100 Teilnehmer beim Netzwerktreffen des Kreisjugendamts
Kulturelle Vielfalt kennen für die Arbeit mit Migranten
Kreis Mayen-Koblenz. Andere Länder, andere Sitten. Doch um mit Menschen anderer Kulturen erfolgreich und angemessen interagieren zu können, bedarf es des Kennenlernens von unterschiedlichen Sichtweisen und Verhaltensweisen in der Welt. Dies beginnt im Umgang mit Schwangerschaft und Geburt, dem Wochenbett sowie dem Verständnis und dem Umgang mit der Geschlechterfrage. Genau diesen Themen widmete sich das Kreisjugendamt – und rund 100 Teilnehmer kamen zu einer Fortbildung mit der Ethnologin und Kompetenztrainerin Sandra de Vries aus Münster. Deutschland ist längst Teil der Globalisierung, der Internationalität und Vielfältigkeit der Gesellschaft geworden. „Interkulturelle Kompetenzen sind auch in der Gesundheits- und Krankenhilfe, den Schulen, in Jugendhilfeeinrichtungen und Kindertagesstätten, bei Tagespflegepersonen und Hebammen gefragt“, sagt Netzwerkkoordinatorin Gabriele Teuner. Mit ihrer Kollegin Monika Vogel, Fachberaterin des Bereiches Kindertagespflege, organisierte sie die Veranstaltung: „Wer mit Migranten arbeitet, muss sich über die Vielschichtigkeit ihrer Kulturen klar sein“, so Vogel. Referentin De Vries machte gleich klar: „Wir vergessen nur zu leicht, dass Deutschland schon immer ein Einwanderungsland war und aktuell wieder ist.“ "Aber welchen Stellenwert hat das Geschlecht in der sozialen Ordnung der jeweiligen Kultur und wie begegnet man dem Einzelnen in seiner Geschlechterrolle? Wie sehen die Abläufe und Rituale neben den biologischen Gegebenheiten aus? Was muss beachtet werden? Gibt es klar definierte Zuordnungen?" „Die Mehrzahl der Migranten kommt aus einer Wir-Gesellschaft, in der die Großfamilie mit Eltern und Kindern sowie weitläufiger Verwandtschaft – bis zum Cousin vierten Grades - den Schutz des Einzelnen gewährleistet.“ Laut de Vries sind Jungen mit zehn oder zwölf Jahren in vielen Ländern als ältestes männliches Familienmitglied oft schon für das Überleben ihrer Familie verantwortlich: Sie reisen daher alleine nach Deutschland, weil sie sich hier Arbeit und Geld erhoffen. „Sie fliehen in unsere Ich-Gesellschaft, deren Umgang mit Familie sie irritiert. Sie können nicht nachvollziehen, warum sie hier nicht zum Großneffen ihres Onkels reisen dürfen.“ Auch die hier praktizierte Schwangerschaftsvorsorge von Frauen ist eine große Herausforderung. In vielen Kulturen gilt das direkte Anschauen des Babys in den ersten Tagen als ein „Heraufbeschwören von bösen Einflüssen“. So werden die Furcht oder gar Ablehnung vor einer Ultraschalluntersuchung verständlich. Ärztliche Diagnosen, Hilfen durch Krankenschwestern oder Hebammen werden da leicht zur Herausforderung – wenn man um die Unterschiede nicht weiß: „Geburt und Wochenbett sind in allen Ländern dieser Welt von Ritualen geprägt. In China und Indien gehören das Öffnen der Fenster, der Haare und der Kleidung dazu. Wehenschmerzen werden unterdrückt, weil Frauen als tapfer gelten wollen oder – wie in Schwarzafrika – Angst haben, ´böse Geister´ zu wecken.“ Aus diesen kulturellen Gegebenheiten entstehen häufig Missverständnisse, die das Zusammenleben oder Beratungsgespräche erschweren oder gar unmöglich machen, macht Gabriele Teuner deutlich: Ziel des Seminars sei es dazu beizutragen, dass in der Arbeit mit Menschen mit und ohne Migrationshintergrund die Handelnden befähigt werden, die verschiedenen Auswirkungen ihres Handelns richtig einschätzen zu können. Speziell im Kindheits- und Jugendbereich finden sich viele Unterschiede zur hiesigen Kultur, weiß auch Monika Vogel: „Es gilt die kulturellen Gegebenheiten zu kennen, sensibel mit Beobachtungen und Handlungen umzugehen und in den Kontext des Herkunftslandes zu stellen.“ Wohl am ehesten bekannt dürfte sein, dass häufig nur der Ehemann, Bruder, Onkel oder Cousin für eine Frau und deren Familie spricht. "Ein Zeichen für die Unterdrückung der Frau?" Zu einfach, sagt de Vries: „Sie sind oft schlicht die Sprecher der Familie.“ So gibt es auch Gesprächsthemen, die nur mit gleichgeschlechtlichen oder jüngeren oder gleichaltrigen Menschen besprochen werden können, jedoch niemals mit „alten Menschen“. Sandra de Vries hat es geschafft, die Teilnehmer neugierig zu machen auf mehr. Daher wird es einen weiteren Termin geben: Die Netzwerkpartner des Kreisjugendamtes und Interessierte, die mit Familien mit Migrationshintergrund arbeiten, können die Referentin bei der 9. Konferenz des Netzwerkes Kinderschutz-Kindergesundheit und Familienbildung am 5. Oktober in der Vulkanhalle in Kruft hören, wenn es um das Thema „Arbeit mit Familien dieser Welt“ geht.Kreisverwaltung
Mayen-Koblenz
