Angaben im „IHK-Schulatlas“ sorgen für teils heftige Kritik
Traurige Wahrheit oder falsche Prognose?
Bürgermeister Georg Hollmann wendet sich mit einem offenen Brief an den IHK-Präsidenten Manfred Sattler
VG Weißenthurm. Fast jeder zweite Schulstandort im Bezirk der IHK Koblenz könnte mittelfristig in seinem Bestand gefährdet sein, weil Schüler fehlen. Diese Aussage, die in den letzten Tagen zu vielen Diskussionen geführt hat, geht aus dem von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz veröffentlichten „IHK-Schulatlas“ hervor. Glaubt man dem Schriftstück, wird es im Jahr 2020 etwa 14 Prozent Schüler weniger geben als heute. Vor allem die Realschulen Plus würden nicht mehr die Schülerzahl erreichen, die das Land Rheinland-Pfalz als Soll-Vorgabe festlegt. Auch bei den Grundschulen könnten fast die Hälfte aller Einrichtungen unter die kritische Bestandsgrenze fallen. Einzig unter den Gymnasien wird sich der Prognose zufolge ein Großteil gegen die demografische Entwicklung behaupten können. Doch warum beschäftigt sich die IHK überhaupt mit Schülerzahlen? „Ein Rückbau der Schulinfrastruktur ist immer auch ein Risiko für die Attraktivität einer Region und damit für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft“, so Arne Rössel, Hauptgeschäftsführer der IHK Koblenz. Man wolle mit den prognostizierten Trends eine Diskussion um tragfähige Lösungen in Gang setzen. Mit dem vorgelegten Zahlenwerk hat man in der Tat für Gesprächsstoff gesorgt. Georg Hollmann, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Weißenthurm, möchte die Angaben zur örtlichen Schulsituation nicht unkommentiert lassen und hat sich daher in einem öffentlichen Brief an Manfred Sattler, Präsident der IHK Koblenz gewandt.
„Gute Anmeldezahlen setzen sich auch für das kommende Schuljahr 2014/2015 fort“
Neben den Grundschulen „St. Peter und Paul“ im Stadtteil Urmitz/Bhf. der Stadt Mülheim-Kärlich, der Pater-Wald-Grundschule der Ortsgemeinde Kaltenengers, der Grundschule „St. Georg“ der Ortsgemeinde Urmitz sowie der Grundschule „Lindenbaum“ in Sankt Sebastian sieht der IHK-Schulatlas insbesondere das Gymnasium Mülheim-Kärlich in seinem Standort als gefährdet an. „Es ist offensichtlich, dass die für die Prognose verwendete Berechnungsmethodik nicht auf eine im Aufbau befindliche Schule, wie es das Gymnasium Mülheim-Kärlich aktuell ist (zurzeit dreizügig in den Klassenstufen 6, 8 und 9 sowie vierzügig in den Klassenstufen 5 und 7), angewendet werden kann. Hinzu kommt, dass das Gymnasium seit seinem Bestehen konstant hohe Anmeldezahlen (zwischen 84 und 119) zu verzeichnen hat“, betont Bürgermeister Hollmann. Er weist darauf hin, dass sich die guten Anmeldezahlen auch für das kommende Schuljahr 2014/2015 fortsetzen (84 Anmeldungen). Insgesamt werden dann an der im Aufbau befindlichen Schule 545 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Weitere drei Klassenstufen (11. bis 13. Klassenstufe) werden in den Folgejahren noch hinzukommen. Außerdem sei darauf hinzuweisen, dass die Organisationsverfügung der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) eine Dreizügigkeit für das Gymnasium Mülheim-Kärlich vorsieht. Aufgrund hoher Anmeldezahlen in den Schuljahrgängen 2011/2012 und 2013/2014 habe die Verbandsgemeinde Weißenthurm als Schulträger in Abstimmung mit der ADD und der Kreisverwaltung Mayen-Koblenz eine Vierzügigkeit zugelassen. „Somit ist die Aussage, das Gymnasium Mülheim-Kärlich wird im Jahre 2020/2021 ein unsicherer Schulstandort sein, in keinster Weise nachvollziehbar. Das Gegenteil ist der Fall“, kritisiert Hollmann und findet deutliche Worte: „Eine derartig unbegründete Prognose seitens der Industrie- und Handelskammer Koblenz ist kontraproduktiv und verursacht bei den Schülerinnen und Schülern sowie den Erziehungsberechtigten erhebliche Unsicherheit“, so der Bürgermeister.
Hollmann weist auch auf die Bevölkerungsvorberechnung des Statistischen Landesamtes in Bad Ems „Rheinland-Pfalz 2030“ vom Dezember 2012 hin. Danach wird die Verbandsgemeinde Weißenthurm die einzige Kommune im Landkreis Mayen-Koblenz sein, die vom Basisjahr 2010 bis zum Jahr 2030 in ihrer Einwohnerzahl voraussichtlich wachsen wird, auf dann immer noch circa 33.000 Einwohner.
„An der Realität vorbei“
„Ein Fortbestehen der jeweiligen Grundschulen in den zwei Städten und fünf Ortsgemeinden der Verbandsgemeinde Weißenthurm sowie der weiterführenden Schulen, Realschule plus und Gymnasium Mülheim-Kärlich wird damit gewährleistet sein“, betont der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Weißenthurm. Das Gymnasium als gefährdet anzusehen, gehe an der Realität vorbei, stellt Hollmann in dem offenen Brief klar. Wie die Entwicklung der Schülerzahlen an den betrachteten Schulen tatsächlich verlaufen werde, sei von zahlreichen unterschiedlichen Faktoren abhängig, räumt die IHK in ihrer Presseveröffentlichung ein. Hierzu gehörten politische, infrastrukturelle wie auch individuelle Entscheidungen. Der IHK-Schulatlas zeige deshalb auf der Basis der aktuellen demografischen Daten im Mittel lediglich einen Trend auf. Ob und wie die IHK Koblenz auf die teils heftige Kritik an ihrem Zahlenwerk, die auch von anderen Kommunen geäußert wurde, reagiert, ist noch offen.
