Archäologische Ausgrabungen in Polch beendet
Tiefe Einblicke in die Vergangenheit
Polch. In Polch, Kreis Mayen-Koblenz, führte die Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz der Generaldirektion Kulturelles Erbe in Kooperation mit der Stadt Polch von März 2015 bis Ende Oktober 2017 systematische Ausgrabungen auf einem etwa 20 Hektar großen Gelände durch. Dort soll das Gewerbegebiet „Vor Geisenach/Im Bruch“ erweitert werden, um u.a. für die Firma Griesson - de Beukelaer Platz zu schaffen. Im Vorfeld der Ausgrabung durchgeführte geomagnetische Prospektionen hatten gezeigt, dass die bisher als Ackerland genutzte Fläche eine Vielzahl von archäologischen Befunden birgt. Die äußerst fruchtbaren und wegen ihres Bimsgehaltes vergleichsweise lockeren mineralischen Böden machten die Landschaft um Polch, das sogenannte Maifeld, zu einem bevorzugten Siedlungsraum für Ackerbau und Viehhaltung.
Sensationelle Funde
Bei den flächigen Ausgrabungen konnte dann eine wiederholte Benutzung als Siedlungs- und Bestattungsplatz von der Jungsteinzeit bis in die römische Zeit, also von 5300 v. Chr. bis ins 4. Jahrhundert n.Chr. nachgewiesen werden. Festgestellt wurden die Überreste eines Siedlungsplatzes der bandkeramischen Kultur (Ende 6. bis Anfang 5. Jahrtausend v. Chr.) aus der frühen Jungsteinzeit
- einer Siedlung der jüngeren Jungsteinzeit (sog. Michelsberger Kultur, 4. Jahrtausend v. Chr.)
- einzelne Gräber der späten Jungsteinzeit (sog. Glockenbecherkultur, 2. Hälfte 3. Jahrtausend v. Chr.)
- eines Gräberfeldes der jüngeren Bronze- und älteren Eisenzeit (10.-5. Jahrhundert v. Chr.)
- einer eisenzeitlichen Siedlung (sog. Hunsrück-Eifel-Kultur, 7.-3. Jahrhundert v. Chr.)
- und eines römischen Gutshofes (sog. villa rustica) mit aufwendiger unterirdischer Qanat-Wasserleitung (2.-3. Jahrhundert n. Chr.).
Gut erhaltenes Gräberfeld
Im Nordosten der Grabungsfläche befand sich ein Gräberfeld aus der jüngeren Bronze- und älteren Eisenzeit (10. bis 5. Jahrhundert v. Chr.), das den Schwerpunkt der ersten Grabungskampagne in 2015 bildete. Der Friedhof umfasste sowohl Flachgräber als auch Überreste von Hügelgräbern, die von Kreis- oder Langgräben umgeben waren Rund 50 Urnen- und Körperbestattungen wurden geborgen.
Bemerkenswert ist das Körpergrab einer Frau mit reichhaltiger Schmuckausstattung aus der Zeit um 550 v. Chr. Die Verstorbene trug am rechten Unterarm sieben und am linken fünf Armringe. Als Schläfenschmuck dienten zwei Wendelringe mit einem Durchmesser von ca. 15 cm. Mit einem kleinen Bronzedrahtring waren sie zu beiden Seiten des Kopfes an einer Haube oder sonstigen Haarbedeckung befestigt. Eine Besonderheit stellt die Form des Halsschmucks dar. Es handelt sich um einen sog. Spiraldrahthalsring mit anhängenden Kettchen, der zum ersten Mal in vollständiger Form gefunden wurde. Er besteht aus einem ursprünglich rund 2,70 m langen Bronzedraht, der zu 78 engen, sich überlappenden Spiralwindungen gedreht wurde. In 49 der Windungen sind kurze Kettchen mit je vier Ringen eingehängt. Aus der überdurchschnittlich reichhaltigen Schmuckausstattung der Verstorbenen ist zu schließen, dass sie zu den wohlhabenden Damen der Region gehörte.
Besiedlung durch mehrere Generationen
Besonderes Augenmerk der Ausgrabungskampagnen 2016 und 2017 galt einem Siedlungsplatz der frühneolithischen bandkeramischen Kultur aus der Jungsteinzeit (Neolithikum) von etwa 5.300 bis 4.950 v. Chr. Sie liegt im südwestlichen Teil des Untersuchungsareals an einem leicht geneigten Hang in der Nähe eines kleinen Bachlaufs. Reste eines Grabens deuteten auf eine Einhegung der Siedlung hin. Trotz großer Verluste an alter Oberfläche durch Bodenerosion konnten zahlreiche Pfostenlöcher den Grundrissen von bislang sieben rechteckigen Großbauten mit Längen zwischen 17 und 43 Metern zugeordnet werden. Leichte Abweichungen in der Nordwest-Südost-Ausrichtung der Häuser zeigen, dass die Gebäude nicht alle gleichzeitig bestanden haben, sondern der Platz über mehrere Generationen hinweg besiedelt war.
