Politik | 13.05.2016

Gemeinschaftsprojekt von HwK Koblenz, Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen und Jobcenter Kreis Ahrweiler

Kompetenzen der Flüchtlinge erschließen und fördern

Schneidermeisterin und Dozentin Brigitte Pappe vermittelt ihrer Gruppe die in Deutschland notwendigen Normen und Abläufe. privat

Bad Neuenahr-Ahrweiler/Koblenz. Die Nähmaschine ist geölt, der Faden läuft fast geräuschlos, ein Stich nach dem anderen findet seinen Platz. Hussein Korahjo nimmt sich in seiner Mittagspause die Zeit, seine Nähmaschinen zu warten. Das tut er mit großem Eifer und Sorgfalt. Hussein ist bemüht, zeigt Einsatz, die Arbeitsergebnisse an seinem liebevoll gewarteten Arbeitsmittel sind mehr als zufriedenstellend. „Er stickt wie ein Weltmeister“, sagt seine Dozentin Brigitte Pappe mit Begeisterung in den Augen.

Vergleich mit dem deutschen Qualitätsniveau

Hussein Korahjo ist einer von vielen Flüchtlingen, die derzeit an der Kompetenzanalyse „KomPAS“ bei der Handwerkskammer (HwK) Koblenz teilnehmen. Das Projekt überprüft die vorhandenen handwerklichen Fähigkeiten hinsichtlich einer Übertragbarkeit auf das deutsche Qualifizierungs- und Qualitätsniveau. Ein Ansatz, der den personalen wie beruflichen Ist-Zustand der Teilnehmer abbildet. Aus dieser Erkenntnis heraus werden für die zusteuernden Institutionen, die Agentur für Arbeit Koblenz Mayen an ihrem Standort in Bad Neuenahr-Ahrweiler sowie das Jobcenter des Landkreises Ahrweiler, wichtige Erkenntnisse für weiterführende Integrationsansätze abgeleitet. Und die Flüchtlinge selbst können sich in den Berufsbildungszentren der HwK in der Praxis mit geltenden Standards und Anforderungen des hiesigen Arbeitsmarktes auseinandersetzen oder aber orientieren.

Während die anderen bereits in ihre verdiente Mittagspause enteilen, spannt Hussein konzentriert den Faden ein und erzählt dabei: Er flüchtete vor dem Krieg aus Syrien nach Deutschland. Aleppo, seine Heimatstadt, wurde weitestgehend zerstört. Trümmer und Erinnerungen blieben zurück, was er mitnahm, war der Wunsch, sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. In seinem Verständnis besteht die Grundlage dafür darin, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. „Ich habe über 20 Jahre in Syrien als Schneider gearbeitet. Das möchte ich auch hier“, erklärt er in deutschen Wortbrocken. Dass dafür gute Voraussetzungen gegeben sind, bestätigt Brigitte Pappe, selbst Schneidermeisterin und als Dozentin im Rahmen des Projekts tätig. „Sicherlich fehlen hier und da die deutschen Standards. Nur nähen zu können, reicht oft nicht aus. Hussein lernt im Rahmen des Projekts, welche Normen und Abläufe gelten. Mit einer Teilqualifizierung dürfte seine berufliche Integration gut gelingen.“ Eine Perspektive, die sich Hussein auf seiner Flucht erhoffte, aber nicht erwartete. Über einen Monat dauerte seine „Reise“ von Syrien nach Deutschland. Sechs Länder durchquerte er, mal zu Fuß, mal motorisiert, ehe er in München eintraf und über Hannover und Ingelheim seine jetzige Wohnung nahe Ahrweiler bezog.

Kenntnisse als Grundlage für Integration

Neben ihm finden noch andere, über Agentur und Jobcenter Vermittelte im eigens eingerichteten Schneiderraum ideale Möglichkeiten für die Umsetzung von Probearbeiten. Weitere sogenannte Inseln bestehen in den Bereichen Metall, Bau, Friseur, Nahrungsmittel, aber auch in kaufmännischen und verwaltungstechnischen Bereichen – somit nicht nur in handwerklichen Berufsfeldern, sondern berufsoffen. Überall gilt das gleiche Prinzip der Erkenntnissammlung – als Grundlage eines beginnenden Integrationsplans. „Der Ansatz meldet strukturierte Erkenntnisse über die Fähigkeiten der Kunden zurück. So können wir individuelle Förderungen, die von Teilqualifizierungen bis hin zu angestrebten Ausbildungen reichen, planen. Diese sollen idealtypisch den Flüchtling als Fachkraft dem Arbeitsmarkt zuführen“, betont Theo Krayer, Geschäftsführer des Jobcenters in Ahrweiler.

Das Projekt, an dem Hussein teilnimmt, ist auf fünf Wochen angesetzt. Ein für ihn überschaubarer, doch wertvoller Zeitraum.

Eine Möglichkeit, für die auch Ali Reza Yousefeelany sehr dankbar ist. Er besucht die „Bau-Insel“ und beginnt dort als gelernter Vermessungsingenieur, sich neu zu orientieren. Entgegen der Mehrzahl spricht Ali Reza sehr gutes Deutsch, das er sich in akribischer Heimarbeit selbst aneignete. Schnell zeigt sich, dass er mit motivierter Hand und engagiertem Geschick die Anweisungen umsetzen kann. „Ein Naturtalent“, attestiert sein Dozent Dominic Burger. Dieser ist nun darum bemüht, eine Praktikumsstelle für Ali zu suchen. Klappt das, werden die in der betreuten Werkstatt beobachteten Kenntnisse im betrieblichen Tagesablauf noch einmal bestätigt, oder es muss nachjustiert werden. So kann letztlich ein individuelles Bild der vorliegenden Fähigkeiten erstellt werden.

Pressemitteilung des

Jobcenters im Kreis Ahrweiler

Möglichkeiten zur beruflichen Orientierung bietet den Flüchtlingen auch die „Bau-Insel“.

Möglichkeiten zur beruflichen Orientierung bietet den Flüchtlingen auch die „Bau-Insel“.

Schneidermeisterin und Dozentin Brigitte Pappe vermittelt ihrer Gruppe die in Deutschland notwendigen Normen und Abläufe. Fotos: privat

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