Politik | 27.07.2015

Deutsche Bahn (DB)

Deutsche Bahn (DB) Netze stellte neues Zugleitsystem TuZ vor

System sonst nur für Nebenbahnen mit schwächerem Betriebsprogramm

Die bewährte und personell bediente Signaltechnik soll weichen.

Ahrtalbahn/Dernau. In den letzten Monaten bewegte die geplante Umsetzung des neuen Zugleitsystems „Technisch unterstützter Zugleitbetrieb“ (TuZ) auf der Ahrtalbahnstrecke zwischen Walporzheim und Ahrbrück die Gemüter vor Ort. Besonders in den extrem stark frequentierten Herbstmonaten, beim Recher Luziamarkt sowie im Frühjahr gab es zuletzt regelmäßig chaotische Zustände an den Bahnhöfen und Haltepunkten an der Oberahr. Und vor allem diese Situation zog sich wie ein roter Faden durch eine gut besuchte Informationsveranstaltung, zu der Verbandsbürgermeister Achim Haag ins Dernauer Bürgerhaus eingeladen hatte. Vertreter von Tourismusverbänden, alle Bürgermeister aus der VG Altenahr, zahlreiche andere Mandatsträger, etliche betroffene Fahrdienstleiter und etliche Bürger verfolgten die Ausführungen der Fachleute mit großem Interesse. Die Vertreter der Deutschen Bahn (DB) Netze trugen die Planungen transparent und in weiten Teilen nachvollziehbar vor. So kam zwar Licht in die vorgesehene Technik, einige Zweifel am Alltagsbetrieb von TuZ bleiben jedoch. Und Ahrtal Tourismus-Chef Andreas Wittpohl wünscht sich gerade in Zeiten von großem Reisendenandrang ganz andere Maßnahmen. Der komplette Zugbetrieb soll ab 13. Dezember 2016 durch das Zugleitsystem TuZ ersetzt werden. Gleichzeitig würde die über Jahrzehnte bewährte und bisher von den Fahrdienstleitern in Dernau und Kreuzberg betriebene - aber nach DB-Argumentation veraltete - Signal- und Weichentechnik wegfallen. Die vollständige Zugleitung soll künftig, unter aktiver Beteiligung der Triebwagenführer, zentral von einem Zugleiter in Walporzheim aus erfolgen. In Stoßzeiten, so Netzleiter Frank Schüler von DB Koblenz, werde dort ein zweiter Mitarbeiter eingesetzt. Die Deutsche Bahn AG war in Dernau mit gleich fünf Mitarbeitern vertreten. In den Herbstmonaten sowie beim Recher Luziamarkt sollen an den Bahnhöfen und Haltepunkten künftig „Reisendenlenker“ eingesetzt werden, um chaotische Verhältnisse wie im letzten Jahr zu verhindern. Diese zogen sich oftmals über den ganzen Tag und hatten Auswirkungen auf die gesamte Strecke Bonn- Ahrbrück.

DB: Leistungsfähiger

Ewald Klüe, Leiter von DB-Regionalnetze Mitte, warb für das TuZ-Projekt. Durch die geplanten Maßnahmen werde der Zugbetrieb auf der Ahrtalbahn leistungsfähiger, so beispielsweise beim Einsatz von Sonderzügen. Das System TuZ sei nichts Außergewöhnliches. Hierdurch solle die Strecke dem Stand der Technik angepasst werden. „Wir setzen langfristig auf die Ahrtalbahn“, versprach Klüe. Er verhehlte in seinen Ausführungen jedoch nicht, dass es dem Unternehmen auch um die Einsparung von Personal geht. Bislang sind die Bahnhöfe Walporzheim, Dernau und Kreuzberg während des Regelfahrplans mit Fahrdienstleitern besetzt. Dieses Personal soll künftig wegfallen. Die technischen Planungen stellten György Selley vom Dresdner Planungsbüro sowie Sandro Zimmermann als externer DB-Berater im Detail vor. So hätten die ansonsten vom Lok- bzw. Triebwagenführer umzustellenden „Rückfallweichen“ grundsätzlich automatisch eine „gerade-aus-Einstellung“. Alle Details müssen jedoch im Einzelfall mit dem Disponenten im Bahnhof Walporzheim abgestimmt und genehmigt werden. Und hierin sehen die Kritiker des TuZ-Verfahrens weitere Zeitverluste auf den Bahnbetrieb zukommen. Ebenso bei der ab 13. Dezember 2016 geplanten Einfahrt des Zuges von Ahrbrück nach Remagen im Bahnhof Dernau auf (das vordere) Gleis 1 statt wie bislang in beiden Richtungen auf dem Hauptgleis 2.

