„Schrecken auf dem Papier“
Stellungnahme zum Artikel in der FAZ
Cochem ist meine Wahlheimat. Selbstverständlich hat das Städtchen auch einige unschöne Plätze und nicht alle touristischen Angelegenheiten wurden mit Bravour gelöst. Das sollte durchaus kritisiert werden. Doch stört es mich massiv, wenn statt einer journalistischen Auseinandersetzung der Autor unverhohlen den Inhalt seines literarischen pot de chambre aneinanderreiht und damit eine ganze Seite unnötig verbraucht. Das ist weder amüsant noch geistreich! Der Artikel strotzt nur vor Snobismus und Stereotypen. So werden die vielen Besucher, die sich bei einem Durchschnittseinkommen nicht die Südsee leisten können, sofort in die Schublade saufender Rotten des Ballermanns gesteckt. Das Gleiche widerfährt auch Hartz IV. Während die Zeitung sich sonst recht sozialkritisch gibt, arbeitet der Autor schamlos am Rufmord der langfristig Arbeitslosen und verwendet den Begriff als ein Synonym für „asozial“. Auch essenstechnisch erklärt der selbst ernannte Inquisitor des vermeintlich guten Geschmacks alles außerhalb von Schwertmuscheln und der Leber gequälter Gänse für ungenießbar. Bezüglich des Weines kann man es sich an der Mosel recht leicht machen und direkt zu den Topwinzern gehen, wie es der Autor auch tat. Man muss es aber nicht, denn mit etwas Zeit und Mühe, die der Autor anscheinend nicht aufwenden wollte, findet man in der Mittelklasse sehr gute Weine zu ehrlichen Preisen. Auf jeden Fall ist die Darstellung einiger Oasen in einer Wüste schlechter Winzer nicht wahrheitsgemäß. Des Weiteren scheint der Autor kein Gespräch mit Einheimischen außerhalb der wenigen Gastronomien geführt zu haben. Sonst hätte er nicht auf den Topos bemitleidenswerter Einheimischer, die von heuschreckenartigen, fremden Invasoren ausgebeutet werden, zurückgreifen müssen. Der größte Störfaktor der Reise sind für den Autor letztendlich die Menschen selbst. Denn ausgerechnet auf dem Gebiet einiger Weinlagen, die zu dem Zeitpunkt menschenleer sind, erschaudert er - ganz im Klischee - vor der Erhabenheit der Mosel. Für bewohnte Gebiete wünscht sich der Autor indes eine Flutwelle der Zerstörung. Der passendere Name für den Artikel wäre „Die Mosel und meine Anthropophobie“. Wer Menschen nicht leiden kann, sollte lieber mit Lonley Planet anstatt auf der Mosel reisen. Apropos auf dem Kawah Ijen soll es ganz ruhig und menschenleer sein …
Pressemitteilung
Jusos Cochem-Zell
