Leserbrief zur Neugestaltung der Sinziger Innenstadt
Die Sinziger Innenstadt verödet – Hauptsache, das Auto kommt durch
aus Sinzig
Die Diskussion um eine Fußgängerzone in Sinzig ist schon bemerkenswert. Liest man manche Kommentare, könnte man glauben, unsere Innenstadt sei aktuell ein florierendes Einkaufs- und Erlebniszentrum, das nur durch den freien Autoverkehr vor dem Untergang bewahrt wird. Dabei reicht ein Spaziergang durch die Innenstadt, um die Realität zu erkennen. Leerstände, wenig Aufenthaltsqualität und erstaunlich wenig Leben für eine Stadt unserer Größe. Wer heute nach Sinzig kommt, bleibt selten zum Bummeln, Verweilen oder Genießen. Man erledigt, was zu erledigen ist, und fährt wieder weg. Das scheint für manche aber offenbar der Zustand zu sein, den man unbedingt konservieren möchte. Besonders interessant sind die immer gleichen Untergangsszenarien: Eine Fußgängerzone würde angeblich Geschäfte ruinieren, Kunden vertreiben und die Innenstadt aussterben lassen. Die etwas unangenehme Frage lautet allerdings: Wie viel weiter soll eine Innenstadt eigentlich noch aussterben, die vielerorts bereits jetzt nicht gerade vor Lebendigkeit strotzt? Dabei geht es nicht einmal darum, sofort alles dauerhaft umzukrempeln. Warum nicht einfach den Mut haben, eine Hybrid-Fußgängerzone (flexible Fußgängerzone mit zeitlich begrenzten Zufahrtsregelungen) zeitweise zu testen? Denkbar wäre ein zeitlich begrenzter Test – beispielsweise über ein halbes oder ganzes Jahr oder zunächst nur an bestimmten Tagen beziehungsweise zu bestimmten Uhrzeiten. So könnten etwa ab den Mittagsstunden versenkbare Poller den allgemeinen Durchgangsverkehr einschränken, während Anwohner sowie der Lieferverkehr und Rettungsdienste selbstverständlich weiterhin jederzeit Zugang zur Zone hätten. Danach kann man anhand echter Erfahrungen bewerten, was funktioniert und was nicht. Aber schon die Idee eines Versuchs scheint bei manchen reflexartig Panik auszulösen. Dabei zeigen zahlreiche Studien und die Erfahrungen vieler Städte, dass Menschen dort gerne einkaufen und Geld ausgeben, wo sie sich wohlfühlen. Niemand geht zum Vergnügen durch eine Straße voller Verkehr, Lärm und Parkplatzstress. Menschen bleiben dort, wo es angenehm ist, wo Kinder sicher unterwegs sein können, wo man einen Kaffee trinken, Freunde treffen oder einfach ein wenig verweilen kann. Vielleicht sollten wir aufhören, jeden Veränderungsvorschlag als Bedrohung zu betrachten. Der Status quo hat die Innenstadt jedenfalls nicht in ein blühendes Zentrum verwandelt. Wer immer nur erklärt, warum etwas nicht funktionieren kann, sollte vielleicht auch erklären, warum das Festhalten am Bestehenden plötzlich die Lösung sein soll. Sinzig braucht vielleicht mehr Mut und weniger Angst vor Veränderungen. Eine Hybrid-Fußgängerzone ist keine Garantie für Erfolg. Aber sie ist zumindest eine Chance. Und angesichts des aktuellen Zustands der Innenstadt erscheint mir die größere Gefahr nicht das Ausprobieren neuer Ideen zu sein, sondern das beharrliche Festhalten an einem Konzept, das seit Jahren sichtbar nicht die erhofften Ergebnisse liefert.
Ralf Urban, Sinzig
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Vision der Bachovenstraße in Sinzig (KI-generierte Illustration) Foto: Made with Google AI