Veranstaltung am bundesweiten Digitaltag in Montabaur
Westerwälder Senioren fühlen sich oft von zu schneller Digitalisierung überfordert und ausgegrenzt
Montabaur. „Ich bin zwar alt, aber nicht blöd!“ Das war einer der Sätze, der bei 40 meist älteren Teilnehmenden hängen bleiben wird. Gesprochen wurde er von einem älteren Mann in der NDR-Doku „Digitaler Zwang – was geht noch ohne Internet?“. Gezeigt wurde diese als Gesprächsgrundlage für eine Veranstaltung in Montabaur zum Thema „Digitalzwang – gibt es noch ein Recht auf Analog?“ Gemeint war, dass der Interviewte geistig voll auf der Höhe ist, aber mit der Geschwindigkeit der Digitalisierung in allen Gesellschaftsbereichen nicht mehr mitkommt. Mit dieser Aussage stimmten fast alle Anwesenden überein, was durch Klatschen und Kopfnicken deutlich zu vernehmen war.
Zu der Filmvorführung mit anschließender Diskussion hatten die Digitalbotschafter (DiBos) in der VG Montabaur zusammen mit dem Netzwerk „Senioren- und Behindertenrat“ (SBR) Westerwald eingeladen. Als Gastgeber bzw. Unterstützer begrüßten Caroline Albert-Woll für die VHS Montabaur und Judith Gläser für das Generationenbüro der VG Montabaur die Gäste – deren Zahl leider wegen der zur Verfügung stehenden Plätze begrenzt werden musste. Der Nachmittag war ein Beitrag zum bundesweiten „Digitaltag 2024“.
Bei der Vorstellung der DiBos, einem von der VG Montabaur nachhaltig umgesetzten Landesprojekt, wies die ehrenamtlich tätige Hildegard Jöris (Montabaur) daraufhin, dass hierbei ältere Menschen von Älteren ins Internet begleitet werden. „Mit offenen Treffs, Sprechstunden und auch Hausbesuchen wird dies umsteigerfreundlich und kostenlos geleistet“, so die engagierte Seniorin.
In der informativen NDR-Doku wurde deutlich, dass es in Sachen Digitalisierung kein Zurück in unserer Gesellschaft mehr gibt: „Aber wir dürfen nicht zu Sklaven der weiter fortschreitenden Digitalisierung werden und dadurch einen Teil unserer (älteren) Gesellschaft ausgrenzen“, stellte Uli Schmidt (Horbach) als SBR-Koordinator und Moderator der Veranstaltung eingangs fest. Er habe schon vor 20 Jahren die entgrenzte Digitalisierung für die Bereiche Gesundheit, Demokratie und Bildung im Ergebnis für schädlich gehalten, was heute durch viele wissenschaftliche Studien und auch Alltagserkenntnisse gestützt werde.
Zu der gezeigten Doku gab es viele Reaktionen der Teilnehmenden. So unterstrich jemand die Darstellung, sich zurückgelassen und vergessen zu fühlen. „Mich überfordert einfach das Tempo“, meinte ein älterer Herr, der ergänzte, Angst davor zu haben, dass sich noch mehr vom Alltagsleben ins Internet verlagert. Daneben wurde festgestellt, dass auch im Westerwald viele Menschen noch gar keinen Zugang zum Internet oder neuen Medien haben.
„Mama, du starrst ja nur noch aufs Handy“, musste sich im Filmbeitrag eine junge Mutter sagen lassen – ähnliche Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld im Vorfeld einer Handysucht wurden eingebracht. Auch der geäußerte Vorwurf, die Regierungen zwingen die Menschen zu schnell in die Digitalisierung, wurde von einigen betont – und „Bei der Umstellung von analog zu digital werden wir zu oft vergessen“, meinte eine ehemalige Lehrerin. Klar, dass auch die in den letzten beiden Jahrzehnten stark gestiegene Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen thematisiert wurde.
Im letzten Block der teilweise leidenschaftlich geführten Diskussion, ging es um konkrete Beispiele, wo der Digitalzwang bereits nachteilig wirkt. „Ich muss das bei den großartigen DiBos lernen, da ich nix mehr im Dorf einkaufen kann und bald gezwungen bin im Internet zu bestellen“, kritisierte eine ältere Dame. Sie befürchtete, bald ihr Auto aufgeben zu müssen und beim Einkauf nicht mehr mobil zu sein. Über Schwierigkeiten bei der Erledigung von digitalen Bankgeschäften wurde von einigen geklagt - andere wiesen darauf hin, dass dies bei den örtlichen Sparkassen besser laufe als bei weit entfernten Großbanken. Als Unverschämtheit wurde es bezeichnet, dass das 49 Euro-Ticket der Bahn nur mit einem Handy nutzbar sei. „Es geht gar nicht, dass man in einer boomenden Stadt wie Montabaur nirgendwo mehr eine Bahnfahrkarte kaufen kann“, wurde jemand deutlich. Dagegen wurde der Umgang mit dem E-Rezept gelobt, das scheint bei vielen Dank engagierten Hausärzten und Apotheken gut zu funktionieren. Das wurde von der digitalen KFZ-Anmeldung und der Erledigung der Steuererklärung über das Elster-System nicht behauptet, zu viele weigern sich, auch weil sie damit nicht klar kommen.
Hildegard Jöris stellte am Schluss fest: „Die digitalen Anwendungen bringen uns viele Erleichterungen, wenn wir den Umgang mit der Technik beherrschen. Wir sind zu lebenslangem Lernen aufgerufen und sollten die Unterstützungsangebote nutzen, wie sie zum Beispiel das Programm der Digitalbotschafter anbietet“. Unsere gesellschaftliche Aufgabe sei es, die Kompetenzen in Umgang mit der digitalen Technik zu erweitern und gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass Menschen, die nicht digital unterwegs sind, die Bedürfnisse des Alltags selbstständig meistern können.
Uli Schmidt wies abschließend darauf hin, es dürfe nicht oberste politische Maxime aller Parteien sein, das Leben immer schneller und effizienter machen zu wollen, und dabei immer mehr Menschen zurückzulassen, die das nicht wollen oder nicht können! Beide stellten in Aussicht, dass es wegen des großen Interesses weitere solche Informations- und Gesprächsangebote zum „Digitalzwang“ geben könne.
Pressemitteilung des
Senioren- und
Behindertenrates Westerwald
