus heimischen Materialressourcen“ wie den großen „Blickfängern“, aus dicken, geglätteten Lärchenästen bestehenden Sichtschutz-Gestellen, die mit einem Geflecht aus Haselnussruten an Metallstäben gefüllt sind, konnte man in dem Hofdurchgang auch Objekte der Dattenberger Lebenskunstraum-Künstlerin Anja Rihm bewundern. „Ich liebe es, selbst problembehaftete Dinge mit Humor ganz bewusst ‚eigenartig‘ zu gestalten“, erklärte sie einem Besucher ihre „Kappdalas“. Diese durch ihre monochrome Acrylbemalung an Keramikschalen erinnernden Objekte sind nach Interpretation der Künstlerin „Opfergaben, um den Gott der Geschwindigkeit zu besänftigen und Schutz vor Unheil zu erbitten.“ Tatsächlich handelt es sich um Radkappen, Fundstücke, die dem Mitglied der Unkeler Künstlergruppe „pantarhein 637“ von Bekannten zur Umgestaltung in ihre Werkstatt gebracht werden. Gabriela Mroziks Interesse gilt nicht nur dem Medium Glas und dessen Wirkung in der Eigenschaft „Transparenz“. „In ihren neuesten Fine-Art-Drucken untersucht sie die Beziehung zwischen Strukturen und Flächen“, erklärte Christian Rosenzweig, der im Glasatelier seine „Lichtbildwerke“ zeigte. Während nebenan im „Rheinblick“-Laden Dorothee Droste „Kunst zum Anziehen“, also „Kleidung - Deine 2. Haut“ präsentierte, erwartete die Besucher im „Landleben“-Laden bei Petra Thyssen eine ganz andere Transparenz als im Glasatelier. Zusehen konnte man dort, wie aus feinen Filzstoffen, die Einblicke in die Struktur der Fasern geben, Lampenschirme entstanden. Für die musikalische Untermalung der „Offenen Ateliers“ sorgte Michael Hommerich am Eschenbrender Platz, über den man zu dem Atelier von Marianne Troll gelangte. „Im wirklichen Leben gibt es keinen Abfall“, so das Credo der Künstlerin der Gruppe „EigenArt rhein“, die neben ihren Objekten und Mobiles auch Arbeiten von Gabriele Geier Raum bot, die sie bereits seit vielen Jahren kennt. Über die Schulstraße, in der Annette Bloch zeigte, wie aus traditioneller Handarbeit gepaart mit modernem Design filigrane Edelstahl-Schmuckstücken entstehen, führte der Atelierweg in die Freiligrathstraße zu den fantasievollen Skulpturen der Keramikerin Nicole Hahn, bei der die nicht nur in Linz bekannte Künstlerin mit Arbeiten aus ihrem „Anderswelt“-Atelier zu Gast war. Nur wenig entfernt präsentierte Malerin Claudia Coqui ihre Assemblagen-Ausstellung zum Thema „Vergänglichkeit“.
Nicht nur Barbara Schwinges lockte Besucher der „offenen Ateliers“ über die B 42 in den Unkeler Stadtteil Scheuren. In der Lederwerkstatt von Almuth und Karl-Heinz Behrens konnten sie Kleinkinderschuhe, Gürtel oder individuell gestaltete Taschen pflanzlich aus dem nachhaltigen und Umwelt-schonenden und nachhaltigen Rohstoff Leder aus Süddeutschland bewundern. Gleich mehrere junge Künstler waren bei Tuncay Elevis in seinem Atelierhaus zu Gast, das von der Honnefer Straße bis zum Brücherweg führt. Schüler des Gymnasiums Nonnenwerth aus den fünften bis neunten Klassen, die an der Kunst-AG des Malers und Bildhauers teilnehmen, stellten dort ihre ersten plastischen Arbeiten und Zeichnungen aus.
Hochzufrieden konstatierten die Künstler und Kunstschaffenden, dass sich die intensive, wochenlange Vorbereitung gelohnt hatte. Wie schon im Vorjahr war ihre Veranstaltung erneut auf große Resonanz gestoßen und überaus positiv verlaufen. Einziger Nachteil: Sie selbst hatten angesichts des Andrangs keine Möglichkeit, Einblick in die Arbeitswelt ihrer Kollegen zu nehmen und mit den jeweils anderen Unkeler Kreativschaffenden über Arbeitstechniken und Materialien zu diskutieren. Einig waren sie sich am Sonntagabend jedoch, dass im April 2017 eine dritte Auflage der „Offenen Ateliers“ zu erwarten sein wird.
DL
Andrea Schwanks „Blickfänger“ verdeckten nicht die „Kappdalas“ von Anja Rihm.Fotos: DL
Petra Thyssen produzierte im Landleben-Laden Filz-Lampenschirme.
