Politik | 07.04.2016

Zum Tod von Hans-Dietrich Genscher

„Wie wir im Auswärtigen Amt ihn erlebten“

Wachtberg. Erstens, unser Bundesminister betrieb Außenpolitik auf einmalig hohem Niveau. Man muss hier daran erinnern, dass die Koordinaten deutscher Außenpolitik vor der Vereinigung noch schwieriger waren als danach: Die europäische Integration glaubwürdig zu fördern, das atlantische Bündnis sorgsam zu pflegen und zugleich das Ost-West-Verhältnis zu entspannen, einschließlich des deutsch-deutschen Zusammenwachsens, das war schon fast artistisch und verdient wohl den Namen Staatskunst. Zweitens, er handelte nach Überzeugungen. Bei aller taktischen Beweglichkeit war seine Kompassweisung immer klar, und jeder konnte sie erkennen. Deutschland sollte in der Außenpolitik verlässlich und berechenbar sein, keine Schaukelpolitik. Niemand durfte uns vor die Wahl europäische Integration oder atlantische Allianz oder Entspannung im Ost-West-Verhältnis stellen, - wir brauchten immer alle gleichzeitig. Drittens, er war ein Genie des Freundschaftschließens, übrigens auch durch seinen Humor in der Konversation. Zugleich mit einem Roland Dumas, einem James Baker, einem Edward Schewardnadse, einem polnischen, ungarischen, tschechoslowakischen Außenminister befreundet zu sein, das war schon eine einmalige Gabe. Und warum? Weil er auch ihre Interessenlage in Betracht zog. Und so wurde Baker’s Frage in der Stunde vor Prag symptomatisch: „Hans-Dietrich, how can I help you?“ Heute nennt man das einen begnadeten Netzwerker. Viertens, Genscher hatte einen sechsten Sinn für Risiken und Fußangeln. Immer hellwach, immer alle Antennen ausgefahren, beim Auftreten eines Problems schnell zum Telefon gegriffen, notfalls auch einen Schritt zurückgegangen. Er war ein Fanatiker des fehlerfreien Arbeitens und darin auch sehr fordernd. Fünftens, er hatte aber auch einen Sinn für Chancen, die andere noch nicht sahen: Er war es, der das Potential der KSZE-Konferenz erkannte und gegen andere daran festhielt, er war es, der mit seiner berühmten Rede „Lassen Sie uns Gorbatschow beim Wort nehmen“ den Boden legte für eine konstruktive Beziehung zur Sowjetunion, gegen viel Misstrauen im westlichen Lager, er war der geistige Vater der „technologischen EU-Gemeinschaft“, der Zusammenarbeit von EU und ASEAN, der Stärkung des Europa-Parlaments (Genscher-Colombo-Initiative) und eines konzeptionellen Entwurfs zur EU-Währungsunion. Sechstens, Genscher war zeitlebens ein Parlamentarier, das heißt, er wollte in freier Rede überzeugen. Wie konnte er im Bundestag in freier Rede situationsbezogen reagieren, wie traf er vor jedem Publikum den Ton, sodass es spätestens nach dem fünften Satz den ersten Beifall gab. Siebtens, wie systematisch handelte er nach dem Grundsatz: Morgens beraten, mittags entscheiden und abends im Fernsehen erklären, - ein später oft vernachlässigter Grundsatz. Aber für ihn sollten die Deutschen in der Demokratie auch verstehen, was er tat, und warum er es tat. Und sie verstanden ihn auch und billigten es, daher jahrelang der Spitzenplatz im Politbarometer. So bleibt in der Erinnerung das Profil einer politischen Spitzenbegabung, unter der für 18 Jahre zu arbeiten für uns alle eine Ehre war.

Ulrich Junker

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