Allgemeine Berichte | 19.09.2016

Vor 20 Jahren gründeten Gerda und Gerd Diehl mit ihrer Tochter den Förderverein „Kirstins Weg“

„Wir wollen das Vermächtnis unserer Tochter erfüllen und festigen“

Förderverein und Stiftung setzen sich für eine patientenfreundliche und ganzheitliche Krebstherapie ein

„Wir wollen das Vermächtnis unserer Tochter erfüllen und festigen“

Neuwied. Vor nun beinahe 20 Jahren verstarb die Neuwiederin Kirstin Diehl mit 26 Jahren an Krebs. Vielen Neuwiedern ist ihr Name ein Begriff: Er steht für den Einsatz, eine patientenfreundliche und ganzheitliche Krebstherapie zu fördern. Seit sie von ihrer Krankheit erfuhr, setzte Kirstin Diehl sich dafür ein. Dafür wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

„Bitte macht weiter, wo ich aufhören musste“, war ihr letzter Wunsch. Diesen Weg gehen ihre Eltern Gerda und Gerd Diehl seitdem konsequent weiter. Der Förderverein „Kirstins Weg“ feiert in diesen Tagen sein 20-jähriges, die Kirstin Diehl Stiftung ihr zehnjähriges Bestehen. „Blick aktuell“ sprach aus diesem Grund mit Gerda und Gerd Diehl.

Herr und Frau Diehl, Sie feiern bald das 20-jährige Bestehen des Fördervereins „Kirstins Weg“ und das zehnjährige der Kirstin Diehl Stiftung. Können Sie uns kurz den Werdegang Ihrer Projekte schildern?

Gerd Diehl: Der Förderverein wurde noch von Kirstin selbst gegründet. Aufgrund ihres Engagements, vor allem wegen des Fernsehauftritts bei Margarethe Schreinemarkers im Dezember 1995, kamen Berge von Post auf uns zu. Drei Körbe voller Post habe ich abgeholt, die Kirstin alle noch selbst gelesen hat. In vielen Umschlägen befanden sich auch Geldspenden. Irgendwann kam dann die Frage auf, wie wir damit umgehen und in welcher Form das geschehen kann. Vorher hatten wir das Geld der Fördergesellschaft der Klinik in Freiburg im Breisgau, in der Kirstin behandelt wurde, zur Verfügung gestellt, um diese zu unterstützen.

Kirstins Wunsch war es aber, stärker mitzubestimmen, was mit dem Geld geschieht. Sie hatte gemerkt: Die machen mit dem Geld ja nicht nur das, was ich will. Das Geld floß so vor allem in die Forschung. Kirstin wollte aber etwas für die Patienten tun. Das durfte die Fördergesellschaft wegen ihrer Satzung so aber nicht machen. Da kam uns die Idee der Vereinsform, mit der wir darauf stärker Einfluss nehmen und das Geld nun der Klinik selbst zukommen lassen konnten. Im Januar 1996 war es dann soweit. Kirstin selbst hat noch den Verein mit gegründet und aktiv mit gestaltet. Wir haben nun etwa 600 aktive Mitglieder und um die 8.300 Spender, die immer wieder einmal etwas spenden.

Später kam dann die Frage auf: „Was soll mit all dem geschehen, wenn wir, also meine Frau und ich, nicht mehr aktiv weitermachen können?“. Es hängt ja nun viel an uns, die Persönlichkeit Kirstin wird immer mit uns verbunden sein. Uns wird zwar viel geholfen, aber wir müssen trotzdem überlegen, wie es weitergeht. Wir wollten das Vermächtnis unserer Tochter festigen. Wir wollen das erhalten, was Kirstin geleistet hat. Da wir überregional tägig sind, musste eine Lösung gefunden werden, die über einen Verein hinausgeht. Die bestand in der Stiftungsgründung. Als wir uns informierten, waren wir überrascht, wie einfach es ist, eine Stiftung zu gründen. Nun liegt unser Bestreben darin, das Kapital der Stiftung auszubauen, was bei der aktuellen Zinslage leider ein echtes Drama ist.

