Lokalsport | 02.11.2014

RSC Mayen erkundet die Dolomiten

Radsportler auf den Spuren des Ersten Weltkriegs

Die Gruppe Max Göke, Felix Schneider, Patrick Loch und Martin Reis in Piran (Slowenien) (v.l.). privat

Mayen. „Höher, schneller, weiter“ – dieser Ausspruch steht als Synonym für das fortwährende Streben nach „mehr“. Obwohl diese „mehr“ in der Planung der Dolomitentour des RSC Mayen keine Rolle spielte, kann die Tour dennoch mit dem äquivalenten Schlagwort „steiler“ überschrieben werden. Nie zuvor bei der seit 2007 jährlich ausgetragenen Alpentour waren die Anstiege im Durchschnitt so steil und nie zuvor standen so viele extreme Steigungen auf dem Programm. Gleichwohl blieb die Tour mit knapp 1.100 Kilometern und 26.000 Höhenmetern im Rahmen der letzten Jahre.

Unbekanntes Terrain

Die Dolomiten waren bislang die letzte radsportlich relevante, weil interessante Gebirgskette der Alpen, welche die RSCler noch nicht ausgiebig besucht hatten. Dieser Teil der südlichen Kalkalpen ist nicht nur für Radfahrer eine ganz besondere Region der Alpen. Die Landschaftsbilder mit ihren dominierenden Felswänden und eindrucksvollen Bergmassiven ziehen Jahr für Jahr wahre Massen an Touristen nach Norditalien und Südtirol. Die richtige Etappeneinteilung und eine große Portion Glück sorgten dafür, dass die Mayener Radfahrer bei fast allen Touren, trotz annähernd täglich für den Folgetag prophezeiter Schlechtwetterszenarien, trocken blieben und wenn nicht, erst zum Ende der jeweiligen Etappe eine kleine Dusche abbekamen. Mit Max Göke, Patrick Loch, Martin Reis und Felix Schneider hatten sich vier Radsportler des RSC Mayen aufgemacht, die Dolomiten auf dem Rad zu erkunden. Die zehntägige Tour war dabei reich an Höhepunkten, angefangen mit der berühmten Sellarunde, die sogar zweimal (jeweils aus entgegengesetzter Richtung) unter die Räder genommen wurde. Die Rundstrecke über Passo Campolongo, Passo di Pordoi (2.239 m), Sellajoch und Grödnerjoch ist nicht nur bei Radfahrern ein Klassiker und ein absolutes Muss. Aber auch der Passo di Fedaia (2.057 m) unterhalb der Marmolada, mit 3.343 Metern höchster Gipfel der Dolomiten oder der 2.233 Meter hohe Passo di Giau mit seiner schweren aber schönen Passstraße sind für Rennradfahrer ein Genuss. Weltweit bekannt sind auch die Drei Zinnen. Weniger im Fokus steht dabei natürlich die Stichstraße, die bis fast zu ihren Füßen zur Auronzohütte führt. Diese sehr steile Straße, direkt am malerischen Misurinasee abzweigend, sollte indes nur ein Vorgeschmack auf noch steilere Herausforderungen sein.

Große Herausforderung

Eine davon wartete am Monte Grappa. Dieser weitgehend frei stehende Berg bildet eine Art südliche Abgrenzung der Alpen zu der Poebene, die an seinen Hängen direkt und ohne vorgelagertes Mittelgebirge beginnt. Entsprechend eindrucksvoll ist bei guten Bedingungen die Sicht gen Süden. Leider erreichte die Gruppe, nach der Auffahrt über ein mehrere hundert Meter langes, deutlich die 20 Prozent-Marke übersteigendes Stück, den Gipfel im dichten Nebel. Immerhin konnte sie das Ossarium auf dem Gipfel, das größte italienische Denkmal für im Ersten Weltkrieg gefallene Soldaten, besichtigen. Dieses Denkmal markiert gleichzeitig das weiteste Vordringen der Österreicher während des Krieges. Die Dolomiten waren über drei Jahre lang Mittelpunkt schwerer Kämpfe und so finden sich überall Relikte vergangener Tage und Hinweise auf die damaligen Geschehnisse. Bei annähernd jeder Tagesetappe kamen die Radsportler mit ehemaligem Frontgebiet in Berührung.

