Allgemeine Berichte | 20.06.2024

Trudel Schneider spielt seit 75 Jahren Waldhorn für den Herrn

Musik als „Lebenshilfe“

Trudel Schneider  Foto: Peter Bongard

Westerwaldkreis. Die kleine Trudel versteckt sich, während sie in ihr Waldhorn bläst. Denn ein Mädchen in einem evangelischen Posaunenchor wird damals beim CVJM nicht gerne gesehen. Vor 75 Jahren steht die Abkürzung noch für „Christlicher Verein junger Männer“, und Trudel Schneider ist die erste Frau in einem Kasseler Posaunenchor. Bei öffentlichen Auftritten dreht sie sich so, dass niemand ihre Zöpfe sieht und daran Anstoß nehmen könnte. Seit 1985 steht das M in CVJM für „Menschen“, und heute muss sich Trudel Schneider vor niemandem mehr verstecken. Heute ist sie 85. Die alten Zöpfe sind ab, die Haare grau. Aber das Waldhorn spielt sie immer noch. Seit 75 Jahren. Am 30. Juni 2024 ehrt sie der Posaunenchor Höhr-Grenzhausen für ihre langjährige Treue zur Kirchenmusik und zum Waldhorn. Während des Gottesdienstes in der Evangelischen Kirche gibt’s noch weitere Jubilare, aber keiner spielt so lange in einem Posaunenchor wie Trudel Schneider. Seit 14 Jahren lebt sie in der Töpferstadt. Sie stammt aus Kassel, aus einem sehr christlichen Elternhaus. Dort ist es selbstverständlich, sich in der Kirche zu engagieren. Mit zehn lernt Trudel Trompete im Posaunenchor. „Jede Probe endete damals mit einer Andacht und einem Vaterunser“, erinnert sie sich lächelnd. „Das war damals nicht bloß Zeitvertreib, sondern ein Auftrag, das Wort Gottes durch die Musik weiterzugeben.“ Ihr nächster Auftrag: Sie soll von der Trompete zum Waldhorn wechseln, da es im Posaunenchor an tiefem Blech fehlt. Schon nach einem Vierteljahr am Instrument ist das Mädchen so weit, dass sie einfache Choräle begleiten kann. „Früher hatten wir noch kein Fernsehen und deshalb viel Zeit zum Üben“, sagt sie. „Jeden Tag am Waldhorn und zwei Proben in der Woche – da macht man rasch Fortschritte.“ Allzu fortschrittlich ist der CVJM damals nicht. Als Trudel Schneider mit dem Posaunenchor bei dessen großen Zeltmissionen spielt, erlebt sie die Schattenseiten des frommen Miteinanders. „Die Veranstalter wollten nicht, dass ich als Mädchen im Ensemble mitspiele. Deswegen habe ich oft geweint“, erinnert sie sich. Aber Trudel Schneider macht weiter, und später kamen weitere Mädchen im Posaunenchor hinzu – unter anderem auch ihre Schwester. „Aufhören kam für mich nie infrage. Schließlich war der Posaunenchor fester Teil meines Lebens“, erzählt sie.

Die Liebe zur Musik geht weit – so weit, dass sie auch ihrem Mann vor der Hochzeit eine klare Ansage macht: „Ich werde im Posaunenchor bleiben. So lange ich kann!“ Er ist einverstanden, und die beiden können heiraten.

Die kommenden Jahre führen Trudel, ihr Mann und das Waldhorn eine harmonische Dreierbeziehung. Wenn sie sonntagsmorgens im Gottesdienst spielt, kocht sie am Samstagabend das Essen vor, damit nach der Kirche alle rechtzeitig zu Essen haben. Sie erlebt viele bereichernde Auftritte – auch große, zum Beispiel die Bundesposaunenfestivals in der Dortmunder Westfalenhalle, wo sie gemeinsam mit Tausenden BläserInnen zur Ehre Gottes spielt. „Das war überwältigend“, sagt sie. „Da hatte ich Freudentränen in den Augen.“

Lebensweg führt in den Westerwald

Vor 14 Jahren nimmt ihr Leben eine Wende. Ihr Mann wird zum Pflegefall, und Trudel Schneider zieht von Kassel zu ihrem Sohn in den Westerwald. Die Musik begleitet sie dorthin: Sie wird Mitglied des Posaunenchores in Höhr-Grenzhausen, in dem auch ihr Sohn spielt. 2014 stirbt ihr Mann. „Nach dessen Tod habe ich ein halbes Jahr gebraucht, um mich innerlich zu sammeln. Danach bin ich aufgestanden und habe sogar in zwei weiteren Ensembles begonnen: als Sängerin in der Kantorei Höhr-Grenzhausen und als Waldhornspielerin im Posaunenchor Neuhäusel. Die Musik ist für mich eine Lebenshilfe“, sagt sie. „Im Alter wird’s immer schwieriger, Anschluss zu finden. Aber der Posaunenchor gibt mir ganz viel Halt. Ohne die Musik und den Chor wäre ich nicht die, die ich bin.“ Auch wenn sich die Musik in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat, glaubt sie: „Früher haben wir nur die klassischen Choräle gespielt. Heute spielen wir auch mal moderne Sachen, was völlig in Ordnung ist. Ich bin mit und an der Musik gewachsen.“ Auch, wenn’s im Alter schwieriger wird. „Ich muss immer noch üben, um meinen Ansatz zu halten. Das ist wegen der Zähne gar nicht so einfach – besonders, wenn’s um die tiefen Töne geht.“ Aber Trudel Schneider bleibt dem Waldhorn treu. Auch mit 85 Jahren. „Zuerst habe ich mit meinem Vater im Ensemble gespielt, jetzt mit meinem Sohn. Schön, wie sich der Kreis schließt“, sagt sie und verspricht: „Wenn sich meine Mitmusiker nicht über mich und mein Spiel beschweren, mache ich weiter – so lange wie es geht.“ Trudel Schneider und die anderen Jubilare des Posaunenchores werden am Sonntag, 30. Juni, um 18 Uhr in einem Gottesdienst in der Evangelischen Kirche Höhr-Grenzhausen geehrt.

Pressemitteilung

Evangelisches Dekanat

Westerwald

Trudel Schneider Foto: Peter Bongard

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