Das Willy-Brandt-Forum lud am 25. Todestag des großen Sozialdemokraten zur Gedenkfeier
„Was kann Willy Brandt uns heute noch sagen?“
Unkel. Mit der „Träumerei“ von Robert Schumann und der „Romance in C-Dur“ von Dimitri Schostakowitsch rahmte die Geigerin Ela Zagori am Sonntagvormittag die Gedenkveranstaltung zum 25. Todestag von Willy Brandt. Eingeladen zu dieser hatte in das Rheinhotel Schulz die „Bürgerstiftung Unkel Willy Brandt“ um den Vorsitzenden Christoph Charlier. „Auf den Tag genau vor 25 Jahren ist der erste sozialdemokratische Bundeskanzler Deutschlands, Willy Brandt, hier in seinem Unkeler Haus, Auf dem Rheinbüchel 60, im Alter von 79 Jahren gestorben“, begrüßte dieser die Gäste, allen voran Willy Brandts dritte Ehefrau, Brigitte Seebacher, mit ihrem heutigen Mann, Hilmar Kopper, die zusammen mit dem rheinland-pfälzischen SPD-Fraktionschef Alexander Schweitzer die Gedenkfeier gestaltete. Willkommen heißen konnte Christoph Charlier zudem Stadtbürgermeister Gerhard Hausen, Altbürgermeister Werner Zimmermann, der Brigitte Seebacher und Willy Brand im Dezember 1983 in Unkel getraut hatte, den Rheinbreitbacher Bürgermeister Wolfgang Gisevius, Ulrich Scheufelen, der dem Forum eine Bronzefigur des großen Sozialdemokraten gestiftet hat, Mitglieder des Stiftungs-Kuratoriums, seinen Vorgänger als Stiftungsvorsitzenden, Klaus-Henning Rosen, der von 1976 bis 1989 das persönliche Büro des Altbundeskanzlers geleitet hatte, sowie die drei Fahrer von Willy Brandt, Peter Langen, Georg Schikowski und Hans Simon.
„Wer anders als Sie könnte authentische Auskunft geben über den Menschen Willy Brandt dank ihrer Erinnerungen und Eindrücke aus nächster Nähe“, wandte sich Christoph Charlier an Brigitte Seebacher, bevor er kurz Alexander Schweitzer vorstellte. Der 44-jährige Pfälzer, der schon öfter Unkel besucht habe, sei kein „politischer Enkel“ von Willy Brandt, hob er hervor. Das bestätigte der Mainzer SPD-Fraktionsvorsitzende und stellvertretende Landesvorsitzende. „1992 habe ich mich gerade auf das Abitur vorbereitet, sodass meine Auseinandersetzung mit dem Altbundeskanzler nicht von Nostalgie geprägt, sondern eher theoretischer Natur ist“, erinnerte er. Vieles, was Willy Brandt in den 80er/90er Jahren gesagt habe, sei aber fast noch aktueller als damals. Was also könnten Sozialdemokraten heute daraus lernen, wollte er von seiner Gesprächspartnerin wissen, um direkt die Frage anzuschließen: „Spreche ich mit der Historikerin oder der Gefährtin von Willy Brandt?“
Sie habe 25 Jahre gebraucht, um diese Frage beantworten zu können. Sie spreche heute als Historikerin mit der Besonderheit, dass sie Willy Brandt extrem nah gekannt habe. Aber nach und nach sei die Distanz gewachsen, sodass sie nicht mit kaltem Blick über ihn berichte, wohl aber in der Lager sei, ihn vorbehaltlos zu betrachten, so Brigitte Seebacher, um die Frage anzuschließen: „Was kann uns, speziell der SPD in ihrer existenziellen Krise, der Politiker Willy Brandt heute noch sagen?“ Ernüchternde Antwort: 1913 geboren, könne er uns weit über 100 Jahre später nichts mehr sagen, weil die meisten die Einflüsse, die ihn maßgebend geprägt hatten, gar nicht mehr nachvollziehen könnten.
„Die Brandt-Biografien sind meist von tiefer Sympathie geprägt. Wie sehen Sie heute den Menschen Willy Brandt als seine Witwe, die sich diese Rolle mit vielen Männern der SPD teilen mussten?“, so Alexander Schweitzer. Spätestens ab diesem Zeitpunkt waren „Träumereien“ und Romantik im Saal passé. Nach einem kurzen Exkurs über die Bedeutung der Unkeler Jahre für das Wohlbefinden von Willy Brandt, kam Brigitte Seebach auf den Niedergang der SPD zu sprechen, der für sie bereits 1989 begonnen hat. „Wir haben erst am 10. Oktober morgens um 6 Uhr durch einen Telefonanruf vom Fall der Mauer erfahren, weil wir in unserem Haus zu dieser Zeit noch kein Fernsehen hatten. Bereits um 11 Uhr ist Willy Brandt dann nach Berlin geflogen und hat am Brandenburger Tor die Rede mit dem bekannten Satz gehalten: Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“, erinnerte sie. Damit habe er jedoch hinsichtlich der damaligen SPD-Spitze ziemlich alleine dagestanden. Nur Klaus von Dohnanyi, der Neffe von Dietrich Bonhoeffer, habe ein unbefangenes Verhältnis zur deutschen Einheit gehabt. „Oskar Lafontaine etwa hat zu Willy Brandt gesagt: Ich kennen Paris und Moskau, was aber soll ich in Dresden?“, beschrieb sie den tiefen Bruch zwischen dem SPD-Ehrenvorsitzenden und führenden Sozialdemokraten. Von diesen sei sie wegen ihrer Artikel, die Willy Brandt alle redigiert habe, verteufelt worden.
