Rennsport-Legende Horst-Maria Kowalski ist nach wie vor aktiv
„Ich weiß, dass ich bekloppt bin“
Mr. Sidecar geht mit nun fast 75 Jahren immer noch auf die Piste
Plaidt. Mr. Sidecar strahlt: „Auch in 2017 werde ich wieder Rennen fahren. Das Attest meines Rennarztes ist OK und die Lizenz wird mir vom DMSB erteilt.“ In seinem 75. Lebensjahr will es Horst-Maria Kowalski, ältester und einer der schnellsten Sidecar-Fahrer Europas wieder wissen. Für ihn ist es in mehrfacher Hinsicht ein Jubiläumsjahr, schaut er doch auf 20 Jahre als Fahrer seines Renngespanns zurück, nachdem er zuvor bereits zehn Jahre als Seitenwagen-Beifahrer und zehn Jahre als Fahrer von Tourenwagen auf internationalen Rennstrecken im Einsatz war. 40 Jahre Höhen und Tiefen, in denen er sich in der Motorrennsport-Szene Anerkennung und Respekt erarbeitet hat. Bei König Mohammed VI. von Marokko darf er heute in der Königsloge sitzen und auch mit anderen Prominenten pflegt er einen freundschaftlichen Kontakt. „Ich bin heute noch allen Monteuren der vergangenen zwei Jahrzehnte dankbar. Ohne die wäre nichts gegangenen“, erinnert sich der agile und fitte Rennsportler, Gebrauchtwagenhändler und Rentner, der nie Alkohol trinkt und regelmäßig nur, betont, „kleine“ Mahlzeiten verzehrt.
Mit Routine und gegenseitigem Vertrauen gegen die Gefahr
Horst-Maria Kowalski kannte und kennt viele Sport-Kollegen, die tödlich verunglückt sind oder heute durch Verletzungen dauerhaft beeinträchtigt. Selbst hat er zwar auch Crashs erlebt, doch dabei nie einen Kratzer davongetragen.
Der europaweit bekannte Sidecar-Fahrer aus Plaidt steigt grundsätzlich auf der linken Seite seines Sidecars ein - ein bisschen Aberglaube gehöre dazu, sagt er. Nicht vorsichtiger, routinierter sei er in all den Jahren geworden, er der, nach eigener Schilderung, bei seiner ersten Sidecar-Fahrt als Beifahrer „im Körper kein Leben mehr“ fühlte, in dem Moment „freiwillig sterben“ wollte und doch nicht aufgab.
Sein Beifahrer Marcel Reimann aus Thüringen trägt bereits seit sieben Jahren, oftmals mit beeindruckender Akrobatik, für die Stabilität und Bodenhaftung des Formel-1-Motorradgespanns (1000 cm³; Einspritzmotor, 200 PS) Sorge. Ihr sportliches Miteinander ist von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Der Seitenwagen aus dem Plaidter Rennstall trägt traditionell die Nummer 55. Wen wundert es, dass sich Racing-Teamchef und Mechatroniker Sandro Kowalski, Sohn des legendären „Mr. Sidecar“, diese Zahl auf den Arm tätowieren ließ.
Rückblick und Ausblick
Das vergangene Rennsport-Jahr war durchzogen von Unwettern, die die Rennen massiv beeinträchtigten oder gar die Veranstalter zwangen, Wettbewerbe abzubrechen. Zudem zog sich Horst Kowalski durch einen ausgerenkten Wirbel eine Zeit starker Schmerzen zu. „Trotzdem standen wir in beendeten Rennen immer auf dem Siegertreppchen“, sagt er heute stolz.
Für die kommende Saison ist das Racing-Team Kowalski wieder gut aufgestellt: Ein bekannter Motortuner brachte den Viertakt-Einspritzer auf den erforderlichen Stand, Reifen und Bremsen wurden erneuert.
„Privat lässt sich das nicht bezahlen“, merkt Horst-Maria Kowalski an und zeigt sich dankbar für die Unterstützung seiner zahlreichen Sponsoren, darunter die Firmen Kaiser Ingenieurbau, Eurol (NL) und TRW Automotive.
Inzwischen gehe man wie Freunde miteinander um. „Was nächstes Jahr ist, wissen wir nicht. Sandro steht auf jeden Fall in der Warteschleife“, verkündet der stolze Vater.
Zunächst startet das Team jedoch wieder in bewährter Besetzung in der Klasse „Sidecar Open“. Los geht es im April, wenn die Motoren der Formel-1-Geschosse auf dem Autodromo im italienischen Franciacorta aufheulen.
„Ich weiß, dass ich bekloppt bin“, antwortet Mr. Sidecar, als er gefragt wird, warum er diese extremen Belastungen in seinem Alter noch auf sich nimmt. „Es ist wie eine Sucht. Wer erlebt das in meinem Alter noch? Ich lebe dafür.“
