Ex-Prinz Nicolas Junglas gewinnt Forschungspreis der Kulturstiftung der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht
Was haben „Mennesch Ahoi“ und „Narri-Narro“ gemeinsam?
Mendig. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass rheinische Karnevalisten und Schwäbisch-Alemannische Fastnachter wenig bis gar keine Gemeinsamkeiten hätten. Dass dem nicht so ist, dass die beiden Seiten der Karnevals- und Fastnachtsmedaille im Gegenteil sogar mehr eint, als gedacht, das hat Dr. phil. Nicolas Junglas, Ex-Prinz, wissenschaftlich unter Beweis gestellt. Und dafür sogar eine besondere Auszeichnung erhalten: Am 16. November erhielt er den Forschungspreis der Kulturstiftung der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht, die vom Dachverband Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) initiiert wurde. Passender- oder besser närrischerweise ist der Preis mit 3.333 Euro dotiert. Teilnahmebedingung für den alle zwei Jahre durchgeführten Wettbewerb ist „die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themenschwerpunkt der schwäbisch-alemannischen Fastnacht und verwandter Bräuche“. Finanziert wird der Preis vom Baden-Württembergischen Sparkassen- und Giroverband. Im fünfköpfigen Kuratorium sitzen neben der Kulturbeauftragten und dem Präsidenten der VSAN auch der Chefredakteur des Südkuriers, ein Kulturwissenschaftler aus Basel und ein Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie.
Vor dem Hintergrund, dass das närrische Brauchtum ein kulturelles Phänomen von universeller Natur ist, hat sich der 30-Jährige , der bei der Verbandsgemeindeverwaltung Vordereifel beschäftigt ist, eingehend mit der Frage nach der Rolle des Karnevals in der deutschsprachigen Literatur beschäftigt. Untersucht hat der Projektleiter im Projektbüro Mühlsteinrevier RheinEifel 14 literarische Werke und spannt dabei einen zeitlichen Bogen von rund 500 Jahren. Darunter sind unter anderem Friedrich Schillers „Der Geisterseher“ aus dem 18. Jahrhundert, Georg Büchners „Leonce und Lena“ aus dem Jahr 1836 aber auch neuere Werke wie Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ von 1927 und „Till Eulenspiegel“ von Christa und Gerhard Wolf aus dem Jahr 1973. Unter die Lupe nimmt er in seiner eingereichten Dissertation die Rolle des Narren und die Funktion des Maskierens. Beides spiegelt die identitätsstiftende Eigenschaft des Karnevals wider. Eine der Kernthesen des Vollblutkarnevalisten lautet: Im Medium des Karnevals werden die Ich-Krisen der literarischen Figuren behandelt und gleichzeitig werden zwischen den Zeilen potenzielle Lösungswege präsentiert. Dass er diese Erkenntnis auch privat einmal anwenden müsste, damit konnte Junglas zum Zeitpunkt der Dissertationserstellung nicht rechnen. In seiner Dankesrede, die er im Rahmen der Preisverleihung in Bad Dürrheim gehalten hatte, ging er ganz kurz auf seine eigene, sehr persönliche Ich-Krise des Jahres 2023 ein. Seiner Freundin Vanessa dankte er sehr liebevoll, dass sie ihm beim Überwinden dieser Sinnkrise geholfen hat. Denn die Kunst sei es, „wieder aufzustehen“, so der Doktor der Germanistik, der sich zunächst erfolgreich Deutsch und Geschichte auf Lehramt gewidmet hatte. In seiner Arbeit habe er dazu einen Satz formuliert, der ihm rückblickend erschreckend prophetisch erscheine: „Der Schlüssel hierzu ist die Liebe, denn im Gegenüber finden die beiden Protagonisten zu ihrem jeweiligen Selbst.“
Dass der CDU-Politiker mit Stadtratsmandat sich auch wissenschaftlich mit der Thematik Karneval beschäftigen würde, hätte er vor zwölf Jahren sicher verneint. Damals wurde er gefragt, ob er Mitglied im Mendiger Elferrat werden wolle. Seine Euphorie hielt sich zunächst in Grenzen, aber er ließ sich darauf ein und es gefiel ihm so sehr, dass er 2018 Karnevalsprinz der Stadt Mendig wurde. Nach dem praktischen Ende seiner Regentschaft lernte er im Anschluss an den Veilchendienstagszuch im Obermendiger Gasthaus Bolz seinen späteren Doktorvater, Prof. Dr. Stefan Neuhaus von der Uni Koblenz kennen. Er gab ihm den Literaturtipp, die „Karnevalisierung der Literatur“ des russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin zu lesen. So nahm sein Forscherdrang seinen Lauf und er entdeckte die Gemeinsamkeiten der Idee des Narren und des Motivs der Maske. Beiden gemein ist, dass sie über den Einzelnen hinausweisen: „Während der Narr mit einem äußeren Gegenüber interagiert und den anderen durch den Dialog sich selbst erkennen lässt, bedeutet das Maskieren die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Teil-Identitäten einer Person“, so Junglas. Hinzu fügt er noch die dritte Dimension, nämlich dass die Literatur dazu dient, den Leser in ein Stadium der Selbstreflexion zu versetzen. Selbstfindung und -befreiung durch die Interaktion mit einem Gegenüber sind die gemeinsamen Wurzeln der Fastnachter und Karnevalisten. Karneval – „Mennesch Ahoi“ – und Fastnacht – „Narri-Narro“ – einth, dass sie die Selbstverwirklichung in und durch eine Gesellschaft zelebrieren, weiß Junglas.
Was für eine besondere Ehre: Die beiden Kuratoriumsmitglieder Prof. Dr. Werner Mezger, Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie (li.), und Roland Wehrle, Präsident der VSAN (rechts), verleihen Nicolas Junglas den mit 3.333 Euro dotierten Forschungspreis der Kulturstiftung der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht. Foto: Vanessa Müller
