Allgemeine Berichte | 12.11.2016

Buchvorstellung zum vergessenen Völkermord in Ruanda im Mehrgenerationenhaus Mayen

Mit den Augen eines Kindes

Bewegender Abend mit Autorin Hanna Jansen schilderte das Grauen aus der Sicht der damals achtjährigen Jeanne

Autorin Hanna Jansen gewährte ergreifende Einblicke in den vergessenen Völkermord in Ruanda. E. T. Müller

Mayen. Immer wieder hatte das Ehepaar Jansen Kinder in ihre Familie aufgenommen. „Eine unserer Töchter, Jeanne, war acht Jahre alt, als sie ihre ganze Familie verlor. Mit zehn Jahren kam sie zu uns nach Deutschland. Seitdem gehört Jeanne zu unserer Großfamilie, in der 13 Kinder aus aller Welt ein neues Zuhause fanden“, berichtete die Buchautorin Hanna Jansen im Café CaTI, die auf Einladung des Fachdienstes Migration im Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr e.V. ins Mehrgenerationenhaus St. Matthias nach Mayen gekommen war. Während andere Kinder sich emotional einmauern und schweigen, hatte Jeanne das Bedürfnis, sich den Schrecken von der Seele zu reden und ihre ganz schlimmen Erfahrungen immer wieder zu erzählen. „Die Erkenntnis, dass hierzulande viele Menschen nach 1994 noch nicht einmal wussten, wo Ruanda liegt, geschweige denn den Völkermord zur Kenntnis genommen hatten, empörte Jeanne und zunehmend auch mich. Deshalb beschlossen wir im Jahr 2000, ihre Geschichte in Buchform zu veröffentlichen. Ich war Autorin und schrieb ein Buch. Für mich eine mühselige, traurige Arbeit.“ So entstand die Aufzeichnung über das junge Leben der Jeanne d’Arc Umubyeyi, Tochter von Grundschullehrerin Florence Muteteli und Ananie Nzamurambaho, Lehrer am Priesterseminar, Schwester von Jando, ihrem großen Bruder, und Teya, ihrer kleinen Schwester.

Hanna Jansen erzählte im Roman „Über tausend Hügel wandere ich mit Dir“ vom sorgenfreien Leben einer jungen Tutsi-Familie im katholischen Ruanda, einem Land, in dem sich Gott, wie ein Sprichwort sagt, nach einem langen Arbeitstag in den anderen Ländern, abends schlafen legt und ausruht. Dort wurden im April 1994 Jeannes Eltern und Geschwister Opfer des Völkermords. Als eine gute Freundin von der Verfolgung der Tutsi, einer Minderheit in Ruanda, berichtete, wehrte Mutter Florence energisch ab: „Unsinn, jeder kennt uns. Wir sind hier angesehene Leute. Viele Hutu sind schließlich unsere Freunde. Was soll passieren, wenn wir friedlich unsere Arbeit tun und uns nicht in die Politik einmischen?“

Keine Rettung für die Familie

Jeanne, die dieses Gespräch zufällig belauscht hatte, „schlich die Ahnung eines bevorstehenden Unheils wie eine gefährliche Raubkatze zu ihr hinauf“. Als der Tag des Mordens kam, gab es für die Familie keine Rettung. Hanna Jansen: „Kaum war Jeanne mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem Gartentor getreten, reihten sie sich in einen Strom von Menschen ein, die wie sie ihre Häuser verlassen hatten und vorwärts eilten. Jeanne stockte. Beinah täglich war sie diesen Weg gegangen, doch nun kam es ihr vor, als seien sie, ohne es zu wollen, ganz woanders hingeraten.

Nichts erschien ihr mehr vertraut. Gelbgraue Wolken wuchsen vom Erdboden empor wie übergroße Pilze. Schwelende Rauchwolken, die zwischen den Hügeln aus den brennenden Häusern stiegen. Die Gesichter zu ausdruckslosen Masken erstarrt, beobachteten sie, was rundherum geschah. Viele der Flüchtenden waren schwer verletzt, redeten atemlos von brennenden Häusern, von vermummten Schlächtern, die mit Macheten über sie hergefallen waren, von Nachbarn, die Nachbarn niedermetzelten, von Familien, die es nicht mehr gab. Jeanne hörte die Worte und sah die Wunden, aber irgendetwas in ihr versperrte sich dem Grauen, das um sich griff und alles zu verschlingen drohte.“

Dem Völkermord ist eine ungeheure Hasskampagne vorausgegangen. Ein Radiosender hetzte ständig gegen die Tutsi, die gerade mal 20 Prozent der Bevölkerung ausmachten, jedoch über viele Generationen das Land beherrscht hatten. Hingegen waren die meisten der 80 Prozent Hutus Bauern. Vor allem die Kolonialmacht Belgien, die nach den Deutschen kam, hetzte die beiden Bevölkerungsgruppen gegeneinander auf.

Die Früchte des Hasses

An jenem Apriltag des Jahres 1994 gingen die Früchte des Hasses auf. Menschen, die in den Kirchen Sicherheit suchten, wurden in den Kirchen getötet. Die Kirche, so Hanna Jansen, hatte sich nicht schützend vor die Menschen gestellt: „Es gab auch Kirchenleute, die sich vor die Menschen gestellt haben und auch selbst umgebracht wurden.“ Hanna Jansen und ihre Stieftochter quält auch heute noch die Frage: „Warum stoppte das niemand?“

Es war ein systematisch vorbereiteter Völkermord. Die Macheten wurden in Massen aus China importiert. „Doch die westlichen Länder griffen nicht ein. Es war ein Morden mit Macheten. Das war Handarbeit, und man hat es geschehen lassen. Das ist es, was Jeanne zutiefst empört.“ Tiefe Einblicke in die Hölle, in eine unglaubliche Apokalypse hatte ein junges Mädchen der Buchautorin gewährt: „Was mir ein achtjähriges Kind erzählt hat und durchschaut hat. Heute habe ich Achtung vor jedem Kind und würde nie sagen, die kriegen nichts mit.“ Für Jeanne war die Kindheit zu Ende, genauso wie heute für Kinder aus Aleppo oder aus anderen Orten des Grauens. „Diese Kinder sind unbestechliche Zeugen.“

Heute ist Jeanne eine erwachsene Frau. Einige der zehn Kinder aus Ruanda haben Abitur gemacht: Zwei Zahnärzte, eine Frisörin und eine studiert. Doch was Völkermord bedeutet und wozu Menschen fähig sind, werden sie nie vergessen. Ein beeindruckender Abend bei der Caritas in Mayen. Die mahnenden Stimmen von Jeanne und Hanna Jansen müssen gehört werden.

Autorin Hanna Jansen gewährte ergreifende Einblicke in den vergessenen Völkermord in Ruanda. Foto: E. T. Müller

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