Wie das „kleine theater“ um seine Existenz bangt

...und nun noch der komplette Lockdown

„Für die Kultur der öffentlichen Hand wird die Unsicherheit erst noch folgen“

17.12.2020 - 12:30

Region. Ein herber Schlag für die Kulturszene ist der wiederholte Lockdown durch das Coronavirus. Auch das „kleine theater“ in Bad Godesberg ist betroffen und musste trotz zahlreicher Renovierungsmaßnahmen schon wieder seine Türen schließen. Eine große Herausforderung für Frank Oppermann, den Hausherren des „kleinen Theaters“, der das Haus ja erst am 1. Juli 2019 übernommen hat.

BLICK aktuell: Herr Oppermann, wie geht es Ihnen?

Oppermann: Wie es einem so geht, wenn man 5 von 12 Monaten nicht arbeiten durfte und das Wichtigste einfach fehlt: die Bestätigung unserer Arbeit durch die Zuschauer. Leider kann ich da – auch wenn ich grundsätzlich ein positiv, optimistischer Mensch bin – nicht antworten: Gut!

BLICK aktuell: In den vergangenen Tagen gab es einige Diskussionen in den Medien um den neuen Vorstand. Wie viele Vereine gibt es eigentlich inzwischen, die das „kleine theater“ unterstützen? Und wie sieht die Unterstützung aus?

Oppermann: Das „kleine theater“ hat neue Unterstützung gefunden. Ein Kreis von Menschen, die dem „kleinen theater“ und auch meiner Arbeit schon vorher sehr zugetan waren, wollten ursprünglich in den alten Förderverein eintreten und wichtige Funktionen für die Akquise von Spendengeldern übernehmen. Leider war es Corona bedingt dem alten Verein nicht möglich eine entsprechende Mitgliederversammlung einzuberufen. Da die Zeit aber drängte dem „kleinen theater“ jetzt, in seiner schwersten Krise, die es in 62 Jahren erleben muss, unterstützend zur Seite zu stehen, haben diese Godesberger gehandelt und einen neuen Verein ins Leben gerufen. Gegründet ist er, jetzt wartet er auf die Eintragung.

BLICK aktuell: Über den Sommer hin hatte man den Eindruck, es läuft wieder und die Menschen finden den Weg zurück in die Kultureinrichtungen. Wie lief es tatsächlich? War der Betrieb kostendeckend?

Oppermann: Wir waren unter den ersten Theatern, die bereits im Juni, nach drei Monaten wiedereröffnet haben. Wir hatten die Zeit genutzt und in die Sicherheit investiert. Die Lüftungsanlage wurde umgestellt. Die Fensteranlagen des Saals, die 50 Jahre hinter Rigips verschwunden waren, haben wir freigelegt, um so auch für eine natürliche Lüftung sorgen zu können. Wir haben durch Abriss und Neustrukturierung mehr Fläche in den Foyers geschaffen. Um die Bühne haben wir eine Plexiverglasung installiert und ein Sicherheits- und Hygienekonzept erarbeitet. Außerdem haben wir eine Außenbühne installiert und viel Programm an der frischen Luft unter dem Zauber der alten Zeder geboten. Dennoch lief es nur sehr schleppend an. Von anfangs 20 Prozent Auslastung haben wir uns dann kontinuierlich bis September hochgearbeitet und fassten zu diesem Zeitpunkt wieder Mut, dass wir uns wieder Richtung Kostendeckung arbeiten. Der September lag tatsächlich nur noch 10 Prozent unter diesem Ziel. Der Oktober brach dann aber mit den schlechten Entwicklungen der Pandemie wieder deutlich ein, sodass wir insgesamt einen Rückgang von 55 Prozent in der geöffneten Phase verzeichnen mussten. Damit lässt sich das Haus nicht bestreiten.

BLICK aktuell: Wie sieht es mit den laufenden Kosten wie Miete, Versicherungen, usw. für das Theater aus?

