Jörg Lauster im Laacher Forum
„Die Verzauberung der Welt“
Streifzug durch die abendländische Geschichte, Kunst und Theologie
Maria Laach. „Das Christentum hat über Jahrhunderte hinweg unsere Kultur entscheidend geprägt“: Diese Feststellung setzte Jörg Lauster zu Beginn seines Vortrags. Die Buch- und Kunsthandlung Maria Laach hatte den Professor für evangelische Theologie und Autor ins Laacher Forum eingeladen, wo er sein neuestes Werk vorstellte: „Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums“. Und der Referent rief ins Bewusstsein, dass über die Feier des Gottesdienstes, christliche Nächstenliebe und kirchliche Strukturen eine „christliche Religionskultur“ entstanden ist. „1000 Jahre hat es gebraucht, das Christentum aufzubauen.“ Professor Lauster zeigte im Klosterforum auf, dass sich das Christentum bei aller Notwendigkeit kirchlicher Lehrsätze zu keiner Zeit nur dogmatisch und kultisch verstanden hat. Vielmehr verankerte sich die Kirche durch Musik, Literatur, Gemälde, Skulpturen und die Baukunst tief im abendländischen Selbstverständnis. Allein im Bau der Kathedrale fand das Christentum „die Sprache eines Weltgefühls“, das der zunehmenden Rationalisierung und fortgesetzten Entzauberung bis auf den heutigen Tag entgegensteht. „Nicht Verlust, sondern die Erfahrung von Überschuss bedingt die göttliche Gegenwart“ führte der Professor aus und benannte als Beispiele „die Kraft der Musik“ mit Komponisten wie Bach und Mozart oder „die Macht der Literatur“ mit Werken wie Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“. Die „Divina Commedia“ in ihren Bildern von Fegefeuer, Hölle und Paradies bestimmt wie kein anderes Werk religiöse Vorstellungen. Jörg Lauster, der all diese Schätze in den Blick nimmt, sieht in der Reduzierung auf das Urchristentum eine „Vereinfachung“.
"Ein Köder Gottes“
Hingegen tritt in der Gotik und Renaissance etwas zutage, was das Urchristentum übersteigt, der „Ozean einer Religion“. Die Kulturgeschichte nannte er den Versuch, diesen Ozean zu bereisen, „die Kraft der Musik, nahe am Herrn, die Macht der Literatur, nahe am Leben, der Glanz der Bilder, nahe am inneren Auge.“ Doch der Referent erwähnte auch die durch die bildende Kunst entstandenen Spannungen, den Bilderstreit. Trotz der Erlaubnis Papst Gregor des Großen um das Jahr 600, Bildergeschichten und Wortillustrationen darzustellen und zur Verkündigung zu nutzen, gab es immer wieder Konflikte um die Auslegung des Bibelwortes, „Du sollst Dir kein Bildnis machen“. Demgegenüber geradezu enthemmt war die italienische Renaissance in ihrer Ausdruckskraft, eine Revolution, die in der bildenden Kunst Michelangelos gewissermaßen gipfelte. Die Pieta im Petersdom, sein Erstlingswerk, sollte Michelangelo über Nacht berühmt machen, „eine technisch perfekte Skulptur, die ihre theologische Botschaft sinnlich und geistig erfahrbar werden lässt.“ Professor Lauster sieht in der Pieta ein Kunstwerk des „Renaissanceplatonismus“, das, erstmalig in der Kunst, Christentum und Platonismus versöhne, „in ihrer sichtbaren Schönheit ein Köder Gottes.“
Jörg Lauster ermunterte die Zuhörer des Laacher Forums, selbst hinzufahren und diese die „Welt überwindende Harmonie“ mit eigenen Augen zu erleben. Als weiteres Meisterwerk benannte er das Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle, das die Entwicklungsgeschichte der Menschheit und die Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen sinnlich vermittelt.
„Überschuss Gottes“
In einem großen Zeitsprung führte der Referent seine Zuhörer anschließend ins 19. Jahrhundert. Die Romantik als Antwort auf die Aufklärung vergegenwärtigte religiöse Inhalte, ohne die religiöse Sprache zu benutzen. In diesem Sinne zeigte sich der Referent auch von der evangelischen Mystik eines Caspar David Friedrich angezogen, der das ausdrückt, „was die Natur im Innersten erzeugt. Es ist der Ausdruck des eigenen Erlebnisses.“ Friedrich aber schuf kein Abbild der Natur. Seine Kunst lässt Raum zur Interpretation. Dabei war der Künstler zu seiner Zeit nicht unumstritten. Und obwohl Romantik, Mittelalter und Renaissance so anders sind und sich nicht vergleichen lassen, besteht für Jörg Lauster kein Grund zum Zweifel: „Das Christliche ist mehr als seine jeweiligen Erscheinungsformen.“ Auch sei die Kulturgeschichte des Christlichen kein Fortschrittsmodell, „sondern die Summe der Kulturformen und Wechselwirkungen, die das Christentum bestimmt.“ So sieht Lauster in den verschiedenen Erscheinungsformen des Christentums – ob im gregorianischen Choral, ob bei Michelangelo oder Caspar David Friedrich – „die Fülle seiner Erscheinungsformen. Und es ist noch viel mehr als das“, der von Jörg Lauster benannte „Überschuss Gottes“. Denn „wir erleben mehr, als wir begreifen.“
