Allgemeine Berichte | 23.01.2024

Ernährung am Lebensende birgt Konfliktpotenzial, kann aber mit Achtsamkeit gelingen - Hospiz-Verein bietet Fortbildung zum Thema an

Warum im Hospiz zwei ausgebildete Köche frisch kochen: „Genuss statt Muss“

Referentin Ruth Rieckmann (re.) mit der Gruppe und Hilfsmitteln, die die Ernährung am Lebensende leichter machen. Foto: Anna Louen

Kreis Ahrweiler. Während sich von der Küche des stationären Hospizes im Ahrtal der Duft des Mittagessens verbreitete, gab es im Mehrzweckraum im Untergeschoss Kostproben von Lebensmitteln. Oben wurde frisch gekocht, unten verbanden sich Theorie und Praxis bei einer Fortbildung des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr unter der Überschrift „Ernährung am Lebensende“. Dabei ging es speziell um die Ernährung in der palliativen Lebensphase.

„Bei einer lebensbegrenzenden Erkrankung tauchen spätestens zum Lebensende hin Konflikte rund ums Essen auf“, erklärte Ruth Rieckmann, Ernährungsberaterin, Diplom-Oecotrophologin und Resilienzcoach. Wenn ein schwerkranker Mensch stark an Gewicht verliere und keinen Appetit mehr habe, dann wolle das Umfeld dagegen ansteuern. „Man glaubt und hofft, dass man auch in späten palliativen Lebensphasen so wie bei gesunden Menschen durch viel ‚gutes‘ Essen, durch Lieblingsessen, das Leben verlängern und die Gesundheit stärken kann. Das ist in den letzten Tagen, Stunden und Wochen indes eher nicht der Fall. Im Gegenteil: Da kann es sein, dass sich Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Erschöpfung oder Durchfälle einstellen oder verstärken oder sich Luftnot, Wassereinlagerungen im Köper oder Rasselatmung verschlimmern“, führte Kursleiterin Rieckmann aus.

Zu viel Flüssigkeit in der finalen Phase verhindere oft die Ausschüttung bestimmter Endorphine, die wiederum den Sterbeprozess für den Sterbenden angenehmer machten. „Je nachdem in welcher Lebensphase sich ein Mensch befindet, ist es nicht mehr angezeigt, zu ‚päppeln‘ oder die Essensaufnahme zu forcieren oder künstlich zu ernähren, sondern dann gilt es, entsprechend der palliativen Haltung und zum Wohle des Sterbenden dessen verbleibende Lebensqualität in den Mittelpunkt zu stellen.“ Manchmal wollten die Erkrankten nicht mehr essen, könnten tatsächlich nicht mehr, trauten sich aber nicht, Essen abzulehnen, weil sie merkten, was den Angehörigen das „Päppeln“ bedeute – nämlich oft auch geäußerte Liebe und Zuwendung: „Da sind viele Emotionen drin.“ Rieckmann brachte den Teilnehmerinnen der Fortbildung Abläufe und auch Lösungen praktischer Art nahe.

Schäume aus Rotwein und Maracuja

Hospizbegleitungen wie den Ehrenamtlichen des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr, die an der Fortbildung teilnahmen, könnten zwischen den An- und Zugehörigen und den Erkrankten moderierend wirken, bei Konflikten helfen und den Sterbeprozess so für alle Seiten leichter machen. Sie lernten, wie sie behutsam mit beiden Seiten über deren Belastungen und Entlastungsmöglichkeiten reden können. Durch die Fortbildung erhielten sie nützliche Strategien und praktische Tipps. Liebe und Zuwendung, die An- und Zugehörige den Erkrankten gegenüber mit der Essenszubereitung ausdrücken wollten könne auch anders, etwa durch wohltuende Handmassagen, ausgedrückt werden. Und statt Riesenportionen könnten auch kleine Häppchen zubereitet werden, die die Erkrankten immer noch an ihre Kindheit erinnerten, ihnen schmeckten und gut täten, ohne das Maß zu überschreiten zu viel zu sein. Eine Alternative sei die Gabe von Schäumen in Lieblingsgeschmacksrichtungen der Erkrankten. Solche Schäume seien auch bei Schluckstörungen einsetzbar, weil sie im Mund zergehen. Die Kursteilnehmerinnen stellten selber einen Maracuja- und einen Rotweinschaum her und waren beim Probieren angetan, dass so wenig Masse eine solche Geschmacksfülle im Mund hervorzurufen vermag. Thema war auch die Mundpflege mit in Saft, Rosenwasser oder Öl getauchten Stäbchen.

Geschmack und Düfte wecken Erinnerungen an Menschen und Momente

Auch wenn man glaube zu wissen, was die Erkrankten mögen und stets mochten, ist es laut Rieckmann unbedingt erforderlich, immer auf deren auch nonverbale Reaktionen zu achten, denn manchmal ändern sich Vorlieben mit fortschreitendem Alter oder Krankheit oder in anderer Umgebung. „Genuss statt Muss“, laute die Devise. Diese verfolgen auch die Köche im Hospiz. Weil Essen eine noch so zentrale Bedeutung bis in die letzte Lebensphase hat und weil etwa Küchendüfte ein Gefühl von Zuhause und Behaglichkeit vermitteln, gibt es im stationären Hospiz überhaupt eine Küche und wird dort von Anfang an frisch gekocht, wie die Vorsitzende des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr, Ulrike Dobrowolny, erklärt. Regionale Produkte haben Vorrang, und sogar die Soßen sind komplett selbst gemacht.

Mit Leidenschaft bereiten dort die beiden ausgebildeten Köche Daniela Georg und Gerrit Schwabe die Mahlzeiten für die Hospizgäste zu, die Erinnerungen an Menschen und Momente von einst wecken. Die Köche gehen auch mal zu den Hospizgästen in die Zimmer, fragen nach ihren Wünschen und erfüllen sie gerne. „Eine Frau hat sich mal Rosenkohl mit Kondensmilch gewünscht, sowie ihre Mutter das früher machte. Sie hat es mir erklärt und ich habe alles daran gesetzt, den Geschmack von damals hinzubekommen“, sagt Schwabe. Gebacken werde ebenfalls jeden Tag. Apfelkuchen und Eierlikörkuchen sind Favoriten und vor allem Hefezopf. Der duftet nicht nur verlockend, er ist immer auch schnell verputzt.

Pressemitteilung des

Hospiz-Vereins Rhein-Ahr

Referentin Ruth Rieckmann (re.) mit der Gruppe und Hilfsmitteln, die die Ernährung am Lebensende leichter machen. Foto: Anna Louen

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