Oppermann: Die laufenden Kosten gehen weiter. Bei der Miete befinden wir uns noch immer in einem Austausch, wie sich denn der Paragraf über die Nutzungsunterbrechung, den die Stadt Bonn seinerzeit hineingenommen hatte, auf uns auswirkt. Wir haben, bis das geklärt ist, einen Antrag auf Erlass bzw. Stundung der Miete gestellt. Strom, Versicherungen, Werbeverträge etc. laufen unvermindert weiter. Da liegen wir selbst bei einer Vollschließung immer noch im fünfstelligen Bereich.

BLICK aktuell: Es werden ja in den Medien immer wieder schnelle Hilfen von der Politik angepriesen Welche Hilfsprogramme sind bis dato bei Ihnen angekommen?

Oppermann: Wir haben natürlich im März die Soforthilfe des Landes mit 25.000 Euro beantragt und auch gleich bekommen. Auch die Stadt Bonn hat 10.000 Euro im Juni bereitgestellt. Das reicht aber nicht aus, um die 6-stelligen Ausfälle aufzufangen. Ende Oktober wurde eine schnelle unbürokratische Novemberhilfe versprochen. Wir haben den Antrag gestellt und seither nichts mehr gehört. Den Medien entnimmt man, dass Haushaltsgründe oder fehlende Software die Auszahlungen bis in den Januar verzögern sollen. Für die „Dezemberhilfe“ gibt es bis jetzt (Mitte Dezember) noch keine Antragsmöglichkeit. Dass unsere „beratenden Dritten“ oder die „Bezirksregierung“ zwischen „den Tagen“ zu einer Bearbeitung kommen, scheint mir unwahrscheinlich. Die anderen Programme sind in ihren Bedingungen so komplex, dass die Ablehnung immer wahrscheinlicher scheint, als die Unterstützung, die sie ausdrücken sollen.

BLICK aktuell: Wie finanzieren Sie sich und das Theater im Moment? Bekommen Sie wenigsten das Kurzarbeitergeld für das Team?

Oppermann: Wir leben im Moment von Spenden und finanzieren so - so lange es geht - die Gehälter und Sozialversicherungen vor. Von den Kurzarbeitsgeldern der Bundesagentur für Arbeit fehlen uns noch die Monate August, September und November.

BLICK aktuell: Kurz nach dem ersten Lockdown haben Sie kostspielig umgebaut. Hätte diese Aktion nicht ausgereicht um das „kleine theater“ während eines Teillockdowns geöffnet zu halten?

Haben Sie einmal recherchieren können, wie viele Menschen sich in Theatern mit Covid 19 angesteckt haben?

Oppermann: Nun die Zahlen zeigen, dass die im Teillockdown geschlossenen Branchen wohl nicht Grund für die steigenden Ansteckungen waren. Es gibt bis heute keine dokumentierte Infektion durch einen Theaterbesuch – und zwar weltweit. Die Bayerische Staatsoper hat gerade dazu auch ein untermauerndes Untersuchungsergebnis vorgelegt. Ein Teillockdown hat uns mehr geschadet, als der Gesellschaft genutzt. Das heißt nicht, dass wir Beschränkungen nicht grundsätzlich verstehen. Nun stehen wir also vor einem zweiten Komplettlockdown. Am Ende wird sich herausstellen, dass ein früher beherztes Eingreifen billiger gewesen wäre.

BLICK aktuell: Inzwischen wird in den sozialen Medien immer öfter von einer „zwei Klassen Corona Gesellschaft“ gesprochen; heißt Demonstrationen sind erlaubt, Martinsumzüge nicht. Menschen mit Geld leben zum Teil ihren Standard weiter, während andere um ihre Existenz bangen. Wie sehen Sie das? Beamte bekommen Coronazuschüsse, das Geld fließt auch zeitnah und die Kulturbranche und die Soloselbständigen warten oft monatelang.

