Intendant Peter Nüesch schaut auf zehn Jahre Burgfestspiele Mayen zurück
Theater muss die Menschen berühren
Mayen. Im Jahr 2007 übernahm der im St. Galler Rheintal geborene Peter Nüesch die Intendanz der Burgfestspiele in Mayen. Nach zehn Jahren geht nun seine Amtszeit auf der Genovevaburg zu Ende. Grund genug für unseren Mitarbeiter Gregor Schürer, sich mit dem Multitalent aus der Schweiz, das inszeniert, schreibt, spielt und singt, zu treffen.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass mir ein trauriger Mann gegenüber sitzt. Denn Peter Nüesch hat zum einen gerade seine Mutter verloren. Und steht zum anderen am Beginn seiner letzten Saison der Burgfestspiele, seine Intendanz endet nach zehn Jahren. Doch der Betroffene ist tiefenentspannt, sein gebräuntes Gesicht zeigt sogar ein verschmitztes Lächeln. Auf Nachfrage erklärt er mir die Gründe. Seine geliebte Mutter sei hochbetagt und leicht gegangen, im Kreise der Familie, das mache den Verlust erträglicher. Und als Intendant und Schauspieler gehöre er zum „fahrenden Volk“, das nehme Abschiede nicht so schwer. Eigentlich habe man nach sieben Jahren an einem Ort schon alles erreicht. Da könne man nur noch versuchen, das Niveau zu halten. Und in seinem Beruf sei es logisch, irgendwann weiterzuziehen.
Außerdem freue er sich darauf, was kommt.
Ein fröhlicher Abschied
„Was kommt denn?“, frage ich. Ein Stück mehr Freiheit, denn als Intendant ist man natürlich Zwängen ausgesetzt und Teil eines großen künstlerischen Betriebes. Das ist demnächst vorbei, er muss nur noch für sich selbst entscheiden. Kann tun und lassen, was er will. Und frei wählen, was er wann und wo mit wem macht. Allerdings, so gibt er gleich offen zu, hat er sich für die Zeit nach Mayen schon wieder viel zu viel Termine und Verpflichtungen aufgeladen.
Doch zunächst sei ein Blick zurück gestattet: Wie fällt denn die Bilanz des „Hans Dampf in allen Theatergassen“ nach einer Dekade aus? Da muss der Mann, der im September 67 wird, nicht lange überlegen. Er ist sehr zufrieden, es waren zehn prall gefüllte Jahre, in denen er alle Register ziehen konnte. Was für ein seltenes Privileg, alle großen Rollen gespielt zu haben. Und er gibt freimütig zu, nur aus diesem Grund Intendant geworden zu sein, weil er sich endlich Stücke und die Charaktere selbst aussuchen wollte.
Sternstunde und Liebeserklärung
Gibt es denn eine Sternstunde in seiner Mayener Zeit? Er denkt lange nach, bevor er antwortet: „Das ist wie mit der Liebe. Wenn man sich verliebt, ist diese Frau in dem Moment die Liebe des Lebens. Und beim Theater ist die Rolle und das Stück, was man gerade spielt, das Größte und Beste, was man je gemacht hat.“ Immer hat er gedacht, das war jetzt der Höhepunkt - bis der nächste kam.
Zwei Dinge sind es dann aber doch, die ihn rund um die Burg besonders bewegen. Zum einen das Publikum, das ihm die Treue gehalten hat, auch bei schlechten Kritiken und widrigsten Wetterbedingungen gekommen ist, ihn frenetisch gefeiert hat und ausgestattet war wie zur Polarexpedition. Und zum anderen der Pate der Festspiele, Mario Adorf, dem er dankbar ist für seine Treue und den er bewundert für seine Echtheit und Wahrhaftigkeit, eine Erscheinung, ein Mann ohne Makel, „dem glaub ich jedes Wort“.
Ein Blick nach vorn
Doch viel lieber als in die Vergangenheit möchte Peter Nüesch nach vorn schauen. Denn für seinen Abschied hat er zwei ganz besondere Stücke ausgesucht. Da ist „M. Butterfly“, ein Werk des asiatisch-amerikanischen Dramatikers David Henry Hwang, 1988 am Broadway uraufgeführt. Dort, in New York, hat es Nüesch selbst gesehen. Es trug Hwang eine Nominierung für den Pulitzerpreis ein, hat den Sprung nach Europa aber nie richtig geschafft. Manche kennen die 1993 entstandene Verfilmung von David Cronenberg mit Jeremy Irons. Lange trug der Mann mit den hellblauen Augen und dem auffälligen Ohrschmuck die tragische Liebesgeschichte mit sich herum, bis nun endlich die Zeit gekommen war, sie hier zu zeigen. Sicher ein Wagnis, aber eines, das er sich am Ende seiner Intendanz traut.
Dann noch „Ewig jung“, ein Stück über hochbetagte Schauspieler, das am Thalia Theater in Hamburg 2001 seinen Siegeszug über die deutschen Bühnen begann. Ein augenzwinkernder Abgang und Abgesang auf ihn selbst? Vielleicht, Humor und Ironie hätte Peter Nüesch genug dafür.
Was treibt ihn nach so einem langen Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, noch an? Auch darauf bleibt er keine Antwort schuldig. „Theater muss berühren, es muss den Menschen packen und alle seine Sinne ansprechen.“
Und was wünscht er sich für die Zukunft auf der Burg? Dass die Menschen den Festspielen die Treue halten, die Sponsoren weiterhin so großartig unterstützen, die Besucher kommen und zuschauen, denn „nur ein volles Theater ist ein gutes Theater.“ Dieses Kleinod zu erhalten, daran müsse gearbeitet werden.
Und was wünscht er sich für sich selbst? Er möchte noch ein Kinderbuch schreiben, Hörbücher produzieren, viele Lesungen machen - und endlich wieder am Klavier sitzen und Chopin spielen. Und leben und lieben. Getreu dem Motto „Das Leben ist ganz wunderbar. Man muss nur hinsehen.“
Alles Gute, Peter Nüesch!
SCHÜ