Auch am ersten Ruhetag war ursprünglich eine Wanderung über den Innerkofler-Klettersteig, der durch alte Stollen entlang der Front führt, geplant. Aufgrund der Wetterbedingungen wurde dann jedoch mit dem Piz Boe (3.152 m) der höchste Gipfel der Sellagruppe angesteuert. Hin und wieder wichen die Rennradler auch von ihren Hauptrouten ab, um landschaftliche Höhepunkte wie die Sottoguda-Schlucht oder den farbenprächtigen Karersee zu bestaunen.

Eindrücke der besonderen Art

Eindrücke ganz anderer Art erlebten die Mayener Radfahrer auf dem längsten Teilstück. Nach PKW-Anfahrt bis Triest radelte die Gruppe von Italien durch Slowenien nach Kroatien und dort einmal quer über die Halbinsel Istrien bis zum Berg Vojak, dem mit 1.370 Meter höchsten der Halbinsel, von dem man über die Adriaküste in Richtung Balkan blicken kann. Vor allem auf der im nördlicheren Hinterland verlaufenden „Hintour“ erfuhren die RSCler eine ganz andere Welt. Über kaum befahrene, schmale Straßen führte die Strecke durch einige kleine Dörfer in denen die Zeit stehen geblieben schien. Häufig verfallene Gebäude und karge Besiedlung waren klare Anzeichen, dass diese Region noch nicht unbedingt in der EU angekommen ist. In diesem Zusammenhang machten die Radsportler ganz praktisch Berührung mit der Nicht-Identität von EU und Schengen-Raum, als sie unbewusst eine lokale Grenze, welche nur für Slowenen und Kroaten passierbar ist, überqueren wollten. Eine spannende Diskussion mit Händen und Füßen endete schließlich doch in der erhofften Durchfahrtserlaubnis des grimmig dreinblickenden Grenzbeamten. Im totalen Gegensatz dazu stand später auf der Rücktour der touristisch stark erschlossene und entsprechend frequentierte Küstenabschnitt Sloweniens. Die Küstenorte Piran, Izola und Koper wussten mit ihren Altstädten zu beeindrucken. Noch beeindruckender wurde das Zusammenwirken von Mittelmeer und alter Bausubstanz am zweiten Ruhetag im Zuge des Besuchs der Lagunenstadt Venedig. Bei bestem Wetter und blauem Himmel konnte ausreichend Kraft für die letzten Etappen gesammelt werden. Für den sportlichen Höhepunkt sollte dies auch bitter nötig sein. Der Monte Zoncolan ist außerhalb von Radsportkreisen weitgehend unbekannt, schließlich gibt es hier weder eine bemerkenswerte Aussicht, noch eine besondere Straßenführung. Die alte Militärstraße besticht allein durch den Umstand ihrer nahezu unvergleichliche Steilheit. Erst Ende der 90er-Jahre für den Giro d’Italia entdeckt, hat der Anstieg trotzdem schon Kultcharakter und befindet sich unter den schwersten Anstiegen im Profiradsport überhaupt. Das wissen auch die Verantwortlichen in und um den Talort Ovaro, wo der Anstieg allgegenwärtig ist und auch an seinen Flanken findet man in unregelmäßigen Abständen große Tafeln mit berühmten Radsportlegenden. Allein die Grunddaten – zehn Kilometer Länge und 1.225 Meter Höhendifferenz – sind schon Furcht einflößend und ergeben eine extrem hohe und seltene Durchschnittssteigung von zwölf Prozent. Der Mythos jedoch rankt sich um das sechs Kilometer lange Mittelstück, auf dem 898 Höhenmeter überwunden werden. Hier kämpfen selbst gut trainierte Radsportler nicht mehr für eine gute Zeit, sondern nur noch gegen das Absteigen. Trotz oder gerade wegen dieser Quälerei, sollte jeder Rennradfahrer die Westauffahrt des Zoncolan einmal erlebt haben. Weitere Information und eine Menge Bilder gibt es unter www.rsc-mayen.de.

Die Gruppe Max Göke, Felix Schneider, Patrick Loch und Martin Reis in Piran (Slowenien) (v.l.). Foto: privat

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