Schulabstinenz steigt
Schulabstinenz in Westerwald: Ursachen und Hilfen für Schüler
aus Höhr-Grenzhausen
Westerwald. Montagmorgen, 7.45 Uhr. Während sich vor vielen Schulen das übliche Gedränge bildet, bleibt Leas Platz im Klassenzimmer leer. Nicht zum ersten Mal. Die 14-Jährige fehlt seit Wochen immer wieder – mal entschuldigt, mal unentschuldigt. Was nach Einzelfall klingt, ist für viele Schulen längst Alltag: Schulabstinenz, also das wiederholte Fernbleiben vom Unterricht, entwickelt sich zunehmend zu einer ernsten Herausforderung.
Ein wachsendes Problem
Lehrkräfte und SchulsozialarbeiterInnen berichten übereinstimmend von steigenden Fehlzeiten. Besonders seit der Corona-Pandemie habe sich das Problem verschärft. „Manche Schülerinnen und Schüler haben den Anschluss verloren – fachlich, aber auch sozial“, sagt Claudia Wienand, Schulsozialarbeiterin des Kinderschutzbunds Westerwald. „Für einige ist die Rückkehr in den geregelten Schulalltag bis heute schwierig.“
Schulabstinenz ist dabei kein einheitliches Phänomen. Fachleute unterscheiden zwischen klassischem „Schwänzen“, Schulverweigerung aus Angst oder Überforderung und dem sogenannten Zurückhalten durch Eltern. Hinter den Fehlzeiten verbergen sich oft komplexe Ursachen: Leistungsdruck, Mobbing, psychische Belastungen, soziale Phobien, familiäre Konflikte oder fehlende Perspektiven.
Mehr als nur „keine Lust“
Der Kinderschutzbund warnt davor, vorschnell von Faulheit zu sprechen. „In vielen Fällen steckt eine ernsthafte Problemlage dahinter“, erklärt Frau Wienand. Angststörungen oder Depressionen könnten dazu führen, dass der Schulbesuch als unüberwindbare Hürde erlebt werde. Je länger Schülerinnen und Schüler fehlen, desto größer werde die Hemmschwelle zur Rückkehr.
Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle. Kinder aus belasteten Familien seien häufiger betroffen, ebenso Jugendliche mit Migrationsgeschichte oder Lernschwierigkeiten. Doch Schulabstinenz mache vor keiner sozialen Schicht halt.
Folgen für Bildung und Zukunft
Die Konsequenzen sind gravierend. Wer regelmäßig fehlt, verpasst Lernstoff, Klassenarbeiten und wichtige soziale Erfahrungen in der Klassengemeinschaft. Langfristig steigt das Risiko, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Damit sinken auch die Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.
„Schulabsentismus ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern auch ein gesellschaftliches“, betont Marthe Wolff vom Kinderschutzbund Westerwald. „Fehlende Bildung wirke sich auf Integration, Fachkräftesicherung und soziale Teilhabe aus.“
Frühzeitiges Handeln als Schlüssel
Viele Schulen setzen inzwischen auf Prävention: enge Zusammenarbeit mit Eltern, Schulsozialarbeit, Beratungsangebote und individuelle Förderpläne. Einige Kommunen haben spezielle Projekte ins Leben gerufen, bei denen multiprofessionelle Teams betroffene Familien begleiten.
Entscheidend sei, frühzeitig hinzuschauen. „Je schneller wir reagieren, desto größer ist die Chance, dass Kinder und Jugendliche wieder regelmäßig zur Schule kommen“, sagt die Schulsozialarbeiterin. Wichtig sei dabei ein vertrauensvoller Umgang statt reiner Sanktionen.
Zwischen Pflicht und Unterstützung
In Deutschland gilt Schulpflicht. Wiederholtes unentschuldigtes Fehlen kann Bußgelder nach sich ziehen. Doch Fachleute sind sich einig: Strafen allein lösen das Problem nicht. Vielmehr brauche es individuelle Lösungen und ein Bildungssystem, das auf unterschiedliche Lebenslagen eingehen kann.
Für Lea und viele andere Jugendliche bleibt der Weg zurück ins Klassenzimmer eine Herausforderung. Doch mit gezielter Unterstützung, Geduld und Verständnis kann aus einem leeren Stuhl wieder ein besetzter Platz werden.
Wo gibt es Hilfe?
Der Kinderschutzbund Westerwald unterstützt Kinder und Jugendliche mit seinen pädagogischen Fachkräften an 15 Grundschulen der Region im Rahmen der „Kinderbüros“ und der Schulsozialarbeit an zwei Realschulen plus.
Zusätzlich gibt es ein spezielles Beratungsangebot „FamilienSorgenbüro“, welches durch die Projektkoordinatorin und Sozialpädagogin Christel Kaiser organisiert wird. Hier unterstützen wir Eltern und Erziehungsberechtigte ihre Erziehungsaufgaben selbstbewusst und gestärkt wahrzunehmen.
Weitere Informationen www.kinderschutzbund-westerwald.de.
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Wenn der Schulweg zur Hürde wird – Schulabstinenz nimmt zu Foto: Kinderschutzbund Rheinland-Pfalz