Leserbrief zum Bau einer Mehrzweckhalle in Merzbach
„Pallottikirche könnte erhalten und kulturell genutzt werden“
In Rheinbach scheint sich ein Schildbürgerstreich anzubahnen. Die Stadtväter sind gewillt, in Merzbach viel Geld für eine Mehrzweckhalle auszugeben, die laut Leserbriefen von der Bürgerschaft als zu teuer und zu groß für Merzbach erachtet wird. Andererseits steht in Rheinbach-Mitte eine fertige Mehrzweckhalle mit toller Akustik ungenutzt herum: die alte Pallottikirche. Kaum jemand in Rheinbach, der sie nicht gerne als kulturelle Mehrzweckhalle nutzen würde, man denke nur an die schönen Konzerte, die Ruhe und Stille, die man dort genossen hat. Diesen Wunsch flüstert man sich im Geheimen zu, der eine oder andere gerät tatsächlich ins Schwärmen, jedoch offen darüber zu sprechen, trauen sich nur wenige. Unter dem Druck einer Online-Petition waren die Pallottiner als Eigentümer zwar bereit, die Halle für kulturelle Zwecke abzugeben, jedoch nur kurzfristig, sodass man kaum an die Ernsthaftigkeit dieses Angebots zu glauben vermochte. Womöglich fehlte eine integrative Persönlichkeit, die Pläne zu bündeln.
Auch die Fachleute der Projektentwicklungsgesellschaft des innerstädtischen Neubau-Areals, des Pallotti-Areals, die sich selbst zu den Besten der Besten zählen, haben wohl versäumt, die Stadtväter und Eigentümer über die bauhistorische Topqualität des Baues zu informieren und auf eine der hohen Denkmalwürdigkeit entsprechende kulturelle Nutzung hinzuweisen. Als dann noch die Stadt bezüglich der Trägerschaft abwinkte, rückte die denkmalgerechte öffentliche Nutzung des Gebäudes weiter ins Abseits. Die Eintragung des Gebäudes in die städtische Denkmalliste wurde noch nicht vollzogen, das Gutachten des Landesamtes für Denkmalpflege läge noch nicht vor, das jedoch der örtlichen Presse im Voraus bekannt gemacht wurde. In der Tat benötigte in Rheinbach die Unterschutzstellung der Schönstätterkapelle fast 25 Jahre. Man erinnerte sich dieses Vorhabens auch erst dann, um der Bevölkerung einen Abriss der Pallottikirche schmackhaft zu machen: Zur Erinnerung an das Wirken der Eigentümer in Rheinbach ließe man der Bevölkerung die Kapelle, auch zur Entfaltung des residentialen Charakters der neuen Wohnbebauung, die Kirche im Gegenzug stünde zur freien (Abriss-)Verfügung. Ungefähr wie Köln ohne Kölner Dom.
Die Pallottikirche könnte für die Bürgerschaft erhalten bleiben, es bräuchte einen Träger und ein Konzept. Ein Träger ließe sich finden, wenn eine integrative Persönlichkeit viele Musik- und Kulturvereine der Umgebung dazu ermuntern könnte, einen Förderverein zu gründen. Auch die Tomburg wurde nicht in einem Jahr saniert. Als Konzept böte sich die Gründung eines förderungswürdigen Alois-Möhring-Museums an zur besseren Bekanntmachung des Werkes des Architekten und Zeichners Möhring mit dem Kirchenbau als Ausstellungsobjekt und einigen Glasvitrinen im Innern mit Fotos seiner Werke, als Nebennutzung die Nutzung als kulturelle Mehrzweckhalle für Gesangsvereine, Theateraufführungen, Vorträge, Versammlungen etc. Die Glasmalereien könnten durch das Glasmuseum Rheinbach betreut und aufgearbeitet werden. Wie eine touristische und überörtliche kulturelle Vernetzung eines Kulturprojektes funktionieren kann, hat in Rheinbach beispielhaft der Verein der Freunde des Römerkanals vorgemacht.
Bei dem heutigen Trend der massenhaften Abwicklung von Ordensniederlassungen in Deutschland kann man die eher monetären als kulturellen Interessen der Eigentümer verstehen. Für die Rheinbacher bedeutet dies aber auch, diese schmerzliche Tatsache wahrzunehmen und sich anstelle der sich in Aufbruchstimmung befindlichen Eigentümer für die Wahrung lokaler kultureller Interessen selbst einzusetzen.
Die Hoffnung der Stadtväter und Eigentümer konzentriert sich nunmehr auf einen Investor, möglichst einen Altenheimbetreiber, der das Hermannianum zusammen mit der Kirche erwerben soll. Nur, was soll ein Altenheimbetreiber mit dem Gebäude anfangen? Heißt das: Decke abgehängt und Panoramafenster eingebaut? Das Landesamt für Denkmalpflege im Rheinland wird einen identitäts- und akustikverändernden Umbau des Gebäudes schon durchwinken bzw. wird mit seinem Gutachten ausgesessen? Welch verpasste Chance für Rheinbach.
Übrigens: die Kirche hat nicht nur Bedeutung für Rheinbach, sondern landesweit, da der Architekt Alois Möhring das Außenskelett der international bekannten und denkmalgeschützten St.-Albertus- Magnus-Kirche von Gottfried Böhm in Saarbrücken auf einen Innenraum übertragen hat. Mit diesem Kunstgriff ist ihm ein spektakulärer Innenraum gelungen, der ihn bauhistorisch auf eine künstlerische Ebene mit dem Werk Gottfried Böhms katapultierte, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert und bekannt ist für den Mariendom in Neviges. Stünde dieser in Rheinbach, wäre er wohl schon abgerissen. Claudia Stoll
Rheinbach
