VdK Kreisverband feierte seinen 70. Geburtstag
Sozial Benachteiligte sollen zu ihrem Recht kommen
Sozialverband entstand aus der Solidarität im Nachkriegsdeutschland
Neuwied. „Das kleine Mädchen freute sich über den Tod ihres älteren Bruders. Jetzt hatte es endlich warme Kleidung. Es darf nie wieder dazu kommen, dass die Not größer als die Liebe ist“, das sagte Willy Jäger, der Landesvorsitzende des VdK. Er kam nach Neuwied, um dem Kreisverband Neuwied zu seinem 70. Geburtstag zu gratulieren. Ein Stück deutscher Geschichte wurde zur 70-Jahrfeier lebendig. 1947 lag Deutschland noch in Trümmern. Vor allem aber litten die Menschen unter dem Hunger und drei extrem kalten Wintermonaten. Der Wiederaufbau Deutschlands war im Gange, die Infrastruktur und das öffentliche Leben mussten wiederhergestellt werden. Vor allem aber musste die Bevölkerung versorgt werden. „Es entwickelte sich ein Netz der Selbsthilfe und Solidarität“, erinnerte der Kreisvorsitzende Hans Werner Kaiser. In siebzig Jahren hat sich der VdK stark gewandelt. Nach der Gründung stand vor allem das Wohl der Kriegsopfer und Versehrten im Fokus. Die Invaliden standen mit leeren Händen da, weil die Alleierten die Militärrenten abschafften. 50 Prozent der Arbeitslosen hatten Behinderungen. Im Laufe der Jahrzehnte änderte sich die Zielgruppe. Die Solidarität und der Kampf für die soziale Gerechtigkeit sind geblieben. Ab den 1970er Jahre widmete sich der VdK allen Behinderten und wurde dessen Interessensverband. Heute kümmert sich der VdK um alle Hilfesuchenden, egal ob Jung oder Alt. Häufig handelt es sich um Menschen, die Opfer von Unfällen oder Gewalt wurden. Einen Mitgliederzuwachs von über 50 Prozent brachte die Einführung der Sozialgesetzgebung II (Harz IV) mit sich. „Die sozialrechtliche Beratung ist einer unserer Aufgabenschwerpunkte“, sagte Willy Jäger. Warum das so ist, erfuhren die Gäste einige Reden später. In seiner Festrede erklärte Bundesminister a.D. Franz Müntefering: „Ich habe großen Respekt vor den Mitarbeitern in der Verwaltung. Vieles von dem, was der Gesetzgeber beschließt, ist in der Praxis nicht immer leicht umzusetzen“. Die Liste der Festredner war am vergangenen Freitag im Amalie-Raiffeisen-Saal der Volkshochschule lang. Im Mittelpunkt aber standen zwei Männer. Helmut Hillen (Neuwied) und Otto Häs (Leutesdorf) wurden von Franz Müntefering und Hans Werner Kaiser als Gründungsmitglieder von 1946 und 1947 geehrt. Seit der Gründung hat sich der VdK zur größten sozialen Interessensvertretung in Deutschland entwickelt. „Wir kämpfen dafür, dass sozial Benachteiligte zu ihrem Recht kommen. Dafür begleiten wir unsere Mitglieder zur Not bis vor Gericht“, unterstrich Willi Jäger. Eine „unsäglich gute Arbeit für die Bürger“ bescheinigte Landrat Rainer Kaul dem VdK. Als Verwaltungschef hat er häufig mit dem VdK zu tun. „Heute steht nicht das Gratulieren, sondern die Danksagung im Vordergrund“, meinte Nikolaus Roth.
Neuwied als besonderer Standort
Der Oberbürgermeister zeigte sich stolz, dass nicht nur der VdK Kreisverband in Neuwied, sondern auch der VdK Landesverband in Neuwied gegründet wurde. Es könne, so spekulierte Nikolaus Roth, damit zusammen hängen, dass bereits 150 Jahre zuvor in Neuwied eine der ersten Schulen für Sehbehinderte und Blinden im Land gegründet wurde. Heute sei Neuwied einer der größten Standorte mit Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Im Jahr vor dem 200. Geburtstag von Friedrich-Wilhelm Raiffeisen und im Saal, der an dessen Tochter erinnert, schlug Nikolaus Roth die Brücke zum einstigen Heddesdorfer Bürgermeister. Der erblindete nämlich im Alter. Seine Tochter Amalie, stellte ihr Leben ganz in den Dienst des Vaters, um dessen Genossenschaftsidee zu unterstützen. Friedrich-Wilhelm Raiffeisen kam aus der Fürsorge, bevor er auf den Genossenschaftsgedanken kam. Beim VdK sei das ähnlich. „Mit der Mitgliedschaft muss man erst der Gemeinschaft beitreten, bevor man Hilfe bekommt“, so Neuwieds Stadtchef. Sein Kollege aus Linz, Stadtbürgermeister Dr. Hans-Georg Faust, ist gleichzeitig Vorsitzender einer von 25 VdK Ortsverbänden im Kreis Neuwied. Er erinnerte daran, dass es zwei paar Schuhe sind, Recht zu haben und Recht zu bekommen. Einem Rechtsstreit sei der Einzelne meist gar nicht gewachsen. Der VdK stünde den Menschen mit Rat und Tat zur Seite. Dies sei die Hauptaufgabe des Kreisverbands. Der Erfolg des Sozialverbands basiere auf dessen Organisationsstruktur. Der Bundesverband nehme nach Möglichkeit Einfluss auf die Gesetzgebung. Ist in Berlin ein geschätzter Ratgeber, kann aber auch zum erbitterten Gegner werden. Ähnliche Arbeit leiste der Landesverband in der Landespolitik. Als Fundament des VdK bezeichnete Dr. Hans-Georg Faust die Ortsvereine. Über diese informiert der Sozialverband seine Mitglieder und bietet Freizeitaktivitäten an. Franz Müntefering nutzte seinen Auftritt, um für Frieden, Demokratie und ein geeintes Europa zu werben. 72 Jahre Frieden in Europa, das habe es seit Jahrhunderten nicht gegeben. Der ehemalige Bundesminister erlebte die Nachkriegszeit als Kind. Durchschnittlich sechs Quadratmeter standen jedem Deutschen zur Verfügung. Der Hunger war groß und das wichtigste Utensil für die Schüler war das Essbesteck. „Zumindest in der Schule wurden wir Kinder mit etwas Essen versorgt“, erinnerte sich Franz Müntefering. FF