Oppermann: Ja, da ist was dran. Die zusätzlichen Corona bedingten Beamtenbezüge sind wirklich nicht nachvollziehbar und völlig absurd, wenn man bedenkt, wie um zusätzliche Leistungen für Pflegepersonal gestritten wurde und die am Ende meist leer ausgingen. Und auch, dass die betroffenen Branchen zunächst mit Hilfsversprechen beruhigt wurden, um diese nachher zurückzunehmen ist eigentlich skandalös. Da müssten viel mehr „Faktenchecks“ in die Öffentlichkeit gebracht werden. Das ist dann aber Sache der Medien.

BLICK aktuell: Ist es nicht für die Kulturszene irgendwann zu spät? Wie lange ist denn überhaupt ein Überleben und Durchhalten gesichert?

Oppermann: Für die Kultur der öffentlichen Hand wird die Unsicherheit erst noch folgen. Nämlich dann, wenn die Haushalte weitere Einschnitte in der Kultur fordern. Für die privaten Theater und die freie Szene, die mit wenig oder gar keiner Förderung auskommen müssen, ist der Schlussstrich nicht mehr fern. Auch das „kleine theater“ lebt ja derzeit nur noch von den großzügigen Spendern. Aber auch das ist endlich. Wir brauchen Perspektiven, damit wir auch der Verantwortung gegenüber den Spendern gerecht werden können.

BLICK aktuell: Was denken Sie, wie es mit Ihrem Haus nach der Coronakrise weiter geht?

Oppermann: Wir werden wieder viel Zeit brauchen, um durch die Folgen der Maßnahmen des Teillockdowns wieder Vertrauen zu gewinnen. Auch wenn es nicht den Fakten entspricht, glauben ja jetzt viele, dass ein Theaterbesuch riskant sei.

Auch werden wir noch länger die AHA-Regeln im Haus befolgen müssen. Das bedeutet weiter eine eingeschränkte Zuschauerzahl. Ob damit das Haus finanziell überlebensfähig bleibt, ist derzeit noch ungewiss.

BLICK aktuell: Fühlen Sie sich von der Politik in den Coronazeiten im Stich gelassen oder denken Sie eher, dass die Politik keinen Überblick mehr darüber hat, was an der Basis passiert?

Oppermann: Mir fehlt nach wie vor ein durchgehender Dialog auf Augenhöhe. Und oft hat man das Gefühl, die Politik selbst ist nur noch getrieben vom Geschehen. Aber ich glaube auch, dass keine Seite mit der anderen aktuell tauschen möchte. Sicher ist der Politik vorzuwerfen, dass man den Sommer nicht genutzt hat, um verschiedene Krisenmodelle mit unterschiedlichen Handlungsstrategien zu unterfüttern. Wenn Ministerpräsidenten sich jetzt entschuldigen, man sei von der Wucht der zweiten Welle überrascht worden, klingt das entweder naiv oder unglaubwürdig. Ebenso wie dass die Dezemberhilfe noch von der Programmierung der Antragsplattform abhinge. Seltsam, denn es gibt ja bereits eine Schablone: die „Novemberhilfe“. Da verspielt die Politik bei mir gerade viel Glaubwürdigkeit.

BLICK aktuell: Können Kulturinteressierte Ihnen und dem Theater zum Beispiel mit dem Kauf von Tickets helfen? Ich bin mir sicher, viele Menschen vermissen die Kulturlandschaft. Das wären doch schöne Weihnachtsgeschenke.

Oppermann: Ja, natürlich. Wir haben gerade einen wunderschönen Weihnachtsgutschein im Verkauf. Da kann man genauso, wie durch ein Abo für die nächste Spielzeit schon mal Vorfreude auf schöne Vorstellungen verschenken. Auch über das Solidarticket kann man uns helfen oder aber durch direkte Spenden. Alles zu finden auf unserer Facebook- und Webseite (www.kleinestheater.eu).

BLICK aktuell: Danke für das Interview Herr Oppermann und alles erdenklich Gute! BV

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