Verein „Arbeitskreis für entwicklungspolitische Bildung“ Remagen hatte Dr. Asfa Wossen Asserate zu Gast
Klare Worte zu den Problemen Afrikas
Remagen. Eine hochkarätige Diskussion erlebten die rund 40 Besucher der Talk-Runde in Remagen mit Dr. Asfa Wossen Asserate, dem Großneffen des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie. In seinem Einführungsvortrag im Evangelischen Gemeindehaus machte der Referent die unsäglichen Ausplünderungen der Bevölkerung in vielen afrikanischen Staaten durch die dort herrschenden Präsidenten als Hauptgrund für die Flucht so vieler vor allem junger Menschen aus Afrika nach Europa verantwortlich.
„Überall versuchen die schlimmen alten Männer, die ihre Länder als Diktatoren regieren, sogar Dynastien zu errichten. In Togo, dem Kongo oder Gabun gelang es, die Herrschaft vom Vater auf den Sohn zu übertragen. Und überall werden Milliarden aus der Staatskasse gestohlen und in den Westen verschoben. Was hat Frankreich mit den afrikanischen Diktatoren gemeinsam? Doch sicher die Villen an der Côte d’ Azur, die fast alle Präsidenten auf Lebenszeit dort besitzen, und die dicken Bankkonten, die sie natürlich außerhalb Afrikas dort angelegt haben“, so Asserate.
Dabei sei das Problem mit Afrikas Diktatoren dem Referenten zufolge „in nur drei Tagen zu lösen“, wenn sich nämlich die westlichen Länder unter Einschluss der USA von den Plünderern abwenden und gegen sie gemeinsame Sache machen würden. Eine sofortige Kontensperrung gehöre dazu ebenso wie ein Stopp der Finanzierung durch Weltbank oder IWF - und nur noch eine Entwicklungshilfe, die direkt an die Menschen gehe und vorbei an den Staatskassen. Nur sei ein solch harter Schritt derzeit kaum denkbar, weil die Interessen der westlichen Länder zu oft mit denen von Afrikas Herrschern verbunden seien.
Kaum Kritik
Konkret führte Dr. Asserate die Zusammenarbeit mit seinem Heimatland Äthiopien an. Mehrfach schon habe das Land seine Soldaten stellvertretend für die USA nach Somalia geschickt. Deshalb gebe es kaum Kritik an der gegenwärtigen Regierung, die das Land mit harter Faust regiere. Mehr als 70.000 politische Gefangene säßen in Äthiopiens Gefängnissen, es herrsche dort der schlimmste Rassismus weltweit, seitdem Südafrika das System der Apartheid abgeschafft habe.
Der Vorsitzende des Arbeitskreises für entwicklungspolitische Bildung, Dr. Frank Bliss aus Remagen, sprach als Diskussionsleiter in seinen Fragen an den Referenten anschließend die Rolle von China in Afrika an. Könne China die europäische Entwicklungshilfe nicht ersetzen und damit als neuer Schutzpatron der Diktatoren auftreten? Asserate hielt dem entgegen, dass China zwar Milliarden in Afrika investiert habe, aber kaum jemals auch nur einen Cent als Geschenk für die Entwicklung der Staaten ausgegeben habe.
Im Gegenteil praktiziere China den schlimmsten Kolonialismus in Afrika, indem es die Bodenschätze dort zum Teil sogar mit eigenen Arbeitern abbaue und nach China abtransportiere und wie vor 100 Jahren Fertigwaren schlechtester Qualität nach Afrika liefere, ohne sich um dortige Arbeitsplätze oder gar den Aufbau einer Industrie zu kümmern. Viele Menschen in Afrika hätten dies längst erkannt und würden die Chinesen heute bereits als die schlimmeren Kolonialherren ansehen.
Im Rahmen der lebhaften Diskussion, an der sich zahlreiche Besucher beteiligten, kamen abschließend eine Reihe von Ansätzen zur Sprache, wie Europa Afrika und seine Bevölkerung „wiedergewinnen“ und die Menschen von der Abwanderung und Flucht nach Europa abhalten könnte. Zuerst gehöre dazu ein sofortiger Stopp der Subventionierung der europäischen Agrarexporte nach Afrika, die dort derzeit die Märkte kaputtmachen, so Asserate. Umgekehrt müsse Europa seine Märkte für afrikanische Waren öffnen, und zwar nicht nur für Mineralien, sondern auch für Agrarerzeugnisse, denn 85 Prozent der Bevölkerung in Afrika lebten weiterhin von der Landwirtschaft.
Schließlich könne sich Europa auch mit Blick auf die dramatische Bevölkerungsentwicklung stark für die Mädchenbildung engagieren und im Gesundheitsbereich aktiv werden. Beides sei eine Voraussetzung für die Geburtenkontrolle auf dem Kontinent, dessen Bevölkerung jährlich weiterhin um über drei Prozent wachse.
Stärker engagieren
Diskussionsleiter Bliss verwies in diesem Zusammenhang auf die positive Rolle der Sozialen Sicherung gegen extreme Armut und als Beitrag zur Bekämpfung von Fluchtursachen. Hier solle sich auch Deutschland stärker mit finanziellen Beiträgen engagieren, denn oft seien nur 15 oder 20 Euro im Monat notwendig, um Kinder zur Schule zu schicken und damit auch die Zukunft gerade von Mädchen zu verbessern.
Abschließend dankte er im Namen der Mitveranstalter, der Evangelischen Bücherei Remagen und dem Eine-Welt-Laden Remagen-Sinzig, dem Referenten für „sehr klare Worte“ zu den Problemen Afrikas und den hierdurch bedingten Fluchtursachen.
