Die Willy Brandt-Stiftung hatte zur Lesung von Peter Brandt in das Rheinhotel geladen
„Mit anderen Augen“ stellte der Historiker seinen Vater vor
Unkel. Kaum fassen konnte der große Saal im Rheinhotel Schulz die zahlreichen Gäste, die die Lesung des Historikers Peter Brandt, aus seinem Buch „Mit anderen Augen, ein Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt“, hören wollten. Eingeladen zu dieser hatte die Willy-Brandt-Stiftung, deren Vorsitzenden Christopher Charlier neben der Hausherrin Arina Lauffs mit dem Autor nicht nur den ältesten Sohn des Friedensnobelpreisträgers, sondern auch dessen dritte Frau Brigitte Seehofer begrüßen konnte. Namentlich willkommen hieß er zudem ranghohe Persönlichkeiten aus der Politik.
„Möglich ist eine solche Veranstaltung nur dank der Hilfe von Sponsoren, vor allem aber der engagierten Vorarbeit unserer Ehrenamtler um Geschäftsführer Rudolf Rupperath“, hob Christopher Charlier hervor, um dann auf den 9. November als dem „Schicksalstag der Deutschen“ einzugehen, an dem 1918 Philipp Scheidemann in Berlin die Republik ausgerufen hatte, 1938 in der Reichspogromnacht in Deutschland Synagogen brannten und an dem vor genau 25 Jahren die Berliner Mauer fiel. Angesichts der Ost-Politik von Willy Brandt, der am 10. November 1989 seinen berühmten Ausspruch notiert habe: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ treffe es sich gut, dass genau am Tag des Mauerfalls Peter Brandt mit seinem Buch zu Gast sei. „Ich war bestrebt, der Versuchung zu widerstehen, das Objekt meiner Bemühungen nach eigenen Wünschen idealisierend zurecht zu hobeln“, schreibt Peter Brandt, eine wohltuende Zurückhaltung, „die sich nicht alle Biographen und Autoren auferlegt haben“, beendete Christopher Charlier die Einführung zur Lesung.
„Diese beschränkt sich nicht auf dieses Jubiläumsdatum“, erklärte Peter Brandt. Außerdem gebe es immer mehr als eine Interpretation von Begebenheiten. Seine sei somit nur ein mögliches Angebot, die Einstellung und Ansichten seines Vaters zu deuten, auf den enorme Projektionen gerichtet gewesen seien: „In den Jahren 1940 bis 45 ist er zu einem außenpolitischen Denker geworden, indem er den konzeptionellen Entwurf eines vereinten Europas im Blick hatte“. Das zweite Motiv sei die Ansicht gewesen, das man nicht mithilfe ausländischer Bajonette in Deutschland eine Antinazi-Opposition aufbauen könne, sondern nur in politischer Eigenständigkeit. Eine wirkliche Überwindung der barbarischen Terrorregimes sei für Willy Brandt nur als Werk deutscher Demokraten denkbar gewesen.
„Als Vorsitzender der Sozialistischen Internationalen und Vorsitzender der Nord-Süd Kommission ab 1977 kümmerte sich mein Vater verstärkt um globale Fragen oft quer zum Ost-West-Konflikt unter den Gesichtspunkten Friedenssicherung und Menschrechte, wobei man seiner Ansicht nach Hungertod und Krieg auf eine Stufe stellen müsse“. Die Aufhebung des Nord-Süd-Gefälles habe sein Vater als die soziale Frage angesehen, mit Problemen, die nur durch eine solidarische Weltinnenpolitik zu lösen seien.
„Dass mein Vater, seit 1957 Regierender Bürgermeister von West-Berlin, den Mauerbau gegeißelt hat, ist bekannt. In der Rhetorik des Kalten Krieges benutzte er religiöse Floskeln und sprach von den ‚Mächten der Finsternis’. Andererseits war der 13. August 1961 aber auch Ausgangspunkt für eine Neuorientierung meines Vaters, für seine Erkenntnis, dass ein anderer Weg als der von der Adenauer-Regierung beschrittene eingeschlagen werden müsse, um die Mauer durchlässig zu machen“, erinnerte Brandt, um dann von einer weitgehend unbekannte Truppenzusammenziehung 1962 um Berlin herum zu berichten. Angesichts geplanter Gegenmaßnahmen bei einem Einmarsch russischer Truppen habe Willy Brandt dem damals 13-jährigen Peter gesagt, es könne sein, „dass ich längere Zeit nicht nach Hause komme. Dann bist Du der Mann im Haus“. Mit Beendigung der Kuba-Krise sei diese Gefahr aber gebannt gewesen.
Über die Einführung der Passierscheine zur Jahreswende 1963/64 und die neue Ostpolitik der SPD-FDP-Regierung ging Peter Brandt auf die Entspannungspolitik ein, die 1980 umzuschlagen drohte. Dabei habe sie erst Michail Gorbatschow und der Perestroika den Weg gebahnt. Nach der Stationierung von Pershings 1983 und der Antwort Moskaus durch Raketen mit kürzeren Vorwarnzeiten habe Helmut Kohl dann die von Willy Brandt begonnene Ost-Politik fortgesetzt, die durch die Liberalisierung in Polen und Ungarn vorangebracht worden sei.
Nach seinem Besuch in Ostberlin 1985 habe sein Vater starke Zweifel gehabt, ob er die Einheit noch erleben werde, als Option hat er sie aber niemals aufgegeben. Ein „Ideologe der Zweistaatlichkeit“ sei Willy Brandt nie gewesen, so der Autor. So hätte er zwar gerne eine Selbstbestimmung beider deutschen Staaten nach 1989 gesehen, eine Eigenstaatlichkeit der ehemaligen DDR allerdings bedauert, die er unter dem Gesichtspunkt eines möglichen Staatenbundes jedoch akzeptiert hätte.
Peter Brandt ließ, das Leben seines Vaters von den letzten Kriegsjahren bis zur Wiedervereinigung Revue passieren. Fotos: DL
