Im Rahmen der Konzertreihe „Musik in alten Dorfkirchen“: „Las Migas“ aus Spanien in der Evangelischen Kirche in Selters
Spanische Töne ließen die Wäller beben
Selters. Menschenschlangen vor der evangelischen Kirche in Selters, das gibt es doch sonst nicht einmal am Heiligen Abend. Was war los? Im Rahmen der erfolgreichen Reihe „Musik in alten Dorfkirchen“, hatte sich das spanische Flamenco- und Weltmusikquartett „Las Migas“ angekündigt. Die vier virtuosen Damen aus Barcelona haben auf den großen Bühnen der Welt ihr Publikum bereits erobert. Diese Qualität scheint sich bis Selters herumgesprochen zu haben, die Kirche war nicht nur bis auf den letzten Platz besetzt, sogar Notstühle wurden im Mittelgang gestellt, die Empore war in zwei Reihen belegt, sogar auf den Treppen zur Empore saßen Besucher. Das Konzert von „Las Migas“ war also nicht nur ausverkauft, sondern „restlos ausverkauft.“ Das freute natürlich Uli Schmidt, der Vorsitzende der „Kleinkunstbühne Mons Tabor e. V.“ zeigte sich bei seiner kurzen Begrüßung und Einführung in das Konzert vom äußeren Rahmen sehr beeindruckt. Die Attraktivität der Konzerte aus der Reihe „Musik in alten Kirchen“ hat sich bis weit über die Grenzen des Westerwalds hinaus herumgesprochen. Besucher aus den umliegenden Landkreisen sind keine Seltenheit, manche besuchen sogar alle Konzerte.
Leidenschaft und Begeisterung
Dann endlich war es soweit, die vier Grazien aus vier verschiedenen Städten Spaniens betraten die Bühne, mit freundlichem Beifall empfangen, als eine Art Vorschusslorbeeren war dieser Applaus zu verstehen. Zu diesem Zeitpunkt konnte das Publikum noch nicht ahnen, dass bei vielen am Ende des Konzertes die Handflächen gerötet sein würden. Einzelne Titel aus dem Konzert vorzustellen gestaltet sich als etwas schwierig, da die Damen der deutschen Sprache nicht mächtig waren, die Kommunikation erfolgte auf Englisch und Spanisch. Da Musik ja bekanntlich auf der ganzen Welt Mauern einreißt, sprang der Funke der Begeisterung schnell von der Bühne in das Kirchschiff über.
„Las Migas“ heißt übersetzt „Die Krümel“, die Musikerinnen sehen sich als „Krümel“ vom Brot, das der Flamenco ist. Migas nennt sich aber auch ein Armeleuteessen in Spanien, das je nach Region sehr deftig sein kann. Ein Konzertkritiker hat zutreffend ein Konzert von „Las Migas“ folgendermaßen beschrieben: „ In der Musik von Las Migas vermengt sich Flamenco mit lateinamerikanischen Elementen, Pop- und Folkklängen, sowie einer jazzigen Note, auf unnachahmliche Weise zu einem wohlklingende Ganzen.“ Genauer kann die Qualität des Konzertes nicht beschrieben werden, Punktlandung. „Las Migas“ nur auf den Flamenco zu reduzieren, würde ihnen nicht gerecht. Je länger das Konzert andauerte, umso mehr verstärkte sich das Gefühl, dass die Damen unter dem Oberbegriff „Weltmusik“ richtig beschrieben sind. Sie wechselten ständig die Stilrichtung ihrer Musik, vom Flamenco zum Latino- Pop bis zum Fado, auch Jazzelemente gehörten zum Programm. Ohne Neid überlassen die Gitarristinnen Marta Robles und Alicia Grillo sowie Roser Loscos mit ihrer Violine, der Sängerin und Tänzerin Bego Salazer die besondere Aufmerksamkeit des Publikums. Es war ein Augen- und Ohrenschmaus, was die sehr zierlich wirkende Künstlerin auf der Bühne bietet. Ihr Gesang, mal melodisch einfühlsam, fast schmachtend, dann wieder schneidend und energisch, mit anschwellender Lautstärke, auch ohne Mikrofon, riss jeden im Kirchenschiff mit. Dazu passte die Mimik der Sängerin, der ihre beim Gesang durchlebte Gefühlswelt wie Freude, Trauer, Schmerz, aber auch Leidenschaft, je nach Stimmung im Gesicht abzulesen war. Bego Salazar begeisterte auch mit ihren Tanzeinlagen, voller Eleganz und Temperament, ihre Soloeinlagen zum Flamenco oder Habenera, schufen in der Kirche eine kaum zu beschreibende Stimmung. Die ausgeprägte Harmonie innerhalb des Quartetts zeigte sich immer wieder, wenn die übrigen Musikerinnen bei grandiosen Soloauftritten, sozusagen im Scheinwerferlicht standen. Spanisch geübt wurde übrigens auch, der Berichterstatter hat sich extra die Wörter bestätigen lassen, die das Publikum zu einem Song der „Las Migas“ lernen musste. Sie lauteten: „Calabazin, Calabazón, a ese bicho lo mato.“ Spätestens bei diesem „Workshop Spanisch“ war der Bann gebrochen, Marta Robles übte die Zungenbrecher, bis es klappte. Beim folgenden Lied bebte die Kirche, weil alle stimmgewaltig mit ihrem Spanisch glänzen wollten, um in den Refrain des Liedes einzustimmen. Abwechselnd feuerten „Las Migas“ das Publikum an, sich selbst einzubringen, was ohne Wenn und Aber angenommen wurde. Wenn die Besucher nicht weiter wussten, dann erschallte ein vielfachen „Olé“ oder „Muchos gracias“.
Langsam, aber sicher, wandelte sich das Kirchenschiff in eine Feierlounge. Standing Ovations und nicht endender Beifall belohnte die glücklichen Musikerinnen, die in der kleinen Kirche so engagiert spielten und sangen. Nach dem Konzert standen vor der Kirche noch Menschentrauben mit glücklichem Gesichtsausdruck zusammen, die das Konzert noch einmal gemeinsam Revue passieren ließen.
Die vier attraktiven und leidenschaftlichen Sängerinnen zogen das Publikum völlig in ihren Bann.
Marta Robles und Alicia Grillo spielten mit viel Gefühl (v. li.).
Alicia Grillo war virtuos an ihrer Gitarre.
