Die Mayener „Europäer“ zu Gast in Mons
Eindrücke aus der Kulturhauptstadt Europas 2015
Interessante Reise nach Belgien
Mayen. Auch wenn Mayen mit den Burgfestspielen, mit Ausstellungen im Arresthaus und den Konzerten der „Rheinischen“ auch kulturelle Glanzpunkte bietet - Europäische Kulturhauptstadt für 2015 sind gleichwohl Pilsen und das wallonische Mons geworden. Mons, Ziel der Reise einer Gruppe der Europa-Union Mayen-Koblenz, hat mit seinen fast 95.000 Einwohnern eine „rabenschwarze“ Vergangenheit, war es doch über Jahrhunderte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts Zentrum des belgischen Kohlebergbaus südlich von Brüssel. Davon ist heute freilich nur noch wenig zu sehen - grün bewachsene Hügel im Rücken der Stadt sind in Wahrheit ehemalige Abraumhalden, die Fördertürme aber sind verschwunden. Straßenzeilen mit oft nicht sehr ansehnlichen Häusern der Bergleute aus der kohlereichen Zeit lassen erkennen, dass der Reichtum, den diese Landschaft, die sog. „Borinage“, unter der Erde bereithielt, oberirdisch doch recht ungleich verteilt war.
Prachtvolle Fassaden
Die Innenstadt freilich zeigt mit ihren vielfach aus „Blaustein“, einem oft „belgischer Granit“ genannten Kalkstein und Backstein errichteten Bauten, dass es seit jeher auch enormen Wohlstand gab: prachtvolle Fassaden rund um die wahrhaft große „Grande Place“, ein imposantes Rathaus aus der Renaissance mit reicher bildhauerischer Verzierung und repräsentativen historischen Räumen, vor allem aber der erhöht gelegene barocke „Belfried“ - mit seinen 87 m Turmhöhe weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt und in die UNESCO-Liste der Kulturgüter aufgenommen - haben die Mayener Besuchergruppe staunen lassen. Und zu gerne hätten sie im Rathaus noch Elio de Rupo, den Monser Bürgermeister und bis 2014 noch belgischen Ministerpräsidenten zu einem kurzen Gespräch getroffen - leider musste er aus Zeitgründen absagen.
Prunkvolle Stiftskirche
Auf einem Rundgang durch die Gassen der Altstadt durfte natürlich ein Besuch in der der Heiligen. Waltrudis (Sainte Waudru) geweihten Stiftskirche mit ihrem riesigen, fast 120 m langen, 32 m breiten und 24 m hohen Schiff nicht fehlen - und wäre der auf 190 m geplante Turm fertig worden, hätte er das Ulmer Münster überragt. Doch die Arbeiten wurden im 17. Jahrhundert abgebrochen - wahrscheinlich mangels „Kohle“.
Staunenswert im Inneren ein goldgeschmückter barocker Prozessionswagen, der jährlich bei einer Zehntausende anziehenden Prozession den Schrein der Heiligen Waltrudis trägt. Diese volksfestartige Prozession, „Doudou“ genannt, stellt den Kampf St. Georgs mit dem Drachen dar. Die UNESCO hat dieses Brauchtum als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit anerkannt - und Mons selbst hat dem sogar eines der vier jüngst neu eröffneten Museen gewidmet.
van Goghs frühe Werke
Als Kulturhauptstadt für 2015 hat die Stadt ein ganzjähriges, vielfältiges Veranstaltungsprogramm aufgelegt, bei dem die Auswahl nicht leicht fällt. Höhepunkt für die Teilnehmer der Zwei-Tages-Fahrt war sicher der Besuch der van Gogh-Ausstellung im „BAM“, dem strahlend weißen, lichtdurchfluteten, Kunstmuseum der Stadt. Erste, bleigraue Zeichnungen und düster scheinende Ölgemälde, noch weit entfernt von jenem farbigen, von breitem, pastosem Pinselstrich geprägten Stil, den man gewöhnlich mit dem Namen van Gogh verbindet, lassen die hier ausgestellten frühen Werke die malerische Entwicklung, aber wohl auch die seelischen Nöte des früh verstorbenen genialen Autodidakten erkennen. Hier, in der Borinage, wo er wenige Jahre lebte, hat er, 27-jährig, mit dem Zeichnen und Malen begonnen. Diese Landschaft, ihre damals rußige, bedrückend trostlose Stimmung, ihre niedrigen Hütten und Häuser, die schwer arbeitenden Menschen auf Äckern und im Kohlerevier waren Motive, die Vincent van Gogh auch später immer wieder beschäftigten.
Kathedralen der Arbeit
Ein verbliebenes Stück der damaligen industriellen Wirklichkeit konnten die Mayener anderntags in „Grand Hornu“ besichtigen, einem nahegelegenen Industriedenkmal aus dem frühen 19. Jahrhundert, das - damals fast revolutionär - Arbeit und Wohnen mit einer um Schächte und Fertigungsstätten herum gebauten Siedlung mit über 400 Häusern zu vereinen suchte. Die weitläufige, ovale Anlage verblüfft mit neo-klassizistischen Bauten, die zum Teil gewölbten, hohen Hallen wirken fast wie „Kathedralen der Arbeit“. Als nach 1950 die Zechen stillgelegt wurden, verfiel die Anlage. Zum Teil renoviert, ist sie heute Ort von Ausstellungen im Bereich Design und zeitgenössischer Kunst. Ein weiterer Abstecher führte schließlich in die hierzulande kaum bekannte, kleinere Nachbarstadt Tournai - sie war einstmals sogar Hauptstadt des Frankenreichs - mit ihrer großartigen Kathedrale sowie dem ältesten „Belfried“ Belgiens mitsamt einem unüberhörbaren, alle Gespräche durchdringenden Glockenspiel. Am späteren Sonntagnachmittag, gestärkt mit einem Kaffee oder auch einem belgischen Bier brach die Gruppe vom überaus prächtigen, sonnigen Marktplatz aus zur Heimfahrt auf. Dieser Marktplatz - er wird doch tatsächlich teilweise auch noch als Parkplatz genutzt - Abschreckung pur! Und schade, dass Pilsen, die zweite Europäi-sche Kulturhauptstadt, so weit entfernt ist - auch hier lockt ja (nicht nur) das Pils.
