Ex-Bundespräsident Joachim Gauck stellte in Maria Laach sein neues Buch vor
„Toleranz – einfach schwer“
Maria Laach. Ca. 400 Besucher waren am Montag, 1. Juli, in den Saal des Laacher Forums geströmt, um den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck einmal aus nächster Nähe zu erleben. Der ebenso sympathische wie empathische Autor war nach Maria Laach gekommen, um hier sein Buch „Toleranz – einfach schwer“ vorzustellen, das er gemeinsam mit der Co-Autorin Helga Hirsch verfasste. Gauck zeigte sich ausgesprochen überrascht, dass so viele Leute gekommen waren. „Wo kommen Sie denn alle her? Wohnen Sie hier?“, fragte er sichtlich erstaunt in die Runde.
Zunächst jedoch begrüßte Prior-Administrator Petrus Nowak den Gast mit den Worten: „Es ist für uns eine Ehre, dass Sie bei uns sind, und mit uns in ein wichtiges und notwendiges Gespräch eintreten. Sie werden über Toleranz sprechen. Das geflügelte Wort steht für Offenheit, Freiheit, Pluralität und vergessen wird dabei zu leicht, dass das Wort Toleranz von der Grundbedeutung her das Ertragen bedeutet. Jeder Mensch ist anders. Das erfährt man im Kloster, in der Partnerschaft und das erfährt man überall, wo Menschen zusammenkommen. Auch die Mönchsregel des Heiligen Benedikt spricht von Toleranz. Diese ist nicht selbstverständlich, sondern eine bewusste Anstrengung und Leistung von uns Menschen. Im Kapitel 72 heißt es: Die Mönche sollen einander in unerschöpflicher Geduld ertragen. Leben heißt, Toleranz üben – egal, wo man lebt. Es fügt sich, dass Sie, Herr Gauck, in einer Zeit hierher kommen, in der die Ausstellung ‚Glaube und Politik – Konrad Adenauer und die Abtei Maria Laach‘ stattfindet. Konrad Adenauer hat 1933 ein Jahr hier in Maria Laach gelebt. Er und der damalige Abt Ildefons Herwegen waren politisch nicht der gleichen Ansicht. Somit ist der Aufenthalt Adenauers auch ein Beispiel für Toleranz und des gegenseitigen Respektes in Anerkennung der Verschiedenheit. Außerdem fügt es sich, dass Sie hier sind in dem Jahr, in dem wir auf 70 Jahre Grundgesetz zurückschauen, denn auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist ein Beispiel für Toleranz.“
Gauck zog Auditorium sogleich in seinen Bann
Sichtlich berührt von den Worten des Prior-Administrators stieg der 1940 in Rostock geborene Joachim Gauck sogleich in das ihm vertraute Thema ein. „Ich fühle mich durch diese Worte angenommen und ich fühle mich zu Hause. Hätte ich sie vorher gehört, dann hätte ich sie auch in mein Buch geschrieben“, so Gauck, der bei seinen Zuhörern nicht nur für Heiterkeit sorgte, sondern sie bereits nach wenigen Minuten auch in seinen Bann gezogen hatte. „Nachdem wir sehr substanzielle Worte gehört haben und auch zu sehr substanziellen Überlegungen kommen werden, wollen wir es erst einmal locker angehen lassen“, sagte er. Bevor er jedoch im Plauderton seine Sicht und seine Erlebnisse in Sachen Toleranz zum Besten gab und das Publikum faszinierte, las er einige Passagen aus seinem Buch vor: „30 Jahre ist es her, seit Deutschlands Osten nach dem Gewinn der Freiheit wiedervereinigt wurde. Ich habe mir damals nicht vorstellen können, dass es jemals notwendig sein würde, über Toleranz in unserem Land zu schreiben. Denn mit dem Gewinn von Freiheit und Demokratie musste sie sich quasi naturwüchsig dazugesellen und erweitern – davon war ich überzeugt.“ Weiter zitiert Joachim Gauck aus seinem Buch: „Die Dialogkultur hat inzwischen erheblich gelitten, ein Miteinander-Reden ist manchmal nicht mehr möglich. Statt das Gespräch oder auch den handfesten Disput mit Andersdenkenden zu suchen, ziehen sich nicht wenige Bürger in gleichgesinnte Lebenswelten zurück. Freundschaften enden aufgrund unterschiedlicher Lagerzugehörigkeit. Milieus sortieren sich neu, die etablierte Parteienlandschaft löst sich auf. Die Radikalisierung hat zugenommen. In ihrem manichäischen, auf Spaltung und Polarisierung angelegten Weltbild unterscheiden sich Rechtsradikale nicht von Linksradikalen und nicht von Islamisten. Häufig greifen sie