Viele erstaunlich gut erhaltene Funde stammen vor allem aus großen Siedlungsgruben, die direkt bei den Langhäusern lagen. Sie waren bei der Lehm- und Tonentnahme entstanden und später mit Abfall verfüllt worden. Geborgen wurden Keramikfragmente überwiegend von Kochtöpfen (Kümpfen), Schalen und flaschenartigen Gefäßen, Spinnwirtel, zahlreiche Artefakte aus Knochen, Geweih und unterschiedlichen Steinarten (Abb. 7-8), außerdem Muschelschalen und Tierknochen von Rind, Schaf, Ziege und Schwein als Speise- und Schlachtabfälle sowie Rötelstücke (Roteisensteine), die zur Gewinnung von Farbstoff dienten. Die reich verzierte Gefäßkeramik weist die charakteristischen gefüllten bogen- und winkelförmigen Bandornamente der jüngeren bandkeramischen Kultur gegen Ende des 6. Jahrtausends v. Chr. auf. Häufig haben sich die glänzend geglätteten Oberflächen und die Reste der weißen Farbpaste (Inkrustation) erhalten, mit denen die eingeritzten Linien und Einstiche ausgefüllt wurden. Das kleine Fußbruchstück einer Tonfigur (sog. Idol) vermutlich in Menschengestalt ist das erste Fragment einer solchen Kleinplastik der Bandkeramik im Gebiet von Mittelrhein und Mosel und ein besonderer Beleg für das künstlerische Gestalten der frühen Ackerbauern vor rund 7000 Jahren.
Überreste einer römischen Wasserleitung
Überraschend in Polch war die Entdeckung eines unterirdisch durch den Lösslehm führenden Wasserleitungssystems aus römischer Zeit (2.-4. Jahrhundert n. Chr.). Drei, über mehrere hundert Meter durch die Ausgrabungsfläche verlaufende Leitungsstränge führten einst fließendes Wasser einem großen Gutshof (villa rustica) zu, dessen Überreste östlich außerhalb des Plangebietes in einem Acker liegen.
Die Polcher Wasserleitungen hatte man im so genannten Qanatverfahren errichtet, einer im alten Persien entwickelten und von den Römern häufig angewandten Bauweise. Auf der Trasse der geplanten Wasserleitung wurden in regelmäßigen Abständen senkrechte Schächte bis zur vorausberechneten Tiefe abgeteuft (Abb. 10-11) und von dort in beide Richtungen in Sohlenhöhe Stollen vorgetrieben, so dass ein durchgehender Tunnel entstand. Die eigentliche Wasserführung war eine auf der Sohle des Tunnels verlegte Rinne aus Schieferbruchsteinen (Abb. 12-13). Die Wasserrinnen liegen in einer Tiefe von etwa 4,0-8,0 m unter der heutigen Oberfläche. Ein Gefälle zwischen 1,0 und 2,5 % ermöglichte das gleichmäßige Abfließen des Wassers zu Sammelstellen und zum Gutshof. Die mit großem Aufwand in Tunnelbauweise errichteten Wasserleitungen versorgten das römische Landgut mit frischem fließendem Wasser für die Badeanlage, Zierteiche und die Gärten.
Pressemitteilung Generaldirektion Kulturelles Erbe, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz
Grabungsfläche mit freigelegten Kreisgräben und einem im Mittelrheingebiet seltenen Langgraben (im Vordergrund) als Überreste von eingehegten Grabhügeln. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Gensty
Körpergrab einer Frau mit Schmuckausstattung, das nur ca. 30 cm unter der heutigen Oberfläche lag. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Gensty
Luftbild von Norden über einen Teil der Grabungsfläche. Vorne links der Pfostengrundriss eines bandkeramischen Langhauses mit Resten eines Wandgrabens vor der nordwestlichen Giebelseite. Gesamtlänge ca. 43 m. Die große unregelmäßige Bodenverfärbung in der Bildmitte ist eine neuzeitliche Lehmentnahmegrube, die kreisförmige Verfärbung rechts daneben ein verfüllter Bombentrichter aus dem 2. Weltkrieg. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Gensty
Reichhaltige Schmuckgarnitur aus Bronzeringen. Sowohl die strichgruppenverzierten Armringe (Innendurchmesser 5,3 bis 5,9 cm) als auch die Schläfenwendelringe (Durchmesser 15 cm) gehören zum geläufigen Schmuckrepertoire aus Frauengräbern der Älteren Hunsrück-Eifel-Kultur. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Neumann
Eine Besonderheit ist der Spiraldrahthalsring mit einem inneren Durchmesser von ca. 12,5 cm. In die meisten Windungen sind Kettchen aus je vier offenen Ringen eingehängt. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Neumann
Auswahl von verzierten Keramikbruchstücken, dreieckigen Pfeilspitzen und Klingen aus Feuerstein sowie von Pfriemen aus Tierknochen und Griffstücken aus Geweih. Länge des Geweihgriffs links 14 cm. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Neumann
Kleine, fein geschliffene Dechselklinge aus Amphibolit für die Holzbearbeitung. Länge 6,6 cm. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Neumann
Fußbruchstück einer Kleinplastik aus Ton (sog. Idol) mit durch Ritzlinien angedeuteten Zehen. Länge 5 cm. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Neumann
In Reihe liegende Schächte des nordwestlichen Qanat-Strangs im Planum. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Gensty
Oberes Teilprofil eines Schachtes des nordöstlichen Qanat-Strangs mit verschiedenen Einfüllschichten. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Gensty
Grabungsarbeiten am nordöstlichen Qanat-Strang. Im Vordergrund wird in 7 m Tiefe die aus Schieferbruchsteinen angelegte Wasserrinne freigelegt. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Gensty
Freigelegtes Teilstück der aus Schieferbruchsteinen errichteten Wasserrinne des nordwestlichen Qanat-Strangs. Foto: GDKE, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Koblenz / M. Gensty
