Allgemeine Berichte | 07.07.2017

Caritasverbandes Westerwald-Rhein-Lahn

Wenn man plötzlich in der Schuldenfalle steckt

Wer in finanzielle Schieflage gerät, findet Rat und Hilfe bei der Schuldner- und Insolvenzberatung

Rolf Günther ist einer von drei hauptamtlichen Ansprechpartnern in der Schuldner- und Insolvenzberatung im Caritas-Zentrum in Montabaur. Der 46-jährige Diplom-Sozialarbeiter absolvierte 2001 sein Anerkennungsjahr beim Caritasverband und landete damals, wie er selbst sagt, „zufällig in der Schuldnerberatung“. Seither steht er dort Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite. privat

Westerwaldkreis. Unbezahlte Rechnungen und ein überzogenes Konto: Immer mehr Menschen hierzulande geraten in die Schuldenfalle. Laut des vom Inkassounternehmen Creditreform veröffentlichten Schuldneratlas 2016 waren zum 1. Oktober vergangenen Jahres bundesweit 6,8 Millionen volljährige Personen überschuldet. Das sind 131.000 mehr als zwölf Monate zuvor. Auch im Westerwaldkreis geraten immer mehr Menschen in finanzielle Schieflage. Ist der Schuldenberg dann so groß, dass er alleine nicht mehr abzubauen ist, suchen die Betroffenen oft Rat und Hilfe in der Schuldnerberatung – etwa beim Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn.

Insgesamt 516 Beratungen zählten die Mitarbeiter der Caritas-Beratungsstelle in Montabaur sowie in der Außenstelle in Hachenburg im Jahr 2016 (2015 waren es 486). Davon konnten bis zum Jahresende 208 Fälle abgeschlossen werden. Die meisten davon, nämlich 79, endeten mit der Beantragung einer Verbraucherinsolvenz ohne sogenanntes gerichtliches Schuldenbereinigungsplanverfahren. In 54 der Fälle konnten gar eine Insolvenz abgewendet und die Schulden dank der Caritas-Berater außergerichtlich reguliert werden. Allerdings finden sich in der Statistik auch die 23 Beratungen wieder, die durch die Schuldner abgebrochen wurden.

Doch wie geraten Menschen eigentlich in die Schuldenfalle? „Viele schätzen die eigene finanzielle Situation falsch ein“, sagt Rolf Günther. Das größte Problem dabei sei, so der 47-jährige Diplom-Sozialarbeiter, dass sich die Betroffenen meist erst sehr spät um Hilfe bemühen. „Laut Statistik liegen zwischen dem Beginn der Verschuldung und dem Weg zur Beratung acht Jahre“, so Günther, der bereits seit 2001 in der Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbandes Westerwald-Rhein-Lahn tätig ist. Gemeinsam mit Katja Groß-Abel und Andrea Koch bildet er das Team der Caritas-Schuldnerberatung, das außerdem noch von zwei ehrenamtlichen Beratern unterstützt wird. Finanziert wird der Beratungsdienst durch das Land, den Kreis sowie den Caritasverband.

Etwa die Hälfte der Klienten kommt auf Empfehlung zur Beratung bei der Caritas. „Pro Jahr haben wir 350 bis 400 Anfragen“, sagt Rolf Günther. Daher sei es auch nicht möglich, jedem Betroffenen sofort zu helfen. „Die Wartezeit liegt in der Regel zwischen ein bis drei Monaten“, betont der Caritas-Berater. Der Durchschnitt bei der Wartezeit bis zum Beginn der Beratung lag im Jahr 2016 bei 74 Tagen. Dank einer Erhöhung der Fördermittel des Kreises vor drei Jahren ist diese Wartezeit schon stark gesunken.

Meldet sich ein Klient per Telefon, werden zunächst die wichtigsten Daten aufgenommen, um die Dringlichkeit des Falles prüfen zu können. Erste Informationen gibt es dann im Rahmen von Info-Veranstaltungen, zu denen die Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbandes regelmäßig alle sechs bis acht Wochen rund 40 bis 50 Hilfesuchenden einlädt. Später erst geht es dann in die Einzelberatung.

Hat sich die verschuldete Person einmal beim Caritasverband gemeldet, ist die erste schwierige Hürde schon mal gemeistert. „Die Hemmschwelle für die erste Kontaktaufnahme mit uns ist doch immer sehr hoch“, weiß Günther aus langjähriger Erfahrung. „Über Geld sprechen die Menschen einfach nicht gerne, vor allem nicht über Schulden“. Dies gelte insbesondere auch für ältere Menschen, betont der Fachmann und weist auf das Thema „Altersarmut“ hin. Zwar waren die meisten der 516 Klienten im Jahr 2016 zwischen 31 und 40 Jahren (132 = 25,58 Prozent), aber auch Ältere geraten zunehmend in finanzielle Probleme, wie die Statistik beweist. So waren im vergangenen Jahr 62 der Westerwälder Klienten die bei der Caritas-Schuldnerberatung Hilfe suchten 60 Jahre und älter (2015 waren es 58).

