Bewegender Vortrag über Nazi-Unrecht im Forum St. Peter Montabaur
Raub an jüdischen Menschen wirkt bis heute nach
Montabaur. „Was heißt eigentlich Arisierung? Was steckt hinter diesem Wort, das vor rund 90 Jahren täglich in Zeitungen zu lesen war?“, fragt Armin H. Flesch in die Runde. Der Frankfurter Journalist ist zu einem Vortrag über Enteignungen jüdischer Menschen während der Nazi-Zeit nach Montabaur gekommen. Rund einhundert Zuhörende im gut besetzten Forum St. Peter folgen gebannt und erschüttert seinen Worten.
Offensichtliche Verbrechen
Flesch klärt auf, was hinter dem sperrigen und vom Hitler-Regime erfundenen Begriff „Arisierung“ steckt: die 1933 beginnende, systematische Verdrängung von Jüdinnen und Juden aus dem öffentlichen Raum und dem beruflichen wie gesellschaftlichen Leben. Wie umfassend diese Verdrängung war, ist heute vielen gar nicht mehr bewusst. Menschen jüdischen Glauben durften nur auf bestimmten, ihnen zugewiesenen Parkbänken Platz nehmen und sie durften nur an Randzeiten öffentliche Schwimmbäder benutzen – wobei sie ständig Gefahr liefen, von auflauernden Schlägertrupps bespuckt, verprügelt oder gar getötet zu werden. Jüdische Musiker durften nur noch Stücke jüdischer Komponisten spielen und aus dem Beamtendienst mussten alle „nichtarischen“ Mitarbeiter ausscheiden. All das und noch unzählige weitere massive Einschränkungen und offensichtliche Verbrechen waren alltäglich in Nazi-Deutschland. Zwölf Jahre lang unterstützte die breite, schweigende Masse der Bevölkerung die ideologische Propaganda des NS-Regimes. Im Jahr 1945 gab es mit Kriegsende jedoch eine umfassende Amnesie hierzulande, keine und keiner konnte sich an solches Unrecht erinnern. „Davon habe ich nichts gewusst“, diesen Satz hat sicher jeder schon gehört bei Nachfragen in der Familie oder bei anderen Zeitzeugen.
Öffentliche Versteigerungen
Dass sich das Dritte Reich und große Teile der deutschen Bevölkerung an der Enteignung der jüdischen Mitbürger bereichert haben, zeigen auch die Recherchen des Frankfurter Journalisten. Wenn jüdische Mitbürger in Ghettos gepfercht oder in Konzentrationslagern getötet wurden, kam ihr Besitz in öffentlichen Versteigerungen unter den Hammer. Viele Menschen steigerten mit, um ein „Schnäppchen“ zu machen. Auch der Besitz der deportierten Juden aus Frankreich und den Benelux-Staaten wurde nach Deutschland gebracht, um „verwertet“ zu werden. So profitierten die Deutschen von 70.000 kompletten Wohnungseinrichtungen und dem Inhalt von etwa 27.000 Güterwaggons, allein aus jenen im Westen besetzten Ländern. Von bestickten Stofftaschentüchern, über brauchbare Töpfe, bis hin zu bequemen Sofagarnituren – in „arischen“ Haushalten gingen die geraubten Gegenstände für einen günstigen Preis in Familienbesitz über. Was davon tummelt sich wohl noch heute in unseren Schränken, auf Dachböden und in Kellern? Gibt es vielleicht vererbte Tischwäsche mit einem gestickten Monogramm, das eigentlich so gar nicht zu den Namen der eigenen Vorfahren passt? Der Vortrag macht die Zuhörenden spürbar nachdenklich darüber, inwieweit wir möglicherweise noch heute mit geraubten Gegenständen in unserem Leben umgehen.
„Familiengeschichte“?
Besonderen Fokus legt Flesch bei seinem Vortrag auf die Enteignung von Firmen. Von den rund 100.000 Unternehmen, die 1933 im Deutschen Reich in Besitz jüdischer Eigentümer waren, wurden etwa 70 Prozent liquidiert. Der andere Teil, rund 30 Prozent, wurden arisiert. Konkret bedeutete dies, jüdische Unternehmer wurden massiv bedrängt, genötigt, zu Unrecht beschuldigt, verhaftet und diffamiert, so dass sie in eine wirtschaftliche Zwangslage gerieten. Anschließend mussten sie ihre Firma für einen minimalen Bruchteil des eigentlichen Wertes verkaufen.
Viele Jahre hat der Journalist zu diesem Thema recherchiert. Er hat Archive durchforstet, Akten und Fotos studiert, etliche Interviews geführt, „denn bei einem solchen Artikel muss jedes Detail stimmen“, sagt er. Brisant sind die Fakten, die Flesch aufdeckt und die Nachfahren der einstigen Profiteure sind an einer offenen Kommunikation ihrer tatsächlichen Firmengeschichte meist nicht interessiert. So auch beim konkreten Fall einer Autozulieferfirma aus Frankfurt, den der Journalist exemplarisch und detailliert schildert.