zum Mittel der Gewalt und missachten die Rechtsordnung. Letztlich sind die Fundamentalisten unterschiedlichster Couleur aus demselben Holz geschnitzt. Als weiteres Problem sehe ich falsche Toleranz, die neben aller bewundernswerten Empathie, etwa gegenüber Menschen aus Einwanderer-Familien, nicht frei ist von Naivität und allzu großer Nachsichtigkeit. Das, was divers ist, gilt einigen allein schon wegen seiner Andersartigkeit als schützenswert. Beispielsweise ist die Politik einiger Multikulturalisten von dem Diktum bestimmt, andere Kulturen, Sitten, Religionen seien pauschal als erweiternd, belebend, eben ‚bereichernd‘ anzusehen. Wer nach konkreten Inhalten anderer Sitten und Religionen fragt und sich unter Umständen dagegen abgrenzt, gilt schnell als Rassist. Diversität gilt etlichen pauschal als das neue Leitbild.“
Die neu gewonnene Demokratie mitgestalten
Nach der Wende 1989 wurde der ehemalige Pastor Joachim Gauck ab März 1990 Abgeordneter der frei gewählten Volkskammer und war von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Wenngleich er die neu gewonnene Demokratie mitgestalten wollte, fremdelte er zunächst mit den zahlreichen Ausländern, die zum Berliner Alltag zählten. So schreibt er in seinem Buch: „Toleranz – das schien mir im wiedervereinigten Berlin aber auch eine dem ‚juste milieu‘ eigene Haltung der Indifferenz. Eine Unentschiedenheit gegenüber jeder Art von Eindeutigkeit und eine Scheu vor Verbindlichkeit – alles in allem eine entkernte Leichtigkeit. Vielen von uns aus dem Osten, die wir gerade gelernt hatten, entschieden aufzutreten, notfalls auch auf die Straßen und trotz des Risikos, auf die Gewalt des Staatsapparates zu stoßen, musste diese Toleranz unter dem Motto ‚anything goes‘ wie eine Spielart der Dekadenz erscheinen. Konfrontiert mit der Vielfalt in einer freien, offenen Gesellschaft sagte mir mein Kopf: Das ist Pluralität und Pluralität braucht Toleranz. Mein Gefühl hinkte aber hinterher – im Vertrauen fühlte ich mich sicherer.“ Amüsiert schilderte Gauck, dass er beim Anblick der vielen Döner-Läden auf dem Kudamm zunächst äußerst irritiert war. Nachdem ich jedoch meinen ersten Döner probiert hatte, musste ich zugestehen: „Es ging!“
„Ein Bedürfnis in einer Zeit des Wandels“
Ein Buch über Toleranz zu schreiben, war für Joachim Gauck „ein Bedürfnis in einer Zeit des Wandels, die bei vielen Menschen Ängste vor der Globalisierung, der technischen Revolution oder vor den Lebensstilen der Moderne schürt. Denn es gibt Leute, die – wie die AfD – mit diesen Ängsten Politik machen, die alles wieder „so wie früher“ machen wollen, ohne zukunftsfähige Lösungen für die Probleme von heute zu präsentieren.“ Toleranz sei mitunter eine Zumutung und deshalb trete er für eine ‚kämpferische Toleranz‘ ein. Er möchte die Intoleranten mit Argumenten ins Unrecht setzen, was ihm jedoch im Zusammenhang mit einem öffentlich geäußerten Plädoyer für eine „erweiterte Toleranz in Richtung rechts“ eine Menge Kritik durch die Medien einbrachte.
Mit Nachdruck unterstrich Gauck mehrfach, dass es Unterschiede zwischen konservativ, rechts und rechtsradikal gebe, denn nicht jeder, der streng konservativ sei, gefährde die Demokratie. Allerdings sollten Probleme, die etwa an den Stammtischen angesprochen werden, auch thematisiert werden dürfen, und zwar in der Mitte. Man dürfe die ‚Bösen‘ nicht aus dem Diskurs ausgrenzen. Schließlich sei Toleranz nicht nur eine zivilisatorische Leistung, die den Menschen wachsen lasse, sondern ein Gebot politischer Vernunft!
Nachdem Joachim Gauck sich für den nicht enden wollenden Applaus bedankt hatte, machte er sich geduldig an das Signieren seiner Bücher. FRE
Auch der ehemalige Finanzminister von Rheinland-Pfalz und Vorsitzende des Fördervereins „Freunde der Benediktinerabtei Maria Laach“, Gernot Mittler, begrüßte Joachim Gauck im Laacher Forum.
Im lockeren Plauderton berichtete Joachim Gauck über seine Erfahrungen im Umgang mit der Toleranz.
Geduldig signierte Gauck die von seinen ‚Fans‘ erworbenen Bücher.