Kleinere Abschnitte

Bislang konnte zwischen Dernau und Kreuzberg in jede Richtung jeweils nur ein Zug verkehren. Durch Bildung kleinerer Blockabschnitte soll es mit Einführung des neuen Zugleitsystems möglich sein, dass hier künftig zwei Züge hintereinander verkehren können. Auch ein gleichzeitiges Einfahren der Züge in die Bahnhöfe Dernau und Kreuzberg soll künftig mit dem technisch unterstützten Zugleitbetrieb möglich sein. Zeiteinsparungen wird es, so DB Netze, auch durch den Wegfall der bislang bei jedem Halt erforderlichen Schlüsselübergabe am Bahnhof Kreuzberg geben. Weitere Zeit eingespart werden soll auch durch den Bau einer Schrankenanlage am Bahnübergang „Steinbergsmühle“ oberhalb von Dernau. Gleichzeitig sollen dann auch die Pfeiftöne dort wegfallen. Diese Maßnahme wäre jedoch in naher Zeit ohnehin fällig gewesen. Zur Realisierung muss dieser Bereich nach dem Eisenbahnkreuzungsgesetz durch die Gemeinde Dernau jedoch zunächst gewidmet werden. Die Ortsgemeinde Dernau trägt ein Drittel der anfallenden Kosten zu dieser technischen Streckensicherungsmaßnahme bei, zu der jedoch Landeszuschüsse zu erwarten sind. Verbandsbürgermeister Achim Haag hatte in seinen Ausführungen die hohe Bedeutung der Ahrtalbahn für die gesamte Region - unter anderem als ganz wesentlichen Bestandteil des Tourismus - betont. „Wir wollen nicht, dass etwas nicht mehr geht, was jetzt geht“, so Haag weiter.

„Züge mehr als voll“

Die Züge seien an Weinwochenenden „mehr als voll.“ Und in diesem Punkt verdeutlichte Andreas Wittpohl seine Kritik an einem konkreten Beispiel: Problem seien nicht nur die häufigen Störfälle auf der Ahrtalbahn. Am 27. September 2014 waren am Bahnhof Dernau gleich sechs „Reisendenlenker“ eingesetzt. Diese konnten, trotz aller Bemühungen, jedoch nur Mängel verwalten. „Die Bahn kann nicht transportieren, was der Markt hergibt“, forderte Wittpohl höhere Kapazitäten - speziell zusätzliche Busse - um alle Fahrgäste befördern zu können. Schließlich werbe man bei den Gästen gezielt für eine ÖPNV-Anreise. Dietmar Litterscheid von der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft kennt die TuZ-Problematik als Betriebsleiter der Schönbuchbahn, wo die Züge ebenfalls im Halbstundentakt verkehren. Gegenüber BLICK Aktuell äußerte sich Litterscheid hierzu wie folgt: „Die öffentliche Vorstellung der Maßnahmen von DB Netz, wie Zugfahrten mit neuer Technik auf der Ahrtalbahn zwischen Walporzheim und Ahrbrück durchgeführt werden sollen, war ein guter Schritt und vertrauensbildend. Als Wirtschaftsunternehmen ist die DB Netz im Druck, abgängige Stellwerke durch neue Techniken abzulösen und gleichzeitig personelle Rationalisierungsmaßnahmen durchzuführen.“

Überraschung

Die geplante Ausstattung mit einem technisch unterstützten Zugleitbetrieb überrasche jedoch insofern, als dass ein anspruchsvoller Fahrplan zweier sich überlagernder Zuglinien je Stunde, also vier Züge je Stunde über den gesamten Tag in einer Betriebsweise abgewickelt werden soll, die sonst nur Nebenbahnen mit einem schwächeren Betriebsprogramm vorbehalten ist. „Hier muss DB Netz den Nachweis erbringen, dass die Abwicklung der täglichen Fahrten, zu denen sich noch ein höherer Rangieraufwand in den Bahnhöfen Dernau und Kreuzberg hinzu addiert, vom Zugleiter in Walporzheim leistbar ist. Eine entsprechende technische Ausstattung zur Erhöhung der Leichtigkeit der betrieblichen Prozesse für die Triebfahrzeugführer empfiehlt sich hier, und die Personalvertretung sollte vor diesen Hintergründen im Projekt ebenfalls angehört werden. Positiv ist allerdings, dass die Haltepunkte Mayschoß und Altenahr als Zuglaufstellen ausgestattet werden. Dies bedeutet, dass die Durchlassfähigkeit für Sonderzüge besser wird. Ebenfalls gut ist, dass der künftige Zugleiter immer noch an der Strecke, nämlich in Walporzheim sitzen wird: Er hat dadurch den „Riecher am Betrieb“ und sitzt nicht fernab des Geschehens. Mit der Zusage seitens DB Netz, bei Betriebslagen mit hoher Zug- oder Fahrgastzahl einen zweiten Zugleiter bzw. Reisendenlenker als Verstärkung einzusetzen, dürfte sich die Maßnahme leicht verbessernd auswirken.“ Große Probleme hingegen sieht auch Dietmar Litterscheid weiterhin an den hoch frequentierten Touristenzeiten.

Die bewährte und personell bediente Signaltechnik soll weichen.

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