Im Jahr 2014 erhielt Flesch eine E-Mail aus der Schweiz. Darin schrieb der Nachfahre eines einst enteigneten jüdischen Unternehmers, dass auf der aktuellen Webseite jener Firma zu lesen sei, sie blicke auf eine„100-jährige Familientradition“ zurück. Dabei lagen dem E-Mail-Schreiber Beweise vor, dass sein jüdischer Vorfahre Firmengründer war. Detailliert legt der Journalist anschließend dar, wie die eigentlichen Firmenbesitzer in Frankfurt verbrecherisch aus dem Geschäft gedrängt wurden und ihr Unternehmen schließlich unter Druck an zwei „arische“ Angestellte verkauften, um kurz darauf in die USA und in die Schweiz zu emigrieren. Noch heute ist der Autozulieferer in Hand der Nachfahren der einstigen Profiteure, berichtet Flesch. Erst auf mehrfaches Nachfragen habe man sich bereit erklärt, mit dem Journalisten zu sprechen, berichtet er. Mit vielen Details sei das Familien-Narrativ der selbstlosen Hilfe und solidarischen Unterstützung für die jüdischen Firmengründer geschildert worden. Man habe schließlich viel riskiert und viel gefährlicher hier gelebt als jene, die ins Ausland gehen konnten. Warum die Firmengründer auf der Webseite nicht erwähnt werden? An diesem Punkt werden die Nachkommen der Profiteure immer wortkarg, weiß Flesch zu berichten. Auch auf der aktualisierten Webseite wird der eigentliche Firmengründer, ein Frankfurter jüdischen Glaubens, weiterhin nicht erwähnt.
Vertuschen und Verleugnen
Auch der Blick auf das konkrete Geschehen in Montabaur kommt beim Vortragsabend im Forum St. Peter zur Sprache. Claus Peter Beuttenmüller, ehemaliger Studiendirektor am Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz, hat dazu recherchiert. Als Geschichtslehrer sei ihm immer wichtig gewesen, das Geschehene für die Schüler zu personalisieren. „Wie ist das bei uns zu Hause“, sei die Frage, die man dafür stellen müsse. Der Pensionär zeigt am Beispiel einer Baumittelfirma, wie die Ausplünderung jüdischer Geschäftsleute in Montabaur funktioniert hat. Von den Erlebnissen während seiner Nachforschungen kann er ähnliches berichten wie der im Recherchieren erfahrene Profi-Journalist. Die Reaktionen der Profiteure oder ihrer Nachkommen: „ich weiß von nichts“, „wir haben doch einen guten Preis gezahlt“, „wir waren doch immer freundlich zu den Juden“, „wir haben uns sogar selbst in Gefahr gebracht“. Beuttenmüller spricht von Beschönigungen und einem gravierenden Zurechtbiegen geschichtlicher Fakten.
Zusätzlich bitter ist die Tatsache, dass den enteigneten Besitzern und ihren Hinterbliebenen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwar Anspruch auf Rückerstattung und Entschädigung eingeräumt wurde, diese „Wiedergutmachung“ oftmals allerdings in langwierigen und zermürbenden Verfahren mündete. Teils erhielten die Opfer keinerlei Entschädigung. Wie soll man Besitz nachweisen, wenn Papiere verbrannt wurde oder in geheimen Archiven beteiligter Banken lagern, die kein Interesse haben, ihre Verstrickung aufzudecken?
Was würde ich tun?
Wichtig und nachhallend ist der Hinweis des ehemaligen Lehrers, hier seien nicht nur ausgewiesene Nazis am Werk gewesen, sondern ganz normale Menschen, die günstige Gelegenheiten nutzten. Wenn man einen knappen Lohn bezieht und beispielsweise der Liebsten für ein paar Groschen einen eleganten Hut kaufen kann, wie verhält man sich? Wenn man selbst beengt wohnt und nebenan das Haus für einen Schnäppchenpreis zum Verkauf steht, wie verhält man sich?
Täter kann jede und jeder werden. Eindrücklich wird den Anwesenden klar, das menschliche Versagen betrifft uns alle. Immer. In der Vergangenheit und künftig. Erst dieses menschliche Versagen machte die Verbrechen der Nationalsozialisten möglich.
Selbst recherchieren
Diejenigen, die selbst zum Themenfeld „Arisierung“ und weitere Verbrechen der NS-Zeit forschen wollen, können bei Dennis Röhrig Unterstützung und Hinweise bekommen. Der Stadtarchivar von Montabaur stellte beim Vortragsabend umfassend Recherchemöglichkeiten vor. Von Kaufverträgen, über Ortschroniken, Gewerberegister und Zeitungsarchive – die geschichtlichen Geheimnisse des Unterwesterwaldkreises können anhand zahlreicher Akten und Daten, die im Stadtarchiv aufbewahrt werden, ans Licht kommen.
Die Veranstaltung war eine Kooperation von: Katholische Erwachsenenbildung Westerwald – Rhein-Lahn (KEB), Evangelisches Dekanat Westerwald, Gesellschaft für christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg und Stadt Montabaur.
Pressemitteilung
Katholische Erwachsenenbildung im Bistum Limburg
