Erinnerung an eine traurige Phase der Heimatgeschichte
Von rheinischen Separatisten ist vieles vergessen
Als ihr „Landrat“ erschossen wurde, verliefen sich die Separatisten in alle Winde
Mendig. Es jährt sich wieder, dass am 24. Januar der von der Separatistenbewegung eingesetzte „Landrat“ W. Schlich in der Niedermendiger Fallerstrasse abends um 21.15 Uhr auf dem Weg vom Niedermendiger Bahnhof nach Bell überfallen und dabei erschossen wurde. Was ging diesem Mord voraus?
Die Rheinische Republik
Am 23. Oktober 1923 wurde in Koblenz nach einem revolutionären Handstreich ein unabhängiger neuer Staat ausgerufen: Die Rheinische Republik. Es bildete sich eine vorläufige Regierung. Auch in zahlreichen anderen Orten des Rheinlandes rissen die Anhänger dieser separatistischen Bewegung die Macht an sich, sie strebten nach dem Ersten Weltkrieg eine Loslösung des Rheinlandes von Preussen an.
Um seine Reparationsforderungen zu sichern, war Frankreich 1923 ins Rhein- und Ruhrgebiet einmarschiert. Die Anhänger des Separatismus (Lat. separare: trennen) sahen nun eine Chance, sich von Preussen zu lösen, denn seit dem Wiener Kongress 1815 hatte Preussen auch im Rheinland die Oberhand. Gegen die Ausrufung einer Rheinischen Republik beschlossen die anderen politischen Parteien ein gemeinsames Vorgehen, das allerdings zunächst wirkungslos war, denn die „Sonderbündler“ besetzten die Rathäuser in Andernach, Plaidt, Saffig, Ochtendung, Nickenich und Niedermendig. An allen Straßenecken standen bewaffnete Posten. Horden plünderten vor allem die Lebensmittelgeschäfte, die Bäcker konnten bald nicht mehr backen, die Metzger nicht mehr schlachten!
Bürger organisieren Widerstand
Widerstand der Bürger organisiert sich, die Reichspost steuert hilfsweise taktische Veränderungen im Telefonnetz. Herbert Michels, älterer Bruder von Franz Xaver Michels, stellte für alle möglichen Fälle einen Personen- und Lastwagen frei zur Verfügung. Bekannt ist aus dieser Zeit auch das sogenannte „Michelsgeld“, mit dem die Firma F. X. Michels zur Bezahlung ihrer Mitarbeiter in der Inflationszeit eine eigene Währung geschaffen hatte, die große Wertschätzung als Zahlungsmittel gehabt hätte.
Trotz großer Verluste wollte ein Großteil der Separatistenverbände nicht an ein schnelles Ende der Bewegung glauben und verteidigten verbittert ihre Positionen.
Am 24. Januar 1924, abends gegen 22 Uhr, wurde Wilhelm Schlich, Landrat der Separatistenbewegung in Mayen, auf der Niedermendiger Fallerstrasse am Grundstück über der ehemaligen Gaststätte „Zum letzten Heller“ erschossen. Eine Verfolgung des oder der Täter hat in der betreffenden Nacht nicht stattgefunden und hat bis heute kein eindeutiges Untersuchungsergebnis ergeben. Es bleibt also nur die Erinnerung an eine traurige Phase unserer Heimatgeschichte, die anschließend mit dem Zweiten Weltkrieg in ein totales Chaos führte.
Heinz Lempertz, Mendig
