Das 15-jährige Bestehen des Seniorenbeirates und prominente Festredner lockten zahlreiche Besucher an
„Senioren können und wollen mitwirken“
Linz. Vor circa 15 Jahren löste sich der Sozialausschuss der Verbandsgemeinde Linz ersatzlos auf. Das Einstellen seiner Arbeit war der ausschlaggebende Impuls zur Gründung des Seniorenbeirates, rief es doch einen geharnischten Leserbrief eines empörten Bürgers hervor. „Der amtierende, harmoniebedürftige Bürgermeister Klaus Hannuschke wollte alles, nur keinen Krach in seinem Revier, und bestellte umgehend den Leserbriefschreiber zum Gespräch“, erinnert Jochen Schulz in seiner Festschrift „Vorwärts – Marsch“.
Auf die Gründung des Seniorenbeirates lief das besagte Gespräch damals hinaus. In Angriff genommen werden sollte sie dann von Gerda Braun von der Caritas, Wolfgang Görden (SPD), Herbert Schönlen von der AWO und eben von Jochen Schulz von der CDA, die Wegbegleiter mit Erfolg um sich scharten, sodass auf dem Seniorentag in der Stadthalle der „Geburtstag“ dieser Erfolgsgeschichte ausgiebig gefeiert werden konnte.
Ein volles Haus beschwerte der Seniorentag dem Seniorenbeirat, der die zweiteilige Veranstaltung unter das Motto „Die Verantwortung der Generationen im Zeichen des demografischen Wandels“ gestellt hatte. Zu der Informationsveranstaltung konnte VG-Chef Hans-Günter Fischer keine Geringere als die ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, die Psychologieprofessorin und „Gerontologin der ersten Stunde“, Ursula Lehr, als Gastrednerin begrüßen. Während sie sich dem Thema widmete „Älter werden – aktiv bleiben. Der Beitrag älterer Menschen für unsere Gesellschaft“, sprach der ehemalige Linzer Bürgerbeauftragten für Betreuung, Gesundheitsfragen und Versorgung, Bruno Kirchhof, über die „Solidarisierung der Generationen als notwendige und mögliche Antwort auf die durch den demografischen Wandel heraufbeschworenen Probleme“. Namentlich willkommen heißen konnte Hans-Günter Fischer viele Politiker. „Nicht vergessen möchte ich Jochen Schulz, der als der Speerspitze der Linzer Seniorenbewegung das Recht hat, die Vaterschaft des Seniorenbeirates für sich reklamieren zu dürfen“, so der VG-Chef, der diesem für sein Engagement den Linzer Ehrenpreis „Die gute Tat“ überreichte.
„Der demografische Wandel ist auch in unserer Region spürbar. Waren in 2000 nur 17 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt, so war der Anteil dieser Generation zehn Jahre später schon auf 21 Prozent angestiegen, 2020 wird er bei über 38 Prozent liegen“, rechnete der VG-Chef vor.
Als so starker Faktor der Gesellschaft müssten sich die Senioren einbringen. „Ältere bleiben heute länger jung“, hob Hans-Georg Faust in seinem Grußwort hervor. Dies zeige ein Vergleich mit den Großeltern der 60er Jahre. „Die genannten Zahlen müssen uns also nicht erschrecken, aber wir müssen auf sie reagieren“, so der Hausherr. Wie dies in einer immer älter werdenden Gesellschaft erfolgen müsste, erklärte Ursula Lehr mit der Forderung: „Es gilt, nicht nur dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben zu geben“. Dies aber bedeutet auch, sich zu engagieren. Der Anteil der „gesunden“ Lebensjahre sei in den zurückliegenden Jahrzehnten stark gestiegen und werde weiter ansteigen, während sich das Arbeitsleben verkürzt habe. Entsprechend sei freie Zeit zur Mitgestaltung und Mitwirkung in der Gesellschaft gewonnen worden. Denn eine plötzliche Unterforderung mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben führe zu dem so genannten „boreout“.
„Ein Miteinander der Generationen“
Ein bürgerschaftliches Engagement der Ältere verhindere zudem, dass der Volkswirtschaft ein ungeheueres Potenzial an Wissen und Kompetenz verloren geht. „Wir brauchen zwar auch die Ideen der Jüngeren, aber wir brauchen auch den Rat der Erfahrenen, eben das Miteinander der Generationen“, so Ursula Lehr. „Etwa ein Drittel der Generation 60plus ist in Deutschland ehrenamtlich engagiert, ein weiteres Drittel engagementbereit, wenn sich die richtige Aufgabe findet“, erklärte die Gastrednerin. Senioren wollten und könnten mitgestalten und mitwirken – wenn man sie nur ließe. „Dem stehen leider manchmal noch verbreitete negative Altersbilder entgegen“, bedauerte Ursula Lehr.
Eine Kritik, der sich auch Bruno Kirchhof anschloss. Im Gegensatz zur Wirtschaft, von der die ältere Generation als kaufkräftige Kundschaft längst kräftig umworben wird, würden Aktionen der dritten Generation „überflüssig wie ein Kropf“ abgetan und Forderungen der Senioren und Behinderten von weiten Teilen der Gesellschaft oft als unnötig und übertrieben angesehen.
Anders als die vierte Generation, die nur begrenzt neue oder andere Aufgaben übernehmen könne, müssten die Über 65-Jährigen als „große Gewinner gesellschaftlicher Veränderungen“ auch unter dem Gesichtspunkt der Fairness die Erwerbs-Generation unterstützen.
„Nach meinem Eindruck und meiner Erfahrung steht die VG und damit auch ihr Seniorenbeirat vor einer Weiche“, so der ehemalige Bürgerbeauftragte. Einerseits könnten innovative Projekte zum Nutzen vieler einzelner Mitbürger weitergeführt werden. Andererseits stellt sich die Frage, ob genügend Menschen bereit und in der Lage sein werden, darüber hinaus eine neue Verantwortlichkeit der dritten Generation zu akzeptieren und nachhaltig die Übernahme von konkreten Verantwortungen zu ermöglichen. „Grenzen Sie nicht ein Viertel ihrer Mitbürger aus.
Verzichten Sie in Zukunft nicht auf die Erfahrung und Kraft eines Mitbürgers, nur weil er einen Rollator benötigt“, wandte sich Bruno Kirchhof eindringlich an die jüngeren Zuhörer und warnte davor, Senioren nicht nach „Gutmensch-Art“ zu hätscheln, anstatt sie in ihrer Selbstbestimmtheit zu unterstützen.
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