Ortschronist Gerhard Elingshäuser über das Auswandern Kettiger Bürger im Jahre 1724
Ein Stück Kettiger Geschichte
Kettig. Mannigfaltige Gründe waren die Voraussetzung, dass vor 290 Jahren viele Familien aus Kettig und dem ehemaligen „Amt Bergpflege“ im Jahre 1724 die Heimat verließen, um das Glück in einem fernen unbekannten Land zu finden. Noch immer waren die Nachkriegsfolgen des Dreißigjährigen Krieges, die allgegenwärtigen französischen Besatzungssoldaten, die zu hohen steuerlichen Abgaben, Frondienste und die Verarmung im Amt Bergpflege erdrückend. Zu dieser Zeit hatten beinahe alle Familien nur das Nötigste zum Leben, sodass Hunger ein Hauptwort war. Immer wieder zogen unbekannte Werber durch die Dörfer und propagierten gestikulierend der verarmten Bevölkerung von einem weit entfernten Land, wo es sich zu Leben lohnt. Jedem, der sich die überzeugenden Angebote anhörte, versprach der Akquisiteur: Zuteilung von freiem Land, Steuerfreiheit von sechs Jahren und Befreiung vom Militär in den ersten fünf Jahren. Trotz Auswanderungsverbote des Landesherrn und Trierer Kurfürsten Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1716 bis 1729), in denen er bei Zuwiderhandlung härteste Strafen androhte. Jedoch wurden die Drohungen nicht allzu ernst genommen, denn aus den Zehntlisten der Auswanderer zu entnehmen, gingen nach Verkauf von Hab und Gut eine hübsche Summe an den Landesherrn. Der Kurfürst und auch die Grundherren verstanden es, die Auswanderungswilligen tüchtig zu schröpfen. Bei Erhebung neuer Gebühren war man schon damals erfinderisch. Im Landeshauptarchiv Koblenz befinden sich zahlreiche Verkaufsprotokolle Kettiger Familien, wobei der wahre Verkaufsgrund ihrer Habe nicht angegeben ist. Weil eine Verbesserung der gegenwärtigen Missstände im Land auf lange Sicht nicht zu erkennen war, sahen viele Kettiger Bürger als einzige Alternative, den mündlichen Versprechungen Glauben zu schenken und das Wagnis von einem Neuanfang auf sich zu nehmen.
Liste der Emigranten aus Kettig im Amt Bergpflege: Alken Adolf mit Ehefrau Anna Barbara geb. Zilgen und fünf Kinder. Anna Barbara starb auf dem Weg in das Banat am 13. Mai 1724. Alken Matthias mit Ehefrau Margaretha geb. Hartmann und fünf Kinder, Alken Matthias mit Ehefrau Catharina geb. Hommer und vier Kinder, Hillesheim Heinrich (Faßbinder) mit Ehefrau Maria Margaretha und acht Kinder, Hillesheim Simon geb. am 7. Februar 1700 heiratete 1726 in Ulmbach Katharina, Hommer Simon mit Ehefrau Christina geb. Haag und neun Kinder, Klepper Johannes mit Ehefrau Anna und fünf Kinder, Kohl Simon geb. am 6. August 1704 und Sohn von Jakob und Elisabeth geb. Sauer. Er kam krank aus dem Banat zurück und starb am 4. April 1731. Strauß Georg mit Ehefrau Maria Magdalena geb. Pünger und drei Kinder, Strauß Josef mit Ehefrau Gertrud geb. Hartmann und drei Kinder. Insgesamt 60 Personen haben Kettig im Frühjahr verlassen.
Im Frühling des Jahres 1724 versammelten sich die Emigranten in der Stadt Koblenz, um sich mit weiteren Familien aus dem Amt Bergpflege auf Kähnen einzuschiffen. Die Fahrt führte rheinaufwärts zur Neckarmündung und anschließend den Neckar hinauf bis Heilbronn. Von hier ging es in tagelangen beschwerlichen Fußmärschen über die teils verschneiten Höhen der Schwäbischen Alb bis in die Stadt Ulm, wo man auf der Donau auf Flößen flussabwärts dem Reiseziel entgegenfieberte. Beim Passieren der bayerisch-österreichischen Grenze bei Engelhartszell musste jede Familie das geforderte Bargeld von 200 Gulden vorweisen, um die Fahrt durch Österreich fortzusetzen. In einem Bericht der Banater Landesadministration vom 02. März 1726 wurde das viele Bargeld sogar hervorgehoben, das durch die deutschen Kolonisten ins Land gekommen ist.
Das Banat gehörte zur damaligen Zeit zur Donaumonarchie Österreich/Ungarn, heute zu Rumänien mit der Hauptstadt Temesburg. Es ist ein fruchtbares, aber auch dem Klima sehr stark ausgesetztes Land. Die Winter sind sehr kalt und die Sommer trocken und heiß. Dazu gibt es Sumpfgebiete, aus denen das Fieber kam, das besonders unter den Kindern seine Opfer suchte, wie es die Kirchenbücher berichten. Zur Geschichte: 1526 geriet das Banat endgültig in türkische Hand. Ein halbes Jahrhundert blühender Städte und ein Dutzend großer Abteien und Stifte fielen in Schutt und Asche. 1716 befreite der legendäre Prinz Eugen mit seinem Heer das Banat. Anschließend erteilte Kaiser Karl VI. den Auftrag, das entvölkerte Gebiet neu zu besiedeln. 1722 bis 1724 setzten sich Siedlertrecks aus Süd- und Westdeutschland und auch aus dem fernen Amt Bergpflege in Bewegung, die vornehmlich den Ort Ulmbach besiedelten. Die schwere Aufbauarbeit bis 1738 endete in einer schrecklichen Tragödie, die in der Siedlungsgeschichte ihresgleichen sucht. Die Bewohner wurden 1738 von einem neuen Türkeneinfall überrollt. Viele der Neusiedler wurden bestialisch gemetzelt, oder in Sklaverei verschleppt, und um das Leid und Elend noch zu krönen, brach die Pest aus. Nur wenige konnten sich durch Flucht vor den Türken in Sicherheit bringen. Es entstand der bekannte Siedlerspruch: „Den Ersten der Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot.“ 25 Jahre lag anschließend das riesige Gebiet wüst und leer und wurde von nun an „Das Grab der Deutschen „ genannt. 1763 und 1770 kamen erneut Siedler in das verwüstete Land unter Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Josef II.
