Mendiger Ortsverein Bündnis 90/Die Grünen bat zum Neujahrsempfang 2015
Von Selbstbeweihräucherung keine Spur
Mendig. Eher übersichtlich war die Anzahl der Gäste, die anlässlich des traditionellen Neujahrsempfangs des Mendiger Ortsverbands von Bündnis90/Die Grünen ins Hotel Laacher Lay gekommen waren. Aufgrund der gastfreundlichen Bewirtung und der unkonventionellen Atmosphäre fühlte sich jeder Gast offensichtlich sehr wohl. Zunächst bedankte sich der Fraktionsvorsitzende im Mendiger Stadtrat, Stephan Retterath, bei der Landtagsabgeordneten Katharina Raue, die sich kurzfristig bereit erklärt hatte, die Neujahrsansprache zu halten, da der ursprünglich vorgesehene Redner Markus Göpfert vom Fachdienst Migration des Caritasverbandes Rhein-Mosel-Ahr erkrankt war. Sodann dachte er laut über den „Sinn und Unsinn eines Neujahrsempfangs“ nach und kam zu dem Schluss: „Wie wir alle wissen, ist das meist eine Selbstdarstellung oder eine Selbstbeweihräucherung der jeweils eigenen Partei und/oder mit verbalen Schlägen auf den politischen Gegner“, so Retterath, der um Verständnis für einen „holprigen“ Start bat, jedoch versicherte, dass er lernfähig sei. Zu seinem Fraktionsvorsitz im Mendiger Stadtrat, in dem er mit seinen Parteikollegen Leo Heinen und Joachim Heuft vertreten ist, sagte Retterath: „Wir fühlen uns an keinen Koalitionspartner gebunden und entscheiden von Fall zu Fall zum Wohl der Bürger.“ Zu den Themen, mit denen sich die Mendiger Grünen befassen, nannte er den Naturschutz im Allgemeinen und den Laachgraben im Speziellen. Die Renaturierung werde jedoch in Zukunft zu seinem Leidwesen etwas langsamer vorangehen, weil die bürokratischen Hürden ziemlich hoch seien. Als weiteres Thema nannte Retterath das Konversionsgelände Flugplatz Mendig. „Hier wird uns über verschiedene Medien suggeriert, dass dort 500 neue Arbeitsplätze von 70 Firmen geschaffen worden seien. Dafür gibt es keinerlei Belege. Das Ganze wird uns als Erfolgsgeschichte verkauft, dennoch ist von Leuten, die sich mit der Materie befassen, immer wieder zu hören, dass es sich hierbei um ein Zuschuss-Geschäft für die Stadt Mendig handelt. Dies wird sich jedoch auch nicht ändern, solange wir Mitglied des Zweckverbandes sind.“ Zu der Großveranstaltung „Rock am Ring“ äußerte sich Retterath zwar durchweg positiv, merkte jedoch an, dass noch einige ökologische Probleme aus der Welt geschafft werden müssten. Konrad Böhnlein, der nach seiner zehn Jahre währenden Tätigkeit als Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag inzwischen zum Zweiten Beigeordneten der Stadt Mendig gewählt wurde, legte den Schwerpunkt seines Grußworts auf die Migrationspolitik und begann seine Rede mit dem Spruch: „Dein Auto japanisch, dein Wodka russisch, deine Pizza italienisch, dein Kebap türkisch, deine Demokratie griechisch, dein Kaffee brasilianisch, deine Filme amerikanisch, dein Urlaub spanisch, kroatisch, albanisch und türkisch, deine Zahlen arabisch, deine Schrift latein: Und du sagst immer noch: Ausländer raus?“ Böhnlein fügte hinzu: „Vielleicht sagt dieser Spruch schon genug aus über die Lächerlichkeit der Argumente der Pegida-Bewegung.“ Zudem stellte er die Frage: „Oder ist Pegida ein Ausdruck für das Gefühlschaos, das eine immer komplexere und verwirrende internationale politische Lage auslöst?“ Fast täglich erfahre er von neuen Flüchtlingsdramen. Die Grünen hielten es für nötig, eine Willkommenskultur mit aufzubauen, sagte Böhnlein und nannte als positive Beispiele den Landkreis Marburg-Biedenkopf, wo sich Willkommensinitiativen gebildet haben, sowie Laichingen bei Ulm, wo die Asylbewerber ihre Zeit spenden, um der Gemeinde zu helfen und im Gegenzug die Bürgerstiftung „Laichinger Alb“ einen Deutschkurs für die Flüchtlinge organisierte. Wörtlich sagte Böhnlein: „Statt über Überlastung und Geldknappheit auf kommunaler Ebene zu jammern, sollten wir unsere Fantasie und Fähigkeiten gebrauchen, um vor Ort für die Integration von Flüchtlingen und gegen Ausgrenzung und Rassismus tätig zu werden. Und das soll eine Aufforderung an uns selbst als Partei in Stadt und Verbandsgemeinde sowie an interessierte Bürger sein, darüber nachzudenken und zu überprüfen, inwieweit ähnliche Aktionen wie die Gründung von Flüchtlingsvereinen oder Willkommensinitiativen hier möglich und sinnvoll sind.“ Es müsse nicht unbedingt auf Marburg verwiesen werden, wenn auf vorbildliche Flüchtlingspolitik hingewiesen wird. Diese gebe es auch in Rheinland-Pfalz, nämlich in Flammersfeld im Kreis Altenkirchen (Westerwald), wo ein Unterstützungsnetzwerk aufgebaut wurde sowie Sprachkurse und Kleiderspenden organisiert wurden, sagte die Landtagsabgeordnete und Sprecherin für Polizei, Justiz und Verfassung, Katharina Raue (MdL), in ihrer Neujahrsansprache. Außer der Flüchtlingspolitik thematisierte die Landtagsabgeordnete auch den weltweiten Klimawandel, den Atomausstieg und die damit verbundenen erneuerbaren Energien, das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP und nicht zuletzt die Terroranschläge auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris. Im Anschluss an den offiziellen Teil der Veranstaltung machte sich der Ortsverband von Bündnis90/Die Grünen als vorbildlicher Gastgeber wieder einmal alle Ehre und verwöhnte seine Gäste mit köstlichen Leckereien.
Als Gastrednerin hielt die Landtagsabgeordnete der Grünen, Katharina Raue, die Neujahrsansprache.
