Jugendliche aus der Region Rhein-Wied präsentierten dem VG-Rat Linz die Umfrage
Unzufrieden mit den Freizeitangeboten und mit den Kommunalpolitikern
Linz. Der Linzer Verbandsbürgermeister Hans Günter Fischer hatte im Vorjahr als Vorsitzender der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) „Region Rhein-Wied“ das Projekt „Jugendmacht - Wir gestalten Rhein-Wied“ angemeldet, mit dem Jugendliche für die Mitgestaltung in der Region fit gemacht werden sollten. Dank einer Leader-Förderung in Höhe von 50.000 Euro konnten rund 20 Jugendliche zwischen 14 und 22 Jahren aus den Verbandsgemeinden Unkel, Linz, Bad Hönningen und Rengsdorf-Waldbreitbach mit dem Ziel eingeladen werden, die Interessen ihrer Altersgenossen in die politische Diskussion einzubringen. Fünf von ihnen stellten um den Remagener Kommunalberater Franz-Josef Gemein auf der letzten Sitzung des Linzer Verbandsgemeinderates die Ergebnisse des Projekts „JugendMacht“ vor.
„Hinter uns liegen spannende Wochen und Monate, in denen wir über die Aufgaben einer VG informiert und darin geschult wurden, unsere Meinung zu formulieren und im Gespräch mit Kommunalpolitikern zu vertreten“, erklärte die Jugendlichen. Zusammen mit ihren Kollegen hatten sie zunächst gelernt, wie man politische Standpunkte und Forderungen rhetorisch sicher präsentiert. In einem zweiten Teil des Workshops hatten die Schüler dann erlebt, wie eine kommunalpolitische Entscheidungsfindung abläuft, indem den Teilnehmer der Ablauf einer Gemeinderatssitzung im Sitzungssaal der VG Linz mittels eines Planspiels hautnah vermittelt worden war. Mit den so angeeigneten Informationen und Kenntnissen hatten die Jugendlichen auf einem ,,jugendmacht Campus“, ihre eigenen kommunalpolitischen Ziele und Interessen erarbeitet. Diese waren mit Unterstützung des Schulleiters Thomas Schmacke im Martinus Gymnasium Linz besprochen und als erste jugendpolitische Forderungen aufgestellt worden. Dann war eine Umfrage gestartet worden, in die alle 14- bis 22-jährigen Schüler der Region Rhein-Wied eingebunden waren. Über die Schulen erhielten rund 2.500 Jugendliche die Fragen, wahrscheinlich die größte Jugendumfrage, die je in einer Region des Landes durchgeführt worden ist. Und Dank der 878 Rückmeldungen war auch eine überaus breite Basis gegeben, um festzuhalten, was Jugendliche vor Ort tatsächlich denken und wünschen. Anhand ihrer Antworten wurden dann Forderungen entwickelt, die auf dem großen ,,jugendmacht Forum“ im Bürgerhaus von Sankt Katharinen mit den Politikern und Entscheidungsträgern diskutiert wurden.
Das wohl erschreckendste Ergebnis der Umfrage: 57 Prozent der Jugendlichen würden liebend gerne wegziehen, weil sie in der Region keine Zukunft sehen. Aber auch die Gegenwart schnitt nicht besser ab, fanden doch 60 der Befragte, dass es zu wenig oder keine Angebote für Jugendliche in der Region gibt, 81 Prozent nutzen vorhandene Angebote nicht oder höchst selten. 86 Prozent sagten, es gebe keine oder zu wenig Jugendräume und wenn doch, dann unmoderne. 75 Prozent kritisierten, dass es keine Jugendpfleger in ihrer VG gibt oder dass sie keine Ahnung haben, ob es jemanden gibt, 67 Prozent vermissen Jugendprojekte vor Ort oder sie zumindest keine kennen würden, 63 Prozent würden gern Jugendtreffs einrichten, um ihre Gemeinde jugendfreundlicher zu gestalten.
