„Spiel der Sinne“ im Köllenhof
Lyrische Zutaten: Feuer und Eis und ein schwarzer Schwan
Rezitator Oliver Steller und Saxophonist Bernd Winterschladen wagen einen faszinierenden Blick auf die weibliche Dichtkunst
Ließem. Das Drachenfelser Ländchen entwickelt sich zu einer Hochburg der Dichtkunst – nach der erstmaligen Verleihung der „Wachtberger Kugel“ im Adendorf Drehwerk und dem Rezitationsabend „Spiel der Sinne“ im Ließemer Köllenhof ist diese Vorstellung gar nicht mehr abwegig. Doch während sich bei der „Kugel“ alles um die humoristische Lyrik drehte, hat sich Rezitator Oliver Steller diesmal der weiblichen Dichtkunst angenommen. Erstaunlicherweise schöpfen die Gedichte aus Frauenfeder durch Stellers maskuline Interpretation neue, ungeahnte Kraft und Faszination. Was allerdings nicht zuletzt auch an der musikalischen Unterstützung durch Saxophonist und Klarinettist Bernd Winterschladen liegt mit seinen samtenen Reminiszenzen an den Sound der Saxophonlegende Clarence Clemons.
Vor 25 Jahren wurde Steller infiziert, und zwar mit dem Gedicht „Ein alter Tibetteppich“ von Else Lasker-Schüler, unter anderen mit der schönen Wortschöpfung „Maschentausendabertausendweit“. Das kam an diesem Abend natürlich ebenso zu Gehör wie 26 weitere Gedichte von insgesamt 17 deutschsprachigen Lyrikerinnen. Angefangen beim ältesten deutschen Gedicht überhaupt, von dem man nur weiß, dass es wohl eine Nonne um das Jahr 1180 geschrieben hat: „Du bist min“. Als bluesig-jazziger Chanson wird der romantische Siebenzeiler zu einem zeitlosen Liebesschwur, und von Liebe und Leid ist auch sonst viel die Rede an diesem Abend vor gut 100 tief beeindruckten und hoch faszinierten Zuschauern im ausverkauften Köllenhof.
Noch ist Raum für ein Gedicht
Los geht es mit dem Stück „Raum II“ von Rose Ausländer: „Noch ist Raum für ein Gedicht, noch ist das Gedicht ein Raum, wo man atmen kann.“ Das Gedicht atmet auch dank Winterschladens Saxophonbegleitung schwebende Gedankenweite. Beim Rückblick in die Historie der weiblichen Dichtkunst zieht Steller durchaus Parallelen zur gesellschaftlichen Stellung des „schwachen Geschlechts“, die auch in so manchen Gedichten durchschimmert. Im Mittelalter habe so gut wie keine Frau lesen und schreiben können, nur im Kloster habe es einen gewissen Freiraum gegeben. Dennoch gab es erstaunliche Lebensgeschichten wie die von der heute fast vergessenen Anna Louise Karsch. 1722 als ungeliebte Tochter geboren und in zwei Ehen misshandelte Mutter von sechs Kindern, verschrieb sie sich dennoch der Lyrik und war wohl die erste Frau, die von ihrer Dichtkunst leben und ihre sechs Kinder ernähren konnte. Sogar Friedrich II. wurde auf sie aufmerksam und schenkte ihr zwei Taler. Sie reagierte prompt: „Zwei Taler gibt kein großer König, die vergrößern nicht mein Glück. Nein, sie erniedern mich ein wenig, drum geb‘ ich sie zurück.“
In ihre Fußstapfen trat Annette von Droste-Hülshoff, die mit „Am Turm“ das wohl erste Gedicht verfasste, mit dem eine Frau gegen ihr von der Gesellschaft aufgezwungenes Dasein rebelliert. Sie schreibt darin von ihrer unbändigen Sehnsucht nach Freiheit und selbstbestimmtem Leben. Nicht nur bei diesem Stück wird deutlich, wie wichtig die unvergleichliche Stimme von Oliver Steller für die packende Intensität des Vortrags ist, der Emotion und Intellekt gleichermaßen herausfordert. Wenn man die Stimmen nur beschreiben könnte – doch wer sie einmal gehört hat, weiß: sie ist einfach unbeschreiblich.
Der Raub des Kokoschka-Bildes
Besonders im Zusammenspiel mit Winterschladens Saxophon wie beim „Tanzlied“ von Elke Lasker-Schüler wird auch musikalisch immer exakt der richtige Farbton getroffen und die Zuhörerschar in eine ferne Fantasiewelt hineingezogen. Der „schwarze Schwan der Lyrik“ gibt sich an diesem Abend mit „Eros“ sogar ihren, wenn auch noch sehr verklausulierten, Begierden hin. Interessant auch die Details aus ihrem Leben, etwa wenn sie als „Jussuf von Theben“ mal eben ein Bild aus einer Kokoschka-Ausstellung raubt. Nicht zu Unrecht ist sie eine der Hauptprotagonistinnen des Abends mit gleich fünf Gedichten aus ihrer Feder. Faszinierend auch die Werke von Ingeborg Bachmann, Eva Strittmatter, Ina Seidel, Ulla Hahn, Mascha Kaléko.
Der Staub der Endlichkeit zieht sich durch den zweiten Teil des Abends, unter anderem mit Werken von Marie Luise Kaschnitz, Ingibjörk Haraldsdottir oder Christine Nöstlinger. Doch Sand im Auge verursacht manchmal ein Augenzwinkern, wie etwa in der humorvollen Elegie „Hessen nimmt Abschied von Serge Gainsbourg“ aus der Feder der Satirikerin Simone Borowiak: „Der hat geraucht, als wie ein Schlot, der Gainsbourg Sersch, jetz isser dot.“ Darauf einen „Champagner frappé“ von Marie Madelaine: „Willst du so recht das Rechte fühlen, muss aus dem Eis du das Feuer genießen!“
JOST
