Cantunnacum Andernach
Mitreißendes Konzert um Rutters Magnificat
Andernach. Alles hat seine Zeit. Eine Zeit des Wartens und eine Zeit der Freude über die Ankunft des Erwarteten.
Die erste Zeit ist naturgemäß leiser, die zweite laut und fröhlich. Und weil es heutzutage allgemein schwerfällt abzuwarten, wird seit mindestens drei Wochen mit Licht und Ton gejubelt, als wäre der Weihnachtstag schon da. Wenn häufig bereits in der Vorweihnachtszeit mit Bachs Weihnachtsoratorium die Ankunft des Herrn aufs Prächtigste gepriesen wird, besann sich der Andernacher Kammerchor Cantunnacum um Leiter Peter Seibeld auf das aktuelle Tagesprogramm.
Im Advent dreht sich alles um die baldige Ankunft des Herrn. Im Fokus steht dabei naturgemäß Maria, die die „gute Hoffnung“ verkörpert. Dass der 8. Dezember wiederum an ihre eigene Empfängnis erinnert, mag dabei nur eine Randnotiz sein. Streng genommen aber beginnt hier das Geschehen, das am Himmelfahrtstag seine Vollendung findet. Formvollendet präsentierte sich auch das gesamte Konzertprogramm. Der imaginäre Vorhang öffnet sich in St. Albert mit Blechbläserfanfaren und einem Echo der Führer-Orgel (Jacobus Gladziwa). Der „Grand coeur dialogue“ Eugène Gigouts nimmt viel von dem vorweg, was folgen wird: musikalische Pracht, dialogische Anlage und die Einbettung in die Zeit der mitteleuropäischen Spätromantik. Es folgt, nahezu pünktlich zum Angelusläuten, der englische Gruß, „Ave Maria“ in einer Version Mendelssohn-Bartholdys. Hier präsentiert sich der Chor zum ersten Mal, und was zur Aufwärmübung für das große Rutter-Werk hätte werden können, entpuppt sich als ein ganz eigenes, von den rund 40 Sängern überzeugend präsentiertes musikalisches Kleinod. Die Form des Zwiegesprächs findet sich in Form von Wechseln zwischen einzelnen Stimmen, bzw. Stimmgruppen wieder. Orchester und Chor agieren selbstverständlich gleichberechtigt.
Das gilt sich auch für das Kernstück des Abends, John Rutters „Magnificat“. Auch im Zustand der Erwartung kann man jubeln. In diesem Fall Maria, die sich freut, dass die Wahl des Höchsten gerade auf sie gefallen ist. Als einfaches jüdisches Mädchen ist sie aufgrund dieser Wahl hin und weg. Ein Zustand, den das Publikum spätestens nach dem ersten Satz absolut nachvollziehen kann. Denn was Rutter aus diesem Thema macht, ist absolut mitreißend. Er bedient sich dabei der alten Technik der musikalischen Affekte, allerdings mit modernen Mitteln. Bewährte Mittel der Film- und Unterhaltungsmusik (Stichwort Klischeeklänge) greift er auf und baut sie, zum Libretto passend, ein. Ähnlichkeiten mit Größen des Geschäfts sind dabei durchaus nicht ungewollt. Ennio Morricone oder Howard Shore lassen sich nicht nur einmal wiederfinden. Jeder der sechs Sätze ist bis aufs kleinste Detail individuell ausgestaltet. Kann der Chor da mithalten? Musikalisch wie ausdruckstechnisch? Die Antwort kann nur lauten: Ja! Das zu schaffen zeugt von der sehr guten Arbeit aller Beteiligten - von der Vorbereitung bis hin zur Besetzung der Solopartie. Dorothea Kares schafft es, in der Partie der Maria, die geforderte große Stimme aufs Anmutigste zu präsentieren. Das Ergebnis: der unterdrückte Impuls vieler, bereits in den Satzpausen zu applaudieren, mündet in einen allgemeinen Jubel am Ende des Konzerts. Mit Bach weitergejubelt werden kann dann am ersten Weihnachtstag.
