Ehrenamtliche nach Flut wieder bei Telefonseelsorge Bad Neuenahr-Ahrweiler e.V. aktiv
Zurück am Telefon
Wie flutbetroffene TelefonseelsorgerInnen den Dienst wieder aufnahmen
Bad Neuenahr-Ahrweiler. Marlies ist eine der ehrenamtlichen TelefonseelsorgerInnen des Vereins Telefonseelsorge Bad Neuenahr-Ahrweiler e.V., die von der Flutkatastrophe im Juli 2021 persönlich betroffen war. Ihre Wohnung in Bad Neuenahr wurde unbewohnbar und nach vier Wochen in einer Ferienwohnung zog sie in ein frei gewordenes Häuschen in Bad Hönningen. Es sollten lange eineinhalb Jahre in diesem „Ausweichquartier“ werden. In dieser Zeit ist Marlies der Telefonseelsorge treu geblieben.
Nachdem die Infrastruktur in Bad Neuenahr provisorisch repariert war, konnte die Dienststelle der Telefonseelsorge Anfang August 2021 wieder in Betrieb gehen. Marlies kaufte sich eine neue Aktentasche und einen Thermobecher und kam über den Rhein, um ihre ehrenamtliche Arbeit am Telefon zu leisten. Sie sagt: „Für mich war es ein Stück alte Normalität in all dem Chaos.“ Trotz der eigenen traumatischen Erfahrungen hatte sie zum Glück keine Probleme, sich auf die Anliegen der Anrufer einzulassen. Und durch die Fahrten zum Dienst konnte sie die Beziehung zur alten Wahlheimat aufrechterhalten. Marlies sagt: „Es hat mir den Kopf frei gemacht, denn ich ließ meine eigenen Sorgen vor der Tür.“
Anfang 2023 stand der Umzug zurück nach Bad Neuenahr an, nicht in die alte Wohnung, aber in eine Wohnung in der Nähe. Der Umzug war recht belastend, sodass Marlies im ersten Quartal eine Auszeit vom Dienst nahm. Jetzt ist sie wieder am Platz. Auf die Frage, wie sie die schwierige Zeit bewältigt hat, sprudelt es aus Marlies nur so heraus: „Ich habe mich von der Gemeinschaft der TelefonseelsorgerInnen sehr getragen gefühlt. Ich bekam Anrufe und Hilfsangebote, nicht nur in den ersten Wochen. Und wenn ich mal wieder einen Rückschlag verkraften musste, war immer jemand da, der mir zuhörte.“
Diese Erfahrung hat auch Anne gemacht. Mit ihren Töchtern war sie in der Flutnacht alleine zu Hause und auch wenn „nur“ der Keller geflutet war, so stand ihr Leben danach auf dem Kopf. Als eine Kollegin der TS anrief und sich nach ihr erkundigte, war sie zunächst überrascht, aber dann dachte sie „Na klar, jetzt sorgen wir uns eben mal nicht um die Anrufer, sondern umeinander!“. In ihrer dunkelsten Stunde erhielt sie unerwartet einen Anruf von ihrem Supervisor, der ihre Verfassung sofort wahrnahm und sie auffangen konnte. „Er weiß halt, wie Seelsorge geht“, erinnert sich Anne und man spürt immer noch ihre Dankbarkeit für diese Erfahrung. Deshalb hat sie auch an den monatlichen Supervisionstreffen weiter teilgenommen, obwohl sie mit dem Dienst am Telefon bis Ende 2022 pausiert hat. Sie hatte persönlich viel zu viel um die Ohren und zudem das Gefühl, nicht wirklich auf die Themen der Anrufer eingehen zu können.
Zum Jahresbeginn wagte sie einen neuen Versuch am Telefon. Als sie zum ersten Dienst ins Büro kam, lag auf dem Schreibtisch ein gebastelter Stern als Willkommensgruß, den eine Kollegin für sie hinterlassen hatte. Und im ersten Nachtdienst hatte sie ein gelungenes Gespräch, das sie zusätzlich motiviert hat. Ihr Fazit danach war: „Es geht wieder!“
Auch Inge findet nach und nach wieder in den Dienstrhythmus. Nachdem ihr Haus in Dernau durch die Flut verwüstet worden war, begann eine Zeit der provisorischen Unterkünfte in Bonn, Alfter und dann wieder in Dernau. „Es gab unglaublich viel zu tun und zu regeln, aber alles zog irgendwie nur an mir vorbei. Mir war irgendwie alles egal. Ohne unsere Kinder hätten wir das nicht geschafft“, sagt sie. Da war an Telefonseelsorge nicht zu denken, zumal die Erreichbarkeit der Dienststelle lange schwierig war und die Fahrten durch das Ahrtal belastend für sie waren. Neben den Supervisionstreffen hat ihr die aufsuchende Begleitung durch KollegInnen der Telefonseelsorge sehr gutgetan.
Anfang dieses Jahres fasste sich Inge ein Herz und stieg wieder in den ehrenamtlichen Dienst ein. Viele Bekannte fragten sie, warum sie das denn mache. „Ich habe so viel Unterstützung erfahren, da möchte ich, so gut ich kann, auch etwas zurückgeben“, sagt Inge. „Und die Kontakte mit KollegInnen und den AnruferInnen tun mir gut. Das soziale Leben in den Flutgebieten war doch lange ziemlich eingeschränkt.“ Die ersten Gespräche am Telefon waren zwar schwierig, aber auch gut. „Es ist schön, wieder etwas geben zu können.“
Insgesamt wurden etwa ein Viertel der TelefonseelsorgerInnen der TS Bad Neuenahr-Ahrweiler durch die Flut geschädigt. Die meisten davon sind wieder im Ehrenamt aktiv oder bereiten sich darauf vor, wenige haben sich anders orientiert. Für Marlies, Anne und Inge war „Aufhören“ keine Option. Durch die konstante Teilnahme an den Supervisionstreffen und die mitfühlende Unterstützung durch die Kolleginnen und Kollegen war die Bindung letztlich stärker als die Veränderungen.
Pressemitteilung TelefonseelsorgeBad Neuenahr-Ahrweiler e.V.
