Gedenkfeier zur Pogromnacht in der NS-Zeit an der Dierdorfer Stadtmauer
Wie steht es heute mit unserer Zivilcourage?
Stadtbürgermeister und Pfarrer mahnen zur Achtsamkeit heute
Dierdorf. „Wir haben gehört, wie die Täter mit den Juden umgegangen sind, obwohl die Juden unschuldig waren. Wir bitten, dass die Angehörigen sich der Schuld ihrer Vorfahren bewusst werden, aus der Geschichte lernen und nicht so werden, wie die Täter.“ Das war eine der Fürbitten, die von den Konfirmanden bei der Gedenkfeier für die Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger in der Pogromnacht des 9. Novembers 1938 in Deutschland vorgetragen wurden. An der Stadtmauer hatten sich die Menschen versammelt, gemeinsam mit den Pfarrern der evangelischen und der katholischen Kirche, Patrique Koelmann und Thomas Corsten, sowie Stadtbürgermeister Thomas Vis und von der Verbandsgemeinde dem Beigeordneten Bernd Altmann.
Selbstkritisch meinte Pfarrer Corsten: „Im November 1938 waren weder die evangelische noch die katholische Kirche in diesem Sinne Kirche: Als die Synagogen brannten, blieb die Kirche weitgehend stumm. Kein einziger Bischof, keine Kirchenleitung wurde zum Anwalt der verfolgten Jüdinnen und Juden“. Besser hätten sich die Kirchen an den Leitspruch des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer gehalten, der lautete: „Tu den Mund auf für die Stummen!“. Bonhoeffer hat bereits 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, in einem Brief an einen befreundeten Pfarrer geschrieben. „Es muss auch endlich mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates gebrochen werden – es ist ja doch alles nur Angst.“
Stadtbürgermeister Vis erinnerte daran, wie nah der Bezug von Dierdorf und seinen Bürgern an den Grausamkeiten der sogenannten „Kristallnacht“ ist: „Die jüdische Synagoge, die nah an diesem Gedenkplatz an der Stadtmauer stand, wurde in Brand gesteckt. Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden an Leib und Leben bedroht und in Konzentrationslager verschleppt, ihre Wohnungen und Geschäfte verwüstet und geplündert.“ Das besonders Schreckliche an den Taten in dieser Nacht und den Jahren danach sei gewesen, dass die jüdischen Mitbürger bis zu dem Zeitpunkt ihrer Stigmatisierung und Verfolgung in Dierdorf „ganz normale Nachbarn“ waren und ein „ganz normales Leben geführt“ hätten: „Gerade das macht die NS-Verbrechen so ungeheuerlich!“
Den vielen Teilnehmern der Gedenkveranstaltung, sicherlich an die 80 Menschen hatten sich im Dunkeln auf dem Spielplatz vor der Stadtmauer mit dem eingelassenen Gedenkstein eingefunden, gab der Stadtbürgermeister mit auf den Weg: „Demokratie kann nur lebendig, Menschenrechte können nur gewahrt bleiben, wenn sich der Staat und die Zivilgesellschaft gemeinsam für sie einsetzen und sie schützen.“
Pfarrer Corsten spannte den Bogen vom NS-Unrechtsstaat zu heute, indem er sagte: „Wenn wir Christsein nicht nur aufs Beten reduzieren wollen, dann müssen wir uns schon fragen, wie es um unsere Zivilcourage bestellt ist. Inwieweit sind wir bereit, uns zum Anwalt für die Stummen von heute, für die Flüchtlinge zu machen? Auch bei uns gibt es in Bezug auf Flüchtlinge eine Rhetorik der Abschottung und der Ausgrenzung, die die ethische Herausforderung auf das aktuell politisch Machbare oder Durchsetzbare beschränkt. Doch das Machbare ist nicht per se das Richtige.“
Zum Abschluss der Gedenkfeier stellten die Anwesenden Kerzen auf die auf dem Boden abgebildete jüdische Menora, den siebenarmigen Kerzenleuchter des alttestamentlichen Tempel Salomons.
Stadtbürgermeister Thomas Vis mahnte: „Demokratie kann nur lebendig, Menschenrechte können nur gewahrt bleiben, wenn sich der Staat und die Zivilgesellschaft gemeinsam für sie einsetzen und sie schützen.“
Konfirmandinnen und Konfirmanden trugen Fürbitten vor, in denen sie sich mit den Gräueltaten gegen die Juden in der NS-Zeit beschäftigten.
Zum Abschluss der Gedenkfeier stellten die Anwesenden Kerzen auf die auf dem Boden abgebildete jüdische Menora, den siebenarmigen Kerzenleuchter des alttestamentlichen Tempel Salomons.