Was würden Sie als Leitgedanken Ihrer Arbeit bezeichnen? Gerda und Gerd Diehl: Es war Kirstins Wunsch, dass wir weitermachen: Kirstin hat uns ein Vermächtnis hinterlassen. Das leitet uns Tag für Tag in unseren Bestrebungen. Darüber hinaus sehen wir die inhaltlichen Leitlinien unserer Arbeit als Stütze: Es wird eine ganz besondere Form der Therapie unterstützt, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. Das ist für uns ganz wichtig.

Ihre Stiftung unterstützt also ein „ganzheitliches Behandlungssystem“. Könnten Sie unseren Lesern erklären, was damit gemeint ist und wie sich dieser Ansatz von „normalen“ Krebstherapien unterscheidet? Gerd Diehl: Es steht hier nicht die Krankheit an sich im Mittelpunkt. Man sollte auch schauen, ob eine Restgesundheit da ist, die man fördern kann. Das war auch Kirstins Gedanke, die die Ärzte darauf aufmerksam machte: „Hallo, ich bin noch da, sprecht mit mir“. Die Klinik in Freiburg hat einen anderen Ansatz. Das finden wir unterstützenswert. Es gibt auch mittlerweile ganz viele Kliniken, die ebenfalls darauf achten.

Wir hatte ja den ersten Koblenzer Patientenkongress 1998 ins Leben gerufen. Da geht es um Patientenkompetenz. Das heißt aber auch, man muss nicht nur Ärzte haben, die das berücksichtigen, sondern auch Patienten, die kompetent sind. Außerdem unterstützen wir Studien zur Krebstherapie, die den Patienten das Leben erleichtern sollen und ihre Lebensqualität erhöhen.

Aus einem sehr persönlichen und sehr traurigen Anlass haben Sie und Ihre Familie ein Projekt geschaffen, das zahlreiche Menschen ganz unmittelbar anspricht und bewegt. Die Tatkraft, mit der sie Ihre Ideen und Zielrichtungen verfolgen, werden von vielen Menschen und Wegbegleitern bewundert. Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre Arbeit?

Gerda Diehl: Das fragen wir uns manchmal auch. Das ist aber das Vermächtnis. Wir haben es Kirstin versprochen. Wir haben gesagt, wir machen das weiter. Mein Gedanke dabei war auch immer: Es soll kein junger Mensch mehr an dieser Krankheit sterben. Und es ist bis heute unser Bestreben, etwas dazu beizutragen. Viele Menschen sagen: „Ach, was kann ich denn tun“. Man kann viel tun. Kirstin hat es aus dem Bett gemacht. Sie hat in den letzten Monaten noch die Nächte durchgestickt, unter Morphium und großen Anstrengungen. Jeder Einzelne kann was tun. Und es hat sich viel getan. Die „Wunderpille“ hat man zwar leider nicht erfunden, aber in der Therapie, vor allem bei Begleitmitteln, ist viel passiert. Die Lebensqualität der Patienten wird besser, die Heilungschancen sind besser. Und dann denken wir immer – dazu haben wir ein Stückchen beigetragen.

Die Zeitschrift „Wegweiser“ wendet sich mit ausführlichen Informationen an Krebspatienten und ihre Familien. Wie wichtig ist für Sie der Kontakt mit Betroffenen und deren Angehörigen?

Gerda Diehl: Der Kontakt ist uns ganz wichtig. Oft ergibt sich eine persönliche Beziehung, wenn wir Menschen, die Probleme haben, auf ihrem Weg begleiten. Das fällt uns nicht immer leicht, aber steht für uns an vorderer Stelle. Es ist für uns eine soziale Verpflichtung. Das haben wir uns nun mal auf die Fahne geschrieben.

Wie sehen die Pläne für die Zukunft von Stiftung und Förderverein aus?

Gerda und Gerd Diehl: In unserem Alter merken wir, dass wir bald kürzer treten müssen. Jeden Tag müssen wir hier vor Ort sein, was nicht immer einfach für uns ist, auch gesundheitlich. Natürlich werden wir nie ganz aufhören können, schließlich sind wir eng und persönlich mit allem verbunden. Wir haben die Hoffnung, dass die Stiftungsform uns hilft, das Vermächtnis aufrecht zu erhalten.

Liebe Familie Diehl, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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