Abhilfe schaffen könnte ein zentraler Jugendtreff für die Region Rhein-Wied in der Stadt Linz, weil diese am besten über den Bahnhof erreichbar ist, so jedenfalls die Forderung der Jugendlichen. Diese wünschen sich einen etwa 60 Quadratmeter großen Raum mit offener Küche samt Kochutensilien, Besteck, Geschirr und Gläsern, Tischen, Sitzsäcken und einer Couch. Vorhanden sein sollten zudem eine Stereo-Anlage, ein Billardtisch und ein Kicker. Zumindest an den Wochenenden sollte ein Jugendpfleger vor Ort sein, dem ein Budget für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung stehen sollte. Vergleichbar der Fahrten von Senioren mit dem Bürgerbus forderten die Schüler auch einen Jugendbus für jede VG in der Region Rhein-Wied, mit dem Jugendliche von den Höhengemeinden freitags, samstags und sonntags an den jeweiligen Bahnhof im Tal fahren können, ein Angebot, das der ÖPNV nicht erbringen kann.
Wenig Kontakt zur Lokalpolitik
Allein durchzusetzen sind diese Ziele natürlich nicht, sondern nur im Kooperation mit der Kommunalpolitik. Aber gerade da wurden erhebliche Defizite festgestellt. So gaben 75 Prozent der Jugendliche an, noch nie einen Kommunalpolitiker getroffen zu haben und bislang sei auch noch keiner auf sie zugekommen, 70 Prozent fühlen sich nicht ausreichend von der Politik repräsentiert.
66 Prozent interessieren sich zwar für Politik, fühlen sich aber nicht ernst genommen, über 50 Prozent wünschen sich mehr Beteiligungsmöglichkeiten in der Kommunalpolitik, wissen aber nicht, wie sie das bewerkstelligen können. Da ganz offensichtlich nicht nur hinsichtlich der Freizeitmöglichkeiten ein Informations- und Kommunikationsdefizit besteht, soll aus jeder Verbandsgemeinde je ein Ansprechpartner aus jeder Ratsfraktionen für JugendMacht benannt werden sowie in den entsprechenden VG-Verwaltungen eine zentrale Kontaktperson für das JugendMacht-Team. Zu dem gehören etwa 50 Jugendliche, die von den Schülervertretungen gewählt werden. Auf regelmäßigen Jugendkongressen sollen sie einmal pro Jahr sie mit Politikern, Kirchen und Wirtschaft regionale Themen diskutieren und Lösungen.
„Viele Forderung etwa hinsichtlich einer größeren Mobilität hören wir auch etwa von Besuchern der Gemeindecafés. Bleibt am Ball und hakt immer wieder nach, damit Lösungen gefunden werden“, riet der CDU-Fraktionsvorsitzende Stefan Betzing den JugendMacht-Vertretern. Extrem erschrocken über das Ergebnis der Umfrage vor allem hinsichtlich der alles andere als optimalen Interdependenz von Erwachsenen und Jugendlichen zeigte sich Karl-Heinz Wölbert (SPD). „Es gibt nicht genügend Angebote für Jugendliche, aber auch einen mehr als mangelhafte Informationsfluss“, nannte er die beiden größten Knackpunkte, während, tief beeindruckt von der Art der Präsentation, den Jugendlichen direkt einen Ansprechpartner zusagte. Martin Lang von Bündnis 90/Die Grünen erkundigte sich zugleich, wie man mit den Jugendlichen Kontakt aufnehmen könne, bevor Franz Josef Gemein hervorhob, dass durch das Projekt Jugendliche und Politik zusammengeführt würden und das ganz ohne Parteipolitik. „Jetzt ist eine Kerngruppe von rund 15 Jugendlichen dabei, sollte das Projekt Erfolge verbuchen, werden es mit Sicherheit mehr werden“, erklärte er den Ratsmitgliedern.
Von diesen verwies Hans Reul (FWG) darauf, dass viel Geld in die erfolgreiche Arbeit der „Julis“ investiert würde. Diese kümmern sich allerdings um Sechs- bis maximal 13-Jährige. Die Älteren, so das Ratsmitglied, sollten die zahlreiche Angebote der Vereine in Anspruch nehmen. Dagegen erklärte Hans Günter Fischer unmissverständlich: „Wir müssen an die Generation 14plus ran und mehr tun nicht nur hinsichtlich der an die Mobilitätssteigerung!“ DL
