Hospiz-Verein richtet Stelle für Trauer- und Traumakoordination ein
Regelmäßige offene Trauergruppe installiert
Professionelles Team befähigt Multiplikatoren aus Vereinen und Einrichtungen aller Art
Kreis Ahrweiler. Sie haben Schlimmes gehört, gesehen, erlebt und erlitten. Bei einigen kommt es jetzt erst hoch; andere „arbeiten“ seit der Flutnacht daran. Die Menschen im Kreis Ahrweiler haben traumatische Erlebnisse zu bewältigen, viele trauern. Ihnen möchte der Hospiz-Verein Rhein-Ahr mit seinem neuen Angebot der Trauer- und Traumakoordination des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr. Nicht im Kleinen, sondern auf breiter, professioneller Basis und indem er einen besonderen Fokus auf Multiplikatoren legt. Als Reaktion auf die Flutkatastrophe hat er eine Koordinationsstelle für Trauer- und Traumabegleitung eingerichtet, die vom Deutschen Hospiz- und Palliativverband, von der Deutschen Hospizstiftung und von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gefördert werden.
„Viele Ahrtaler haben ihnen nahe stehende Menschen, Häuser, Wohnungen und Erinnerungen verloren. Und wer selbst nicht direkt betroffen ist, der kennt jemanden, dem das passiert ist, oder er leidet, weil er sich mit den anderen Menschen in der Region verbunden fühlt oder weil seine Lebensmittelpunkte weggeschwemmt, seine Heimat verwundet wurde“, sagt die Vorsitzende des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr, Ulrike Dobrowolny: Die Katastrophe ließ oft kein Abschiednehmen in Würde zu, wie es der Hospizbewegung ein zentrales Anliegen ist, sondern sie bedeutete Abbruch. „Ich habe mich gefragt, welchen Beitrag wir leisten können“, sagt Dobrowolny, auch weil der Verein nicht nur Menschen in schweren Stunden begleitet, sondern auch seit Jahren Trauerarbeit anbietet. Dobrowolny betont: „Trauer gehört - genauso wie das Sterben und der Tod - zum Leben.“ In der Trauer stecke als Verarbeitungsprozess vielleicht sogar ein Weg zur Bewältigung der Krise. Helfen würden Zuhöre, Gesprächspartner und Menschen, die mit den Schicksalen umgehen könnten.
Der Hospiz-Verein dazu ein professionelles Koordinations-Team gebildet mit Christa Kosmala, Klaus Plate und Christian Falkenstein. „Wenn wir drei auf 40 000 Ahrtaler treffen, können wir nicht viel ausrichten. Deswegen ist das Multiplikatoren-Konzept so wichtig, damit Institutionen, Rettungsdienste oder sonstige Helfer Unterstützung bekommen und viele Hilfe erhalten“, erklären sie.
Christian Falkenstein ist als Dernauer selbst betroffen. Auch das Haus des gebürtigen Bad Neuenahrers ist von den Fluten zerstört worden. Jetzt möchte der Diplom-Psychologe und psychologischer Psychotherapeut, der noch als leitender Psychologe an einer Klinik in Daun tätig ist, sich besonders auch auf dem seelischen Wiederaufbau seiner Heimat widmen. Klaus Plate ist Diplom-Sozialarbeiter und Supervisor und stammt aus Sinzig. Auch wenn er mittlerweile in Bonn wohnt, hat er immer noch zahlreiche Verbindungen ins Ahrtal. Seit zwei Jahren ist er als ehrenamtlicher Hospizbegleiter tätig und war drei Tage nach der Flut im Ahrtal zur Akutintervention. Unter anderem in Bad Bodendorf hat er mit Menschen in der Krise gesprochen, aber als die Anlaufstelle in der dortigen Schule aufgelöst worden sei, sei auf einmal kein Ort mehr für Gespräche vorhanden gewesen. „Das war alles nicht so verbindlich. Jetzt bin ich froh, als Koordinator die Arbeit weiterentwickeln zu können.“ Begleitet wurde er ins Ahrtal teilweise von Christa Kosmala. Die psychosoziale Beraterin, Beraterin in Psychotraumatologie und Supervisorin hat viel Familien- und Jugendarbeit gemacht und weiß, dass Trauer und Trauma viel gemein haben, aber nicht immer patholologisch sind. Und auch, dass Trauer und Depression in der Symptomatik oft eng beieinander liegen: „Da muss man genau hinschauen, mit Fachkompetenz, und wissen, wo die Unterschiede liegen und wann weitere therapeutische Hilfe nötig ist.“
Aber erstmal könnte jeder Hinschauen. Dobrowolny: „Es geht um normale Menschlichkeit, zuhören, Dasein, trösten und in den Arm nehmen.“ Durch Zuwendung könne man Entlastung schaffen, wo Druck empfunden werde. Wo viel Verunsicherung herrscht, möchten die Trauer- und Traumakoordinatoren Sicherheit geben, wo ein Ausweg schwierig scheine, Lebenskonzepte durchkreuzt wurden, Optionen erarbeiten.
Der Hospiz-Verein kooperiert in seiner Tätigkeit mit Kliniken in der Region und hat in Sachen Trauer- und Traumakoordination auch schon Schulungen in Senioreneinrichtungen abgehalten. In Anspruch nehmen können diese alle, die Unterstützung für ihre Teams oder Kollegen suchen. Kosmala, Falkenstein und Plate unterstützen örtliche Initiativen, kirchliche und sonstige Einrichtungen von der Kita bis zum Seniorenheim oder auch Vereine beim Aufbau von Angeboten der Trauer- und Traumabegleitung für von der Flut Betroffene, wirken bei der Vernetzung von entsprechenden Hilfsangeboten mit und arbeiten auch an „Runden Tischen“ für diese Zielgruppen mit. Die drei Fachkräfte entwickeln individuell in Abstimmung mit Anfragenden Hilfsangebote und machen Präventionsangebote zur Vermeidung von Traumafolgestörungen. Sie befähigen Ehrenamtliche für die Trauerbegleitung und bieten Supervision für hauptamtliche Pflegekräfte, Erzieher oder Sozialarbeiter im Umgang mit traumatisierten oder trauernden Menschen und stehen zur Verfügung für Arbeitskreise und Infoveranstaltungen. Sie führen auch selber Trauerbegleitungen für Einzelne und Gruppen durch. Eingerichtet haben sie auch eine Trauergruppe als regelmäßige offene Gruppe, in der sich Menschen zusammenfinden können, um gemeinsam über Verluste zu sprechen. Weitere Infos beim Hospiz-Verein Rhein-Ahr, 02641/2077969, www.hospiz-rhein-ahr.de/Trauer und Trauma.
Pressemitteilung
Hospiz-Verein Rhein-Ahr