„Wir hatten damals keinen Plan, wie wir die Einheit gestalten sollten und auch nicht die Kraft, auf die SED-Kritiker zuzugehen und sie in die Sozialdemokratie aufzunehmen. Stattdessen hat die CDU viele von ihnen mit offenen Armen empfangen, obwohl sie eigentlich zu uns gehört haben“, erinnerte Alexander Schweitzer. Damals habe sich Willy Brandt oft mit der Frage gequält, warum er nicht wieder den Parteivorsitz übernommen haben, um gerade im Osten an die starke SPD-Tradition wieder anzuknüpfen, so Brigitte Seebacher. Er habe ein Charisma gehabt wie wenige andere. Wer aber viele Menschen in seinen Bann ziehe, decke auch gegensätzliche Positionen ab, gab sie zu bedenken. Willy Brandts Anliegen sei es stets gewesen, Deutschland und Frieden auf einen Nenner zu bringen gepaart mit dem Wille zu Einheit und zur Selbstverwaltung, erklärte sie.
„Wir haben keine Führungskraft mehr“
„Wir haben keine Führungskraft mehr“, beklagte Brigitte Seebacher. Willy Brandt habe als zivilcouraguierter Mensch immer das gesagt, wovon er überzeugt war, hob sie hervor. Allerdings habe es zu seiner Zeit auch noch nicht das Diktat der täglichen Umfragen gegeben, von „social medias“ ganz zu schweigen. „Es war damals eine ganz andere Welt. Die Abertausend Stahlkocher gibt es nicht mehr. Die Zeit des kollektiven Zusammenhalt einer Arbeiter-Volkspartei ist vorbei“, erklärte die mit Blick auf die jüngste Bundestagswahl. Nicht der „Schutz der Arbeiterklasse“ sei das heutige Problem, sondern wie Wachstum entsteht, damit der Schornstein rauche. Darauf hätten Sozialdemokraten in ganz Europa keine Antwort gefunden, erinnerte Brigitte Seebacher an den Zustand der PS in Frankreich oder der Partei von Niedergang der Partei von Spaniens Ex-Ministerpräsident Felipe González, der zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und SPD-Chef Martin Schulz am Sonntag im Berliner Willy-Brandt-Haus an den großen Sozialdemokraten erinnerte. „Wie sehr uns Willy Brandt fehlt, war nie so spürbar wie heute“, hob dort der langjährige Bundestagspräsident und Kuratoriumsvorsitzende der Brandt-Stiftung, Wolfgang Thierse, hervor.
Zwar sei die SPD im klassischen Sinne nicht eine Partei nur der Arbeiter, aber doch noch immer der Arbeitnehmer, erinnerte Alexander Schweitzer an die Aufgabe, das „Wölfische des Kapitalismus zu bändigen. „Wir müssen deutlich machen, wieso gerade die SPD in einer Zeit wichtig ist, in der sich die Arbeitsverhältnisse rasant ändern und sich auch folglich die Eigentumsverhältnisse ändern müssen, wenn sich die Gesellschaft nicht noch mehr spalten soll“, so der Pfälzer. Außerdem sei die SPD in einer Zeit gefragt, in der Europa an allen Ecken bröckele. „Eben diese veränderte Situation mit den komplett anderen Bedingungen für Politik sind der Grund, warum uns Willy Brandt heute nichts mehr zu sagen hat“, erklärte dagegen Brigitte Seebacher. Das Prinzip „Erst denken, dann reden“, gelte dagegen schließlich auch ohne ihn, so ihr Seitenhieb auf Martin Schulz. Sprachlos wäre der großem Sozialdemokrat allerdings gewesen angesichts des Abschneidens der AfD vor allem in den neuen Bundesländern, wohl wissend, dass nicht alles glatt gelaufen sei. Von Alexander Schweitzer auf die Rede von Frank-Walter Steinmeier angesprochen hinsichtlich der großen Risse, die durch Deutschland gehen, erklärte die Historikerin: „Wir hängen das einfach zu hoch. Natürlich sind bei der Einheit auch Fehler gemacht worden, aber das war ja auch eine noch nie da gewesene Aufgabe“, gab sie zu bedenken.
Geradezu unerträglich für Brigitte Seebacher, dass 2018 der 200. Geburtstag von Karl Marx in Trier gefeiert wird und das mit Steuergeldern in Höhe von über fünf Millionen Euro, wo doch dieser Mensch so viel Unheil angerichtet habe. Alexander Schweitzers Argument, der Philosoph sei immerhin der politisch einflussreichste Gelehrte des 19. Jahrhunderts, ließ sie ebenso wenig gelten, wie sein Beharren auf der Anrede von Sozialdemokraten als „Genossen“. Einigen konnten sich die Gesprächspartner dafür dahingehend, dass Willy Brandt durchaus in bestimmter Hinsicht ein Vorbild sein kann. „Er lädt uns ein, radikal neu zu denken, uns freizumachen von dem, was wir an tradiertem, überholtem Gedankengut mitschleppt“, gestand Brigitte Seebacher vor allem der jüngeren Generation zu, bevor Ela Zagori die Gedenkveranstaltung mit „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn-Bartholdi beendet. DL
Das Gespräch über Willy Brandt geriet mehr und mehr zur Zustandsbeschreibung der deutschen Sozialdemokratie.
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