Die Gründe für die Verschuldung sind unterschiedlich. Zu den Hauptauslösern gehören Arbeitslosigkeit, eine Erkrankung oder Sucht, der Tod des Partners, eine Trennung oder Scheidung sowie eine unwirtschaftliche Haushaltsführung. Aber auch gescheiterte Immobilienfinanzierungen, ein längerfristiges Niedrigeinkommen sowie eine gescheiterte Selbstständigkeit waren im vergangenen Jahr im Westerwald Gründe dafür, dass Menschen letztendlich die Dienste der Schuldnerberatung benötigten. „Heute ist es einfacher Schulden zu machen, als noch vor einigen Jahren“, sagt Rolf Günther und verweist unter anderem auf das Internet und die relativ einfache Möglichkeit des Ratenkaufes. Dass Hauptproblem allerdings sei, dass die Leute zu lange die Augen verschließen und eine Verschuldung nicht wahrhaben wollen. „Wenn sie dann in der Beratung sitzen und die Fakten und Zahlen schwarz auf weiß sehen, sind sie nicht selten überrascht, wie hoch ihr Schuldenstand wirklich ist“, berichtet der Berater aus der Praxis. Das geht so weit, dass Klienten manchmal nicht mal wissen, wo sie überhaupt überall Schulden haben.

Zusammen mit dem Klienten suchen die Berater dann einen möglichen Weg, der sie aus den Schulden wieder hinausführt. Dabei ist natürlich auch die Initiative des Hilfesuchenden gefragt. „Sich nur auf uns zu verlassen wäre zu einfach. Unter anderem bekommen die Klienten von uns auch Hausaufgaben auf“, erklärt der Caritas-Schuldnerberater. Gemeinsam wird ein Haushaltsplan erstellt, es wird geschaut, ob eventuell irgendwo Leistungen beantragt und wo Einsparungen gemacht werden können. Weiterhin nehmen die Caritas-Berater Kontakt mit den Gläubigern auf. Ziel bei jedem Fall ist zunächst immer eine Regulierung der Schulden oder ein Vergleich. Erst wenn dies nicht möglich ist, wird über einen Insolvenzantrag nachgedacht. „Das hängt natürlich auch immer mit den Lebensumständen des jeweiligen Klienten zusammen. Ein Geringverdiener etwa hat natürlich weniger Möglichkeiten, etwas auszugleichen“, erläutert Rolf Günther. Bei der Beratung, sagt er, geht es nicht darum, dem Verschuldeten Vorwürfe zu machen, sondern Lösungen zu finden. So hat der Diplom-Sozialarbeiter im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass die meisten, die die Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbandes Westerwald-Rhein-Lahn aufsuchen, am Ende dankbar und froh sind, diesen Weg gegangen zu sein. Nur wenige Klienten sehen die Berater später ein zweitens Mal. „Wer einmal verschuldet war, will das nicht noch mal durchleben“, unterstreicht Rolf Günther und schätzt die Zahl der „Wiederholungstäter“ auf unter fünf Prozent: „Ein paar Unbelehrbare gibt es immer.“

Und was rät der Experte Menschen, die möglicherweise selbst in eine finanzielle Schieflage geraten? „Vor allem nicht die Augen vor dem Problem verschließen und sich etwas vormachen. Spätestens wenn plötzlich Rechnungen auflaufen oder gar Lastschriften zurückkommen, sollte man keine Hemmungen haben, eine Schuldnerberatung aufzusuchen“, betont Rolf Günther. Je früher dies geschieht, desto größer ist die Möglichkeit, sich aus der Schuldenfalle auch wieder zu befreien.

Kontakt

Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn e. V., Schuldner- und Insolvenzberatung, Caritas-Zentrum, Philipp-Gehling-Straße 4, 56410 Montabaur, Tel. (0 26 02) 16 06 14.

Rolf Günther ist einer von drei hauptamtlichen Ansprechpartnern in der Schuldner- und Insolvenzberatung im Caritas-Zentrum in Montabaur. Der 46-jährige Diplom-Sozialarbeiter absolvierte 2001 sein Anerkennungsjahr beim Caritasverband und landete damals, wie er selbst sagt, „zufällig in der Schuldnerberatung“. Seither steht er dort Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite. Foto: privat

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