Schauspieler und Autor Samuel Koch in der Stadthalle Montabaur
Nach dem Sinn fragen
Einblick in seine Lebensphilosophie
Montabaur. Nach seinem fast tödlichen Unfall wurde die größte und erfolgreichste Fernsehshow „Wetten, dass…“ wenige Zeit später abgesetzt. Samuel Koch, ehemaliger Kunstturner, beschrieb den anwesenden über 200 Menschen zählendem Publikum seinen Weg zurück ins Leben. Resilienz – diesem „Pseudo-Mode-Thema“, wie der gläubige Christ Koch das Wort bezeichnete, vermochte der diplomierte Schauspieler durch seine oft humorvollen und persönlichen, auf eigenen Erfahrungen basierten Betrachtungen in der Stadthalle einen philosophischen Tiefgang verleihen.
Sinn am Ende
Zu Beginn verglich Koch das Leben mit einem Film, dessen Sinn man manchmal erst gegen Ende erfassen könne. Seinen individuellen Sinn, seine Aufgabe im Leben, müsse jeder Mensch selbst finden, ist Koch sich sicher. Damit zum Beispiel eine Raupe zum Schmetterling werde, bedürfe es einer totalen Verwandlung. Dieser Transformationsprozess verlaufe oft mit Dunkelheit und Anstrengung und könne von außen gar nicht beschleunigt werden. Jeder Mensch habe einen spezifischen Sinn, einen Zweck, den nur er erfüllen könne. Dieser sei für Nichtkundige oft von außen gar nicht auf Anhieb erkennbar, wie zum Beispiel auch beim in seinem Buch „Stehaufmensch“ abgebildeten „Gehäusebodenöffner-Premium“, dessen Bestimmung kein Mensch im Publikum wusste. Es handele sich um ein Spezialwerkzeug zum Öffnen für alle Armbanduhren, die sein Opa benutzt habe, klärte Koch auf. Nach Besuchen in Sterbehospizen und Gefängnissen und der Begegnung mit Holocaust-Überlebenden kann Koch mit den gängigen Resilienz-Tipps nicht mehr so viel anfangen, weshalb er 20 alternative Resilienz-Säulen formuliert hat – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. So griff er das jedem Menschen bekannte Gefühl des „Sich-Ärgerns“ auf und schilderte am Beispiel eines stressigen Arbeitswochenendes humorvoll Situationen, in denen etwas unerwartet schief ging, aber nicht zu ändern waren. „Groll!“ – so Kochs wiederholt zusammenfassender einsilbiger Kommentar nach jeder Szene. Fazit: „Man kann sich ärgern, oder damit aufhören. Das ist eine Entscheidung!“ Und deswegen möchte er sich „eher der Sanftmut“ verschreiben.
Wert statt Nützlichkeit
Eine weitere Resilienz-Säule ist für Koch das Thema „Wert“. Gott liebe ihn, weil er sei, Kochs Wert hänge nicht von seiner Nützlichkeit, Verwertbarkeit oder Leistung ab, ist sich der vom Hals abwärts gelähmte Rollstuhlfahrer sicher. Viele Menschen definierten sich über die Reihenfolge Tun – Haben – Sein: „Sie sind wer, weil sie etwas getan oder erreicht haben.“ Koch dagegen halte es mit der Reihenfolge Sein – Haben – Tun: „Wir sind schon wertvoll, einfach, weil wir sind.“ Im Englischen werde der Mensch auch deswegen als „Human being“, und nicht als „Human doing“ bezeichnet. Auch wenn der Mensch hier auf Erden wohl nie auf alle Fragen eine Antwort bekomme, plädierte Koch in seinen folgenden Betrachtungen dafür, „hier auf Erden ein Stückchen Himmel“ zu feiern: „Tränen trocknen, Schmerzen lindern – das geht jetzt schon hier.“
Thema „Freitod“
Im sich anschließenden Gespräch mit dem ebenfalls im Rollstuhl sitzenden Pädagogen und Philosophen Dr. Thomas Schweikert setzte sich Koch dafür ein, die großen Lebensfragen dadurch zu beantworten, indem „man sie einfach lebt, auch mit dem Risiko zu scheitern, oder dass es wehtut.“ Zentral für die Beantwortung der Frage, ob es legitim sei, das eigene Leben als „Freitod“ zu beenden, ist für Koch, wem das Leben gehört. „Ich habe oft auch mehr Angst vor dem Leben, als ich vor dem Tod habe“, gestand er freimütig ein. „Für mich ist es das Mutigere zu leben.“
Musikalisch eingerahmt und begleitet wurde der Abend, der im Rahmen des fünftägigen Festivals „#Freiheit“ der Gesprächsreihe „Denkbares“ stattfand, von Dirk Menger (Klavier, Chello) und Mirjam Thöne (Gesang).
Mirjam Thöne im Gespräch mit Samuel Koch.
Dr. Thomas Schweikert und Samuel Koch reden über die großen Lebensfragen.
