Leserbrief
Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt?
Am 18. August fand in Mayen eine Auftaktveranstaltung statt, durch die das Netzwerk Inklusion gegründet wurde. Wir waren sehr froh, so viel Zuspruch und interessierte Menschen zu erreichen. Daher gaben uns nun die Erfahrungen eines Mitglieds unserer Steuergruppe bei der Teilnahme am Schweigemarsch durch Mayen zur Erinnerung an die Reichpogromnacht, zu denken.
Die Dame mit Handicap, im Rollstuhl sitzend, erzählte uns bei unserer letzten Sitzung, wie ausgegrenzt sie sich gefühlt hatte. Durch Beschimpfungen und rücksichtslosem Verhalten anderer Teilnehmer entwickelte sich dieser Marsch durch Mayen, zum Gedenken an Menschen, die vor knapp siebzig Jahren auch ausgegrenzt, beschimpft und sogar verfolgt wurden, zu einer bitteren Erfahrung.
Das, was unser Mitglied dachte, war: Haben wir denn gar nichts in den letzten Jahren gelernt? Darf ich, nur weil ich im Rollstuhl sitze, nicht an Veranstaltungen teilnehmen? Darf ich mich nicht in der Öffentlichkeit beteiligen, um an die schrecklichen Ereignisse dieser Zeit zu erinnern? Ist die Würde des Menschen unantastbar? Die Dame im Rollstuhl brach aufgrund des massiven Drucks den Schweigemarsch vorzeitig ab.
Diese Schilderung gab uns sehr zu denken. Wir hoffen, durch diesen offenen Leserbrief die Menschen zum Nachdenken zu bewegen und würden uns freuen, wenn das nächste Mal ein Mensch mit Handicap an einer öffentlichen Veranstaltung teilnehmen möchte, es schlicht selbstverständlich ist.
Sonja Burghardt
Projektleitung Netzwerk Inklusion
