Politik | 28.04.2017

EU-Kommission will Einführungszeitpunkt der Flüsterbremsen für Güterwaggons von 2020 nach hinten verschieben

„Die größte Gefahr kommt aus Brüssel“

Bei Mahnwache gegen Bahnlärm wurde Bundesgesetz als Erfolg gefeiert, der aber nicht ausreiche

Vor dem VG Rathaus Eingang versammelten sich die Teilnehmer der Mahnwache mit Plakaten und Spruchbändern. Fotos: HEP

Weißenthurm/Region. Als kleinen Erfolg feierten Mitglieder der Bürgerinitiative gegen Bahnlärm in der Verbandsgemeinde Weißenthurm das neue Gesetz zum Verbot lauter Güterwagen. Da dies laut BI-Vorsitzendem Rolf Papen aber nicht reiche, um den Bahnlärm ausreichend zu vermindern, wurde erneut eine Mahnwache vor dem Rathaus der Weißenthurmer Verbandsgemeinde organisiert. Zu den etwa 30 Teilnehmern mit Schildern und Spruchbändern zählten unter anderem Landrat Dr. Alexander Saftig, die VG-Bürgermeister Georg Hollmann (Weißenthurm), Michael Mahlert (Bad Hönningen), Josef Oster (Bad Ems), die Oberbürgermeister Achim Hütten (Andernach), Nikolaus Roth (Neuwied) und der Weißenthurmer Stadtbürgermeister Gerd Heim, einige Bürger und Mitglieder verschiedener Bürgerinitiativen. In dem jetzt verabschiedeten Bundesgesetz heißt es unter anderem: „Eine wesentliche Ursache für die Lärmbelastung bestehe in der Ausrüstung von Güterwagen mit Grauguss-Bremssohlen, welche die Radlaufflächen der Räder aufrauten, eine Verriffelung der Schienenlaufflächen bewirkten und somit die Schallemissionen von Güterwagen erhöhten.“ So sind für alle Güterwaggons zum Beginn des Netzfahrplans 2020/2021 Verbundstoff-Bremssohlen oder Scheibenbremsen vorgeschrieben. Laut Bürgermeister Georg Hollmann gibt dieses Gesetz dem Eisenbahnbundesamt die Möglichkeit tätig zu werden: „Das ist ein Erfolg, auf den wir aufbauen können. Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie sich gegen die EU-Kommission durchsetzt, die die Fristen nach hinten verschieben will. Das darf auf keinen Fall sein“, betonte Hollmann. So sah das auch der Andernacher Oberbürgermeister Achim Hütten: „Die größte Gefahr kommt aus Brüssel“. Bei der Mahnwache war man sich einig: „Der Bund muss mehr tun und wir müssen über Bundestagsabgeordnete mehr Druck ausüben.“

Mehr Sorge um Eidechsen, als um Menschen

„Wir sind weit davon entfernt, dass die Gesundheit der Menschen wirksam vor Lärm geschützt ist“, erklärte BI-Vorsitzender Rolf Papen, „200 000 Güterzüge rollen pro Jahr durch dieses Tal. Es war ein schwerer Fehler die Westerwaldtrasse nicht so zu bauen, dass zumindest nachts dort hätten Güterzüge fahren können.“ Papen verwies darauf, dass das Eisenbahnbundesamt eine wissenschaftliche Studie ausgeschrieben hat, die den Schutz der Eidechsen bei der Schotterreinigung untersuchen soll. „Es ist kein Aprilscherz, dass die Bahn sich um die Eidechsen mehr kümmert als um Menschen, deren Leben durch Bahnlärm in Gefahr ist“, beklagte Papen. Er monierte, dass Güterzüge mit 120 km/h nach Andernach rein donnern, Lastwagen dürfen hier nur 50 km/h fahren, daher seien 70 km/h für Güterzüge durchaus vertretbar, meint der BI-Vorsitzende.

Zahlreiche Forderungen zusammengefasst

Dargelegt wurde auch der Forderungskatalog: Instandsetzung und Instandhaltung der Züge und der Infrastruktur, Umsetzung des Maßnahmenkatalogs des „Projektbeirates leiseres Rheintal“, Einsatz moderner Schienenlärmschutzmaßnahmen zur Reduzierung des Bahnlärms auf ein vertretbares Maß, wie es an Neubaustrecken üblich ist, weiterer moderner Lärmschutz am rollenden Material zur weiteren Reduzierung des Bahnlärms insbesondere während der Nachtstunden, neben Flüsterbremsen (K- oder LL-Sohlen) sollen auch Radabsorber an Güterwaggons zum Einsatz kommen, Einrichtung flächendeckender Zugüberwachungs-Stationen, gleichberechtigte Anerkennung des ganzen Mittelrheintals von Bonn bis Mainz/Wiesbaden als das „Epizentrum“ des Bahnlärms in Deutschland, keine Zunahme des Güterverkehrs im Mittelrheintal, Einführung von Immissionsobergrenzen auch für Bestandsstrecken. Geschwindigkeitsreduzierung bei Ortsdurchfahrten, Ertüchtigung von Ausweichstrecken zur Entlastung des Mittelrheintals bis zur Fertigstellung einer Neubaustrecke, Umsetzung des im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien auf Bundesebene verankerten Ziels, den Schienenlärm in Deutschland bis 2020 zu halbieren.

Bürgerinitiative seit März anerkannte Umweltvereinigung

Es gibt aber auch Lichtblicke, denn im August 2017 wird in Weißenthurm mit dem Bau der Lärmschutz-Gabionenwand in der Bahnhofstraße von der Unterführung an der Honiggasse bis zur Rheinbrücke begonnen. Bis 2021 sollen vom Sportplatz Richtung Andernach bis zum Ortsausgang Weißenthurm weitere Lärmschutzwände errichtet und im ganzen Stadtbereich Schienenstegdämpfer an den Gleisen angebracht werden. Übrigens: Seit März ist die Bürgerinitiative „Wir gegen Bahnlärm in der VG Weißenthurm e.V.“ anerkannte Umweltvereinigung und hat eigene Mitwirkungsrechte an Verwaltungsentscheidungen. So kann sie an Verfahren zur Umweltverträglichkeitsprüfung beteiligt werden, hat Mitwirkungsrechte bei Verfahren im Naturschutz und kann mit einer Verbandsklage gerichtlich gegen Verwaltungsentscheidungen vorgehen, wenn diese gegen Umwelt- oder Naturschutzvorschriften verstoßen. -HEP-

BI Vorsitzender Rolf Papen feiert das Bahnlärmgesetz als Erfolg, der jedoch nicht ausreiche.

BI Vorsitzender Rolf Papen feiert das Bahnlärmgesetz als Erfolg, der jedoch nicht ausreiche.

Zur Mahnwache gegen Bahnlärm begrüßte der Weißenthurmer Verbandsbürgermeister Georg Hollmann (links) etwa 30 Teilnehmer.

Zur Mahnwache gegen Bahnlärm begrüßte der Weißenthurmer Verbandsbürgermeister Georg Hollmann (links) etwa 30 Teilnehmer.

Zahlreichen Bürgermeister beteiligten sich an der Mahnwache gegen Bahnlärm vor dem Weißenthurmer VG Rathaus.

Zahlreichen Bürgermeister beteiligten sich an der Mahnwache gegen Bahnlärm vor dem Weißenthurmer VG Rathaus.

Vor dem VG Rathaus Eingang versammelten sich die Teilnehmer der Mahnwache mit Plakaten und Spruchbändern. Fotos: HEP

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