Politik | 04.11.2014

Leserbrief zu „Kontrovers - Familie auf Eis“ in Blick aktuell, Ausgabe 44/2014

Der Weg in eine neue gesellschaftliche „Eiszeit“

Als ich das erste Mal von der Unterstützung junger Frauen und Familien durch amerikanische Unternehmen erfuhr, ihren Kinderwunsch termin- und planungsgerecht auf Eis zu lagern, wurde mir bewusst, wie pervers die Menschheit geworden ist.

Einerseits sind es die Verlockungen der wissenschaftlichen Forschungen, neue Erkenntnisse in praktische Anwendungen umzusetzen - und damit Grenzen neu zu definieren und auch ethische Fragen immer wieder neu zu stellen. Diese Verlockung, dieses wissenschaftliche Streben nach neuen Erkenntnissen, nach neuen Möglichkeiten hat positive Ergebnisse, hat Verbesserungen für die Menschheit gebracht und bringt es fast täglich auch weiterhin mit. Hierüber freuen wir uns in vielen Fällen auch zu Recht. Medikamente, die Krankheiten heilen oder verhindern, sind solch positive Beispiele.

Andererseits stellen uns diese Verlockungen auch immer wieder vor ethische Fragen. Ist es vertretbar, diese oder jene Erkenntnis in die praktische Nutzung zu bringen? Hier werden sich die Meinungen teilen - je nachdem, ob die persönlichen Vorteile, der persönliche Nutzen oder eventuell auch die persönliche Gleichgültigkeit zu diesem Thema überwiegt oder ob es eine persönliche Grenzlinie gibt, die mit dem Thema überschritten wird.

Die konkrete Fragestellung zum Einfrieren von Eizellen ist dabei sehr vielschichtig. Warum will eine Frau die Eizellen einfrieren? Im Bericht wurden dazu nachvollziehbare und vertretbare Gründe genannt. Karrieregründe sind für mich ganz klar keine Rechtfertigung. Es ist geradezu pervers, wenn Unternehmen diese Entscheidung auch noch finanziell fördern. Wie sehr lassen wir uns damit ausbeuten?

Junge und erfolgreiche Frauen (und nur diese dürften davon profitieren), werden somit zur „Handelsware“ auf dem Arbeitsmarkt. Wenn der sogenannte Fachkräftemangel zu solchen Maßnahmen führt, dann zeigt sich doch, dass man die Problematik noch weiter verschärft: Frau, die später Mutter wird und deren Kinder erst später zur neuen Generation von Fachkräften heranwachsen.

Auch folgende Fragen-/Themenkomplexe spielen eine Rolle in der Bewertung des Sachverhaltes: Kinder, die mit relativ alten Eltern aufwachsen, die ihre Eltern auf einen kürzeren Weg des elterlichen Alterns begleiten und denen so ein Teil der Sozialisierung verloren geht.

Eltern, die aufgrund der späten Geburt ihr Kind nicht mit elterlicher Fürsorge, sondern schon mit (eigener) großelterlicher Verwöhnung erziehen. Kinder, die nicht mehr das familiäre Entwickeln erleben, sondern in eine gesetzte, gereifte Atmosphäre des Wohlstands hinein geboren, quasi vom Lager geholt werden. Kinder, die nicht als ein Geschenk der Liebe entstehen, sondern nach rationalen Kriterien, termingerecht aus der Eislagerung zur künstlichen Befruchtung kommen.

Welche Einstellung werden diese Kinder zu ihrem persönlichen Dasein entwickeln: geliebte Kinder oder termingerechtes Ehezubehör? Inwieweit bestimmen die Unternehmen aufgrund der finanziellen Unterstützung auch den Zeitpunkt der Nutzung? Dann, wenn sich die „Investition“ bezahlt gemacht hat? Gibt es zukünftig auch eine Qualitätskontrolle des eingefrorenen „Materials“, eine genetische Aufbereitung, eine Selektion des gefrorenen „Materials“, eine technisch-zertifizierte Verfahrensanweisung zur Bestimmung: Welche Eizelle nehmen wir denn heute? Der Gedanke zur professionellen Leihmutterschaft drängt sich auf. Ein Geschäftsmodell für Frauen, deren Karriere nicht ganz so steil verläuft? Warum nicht schnell noch die Gebärmutter künstlich, technisch ersetzen und sich so auch die Last des Schwangerschaftsbauches ersparen? Bis das möglich ist, können die Eizellen ja noch eingefroren bleiben. Der Weg zu Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ ist nicht mehr weit (?).

Man muss sich doch auch fragen, was die Gesellschaft dazu bringt, solche Möglichkeiten zuzulassen? Warum ist es (heute) nicht mehr möglich, dass junge Familien auf ganz natürlichem Wege einerseits den Kinderwunsch haben und andererseits ihn auch umsetzen (können)? Sind Doppelverdienste nicht nur ein Ausdruck des Wohlstandsdenkens, sondern inzwischen viel mehr ein Zeichen der Notwendigkeit? Ohne doppelten Verdienst sind viele nicht mehr in der Lage, einen angemessenen Lebensstandard aufzubauen. Andererseits wird das geschlechtsspezifische Rollenverständnis durch den Wunsch nach Selbstverwirklichung, nach Umsetzung der eigenen beruflichen Möglichkeiten, nach Karriere überlagert. Die Gleichstellung von Mann und Frau ist durch die biologischen Grenzen limitiert. Geschlechtsneutrale Karriereentwicklungen sind kaum möglich. Die Entscheidung zwischen Familie und Karriere stellt die Frau immer vor eine besondere Herausforderung. Daran ändert auch die Eis-Lagerung des Kinderwunsches nichts. Die Entscheidung wird „nur“ vertagt. Ob die Karrierefrauen auf dem „Höhepunkt“ (?) ihrer Karriere, eine Unterbrechung wagen und sich Kind und Familie widmen oder nur mal eben einen „Zwischenstopp“ zum Gebären einlegen, um sich nach der Geburt dank angestellter Tagesmutter wieder den wichtigen (Karriere-) Zielen zu widmen, bleibt einer späteren Bewertung vorbehalten. Dann nämlich, wenn sich diese Form der „Lagerhaltung“ etabliert hat und man die sozialen und menschlichen Ergebnisse in ausreichender Form wahrnehmen kann.

Ob es dann noch zu einer Korrektur kommen wird? Ethische Fragen haben manchmal auch die Aufgabe, uns vor einem falschen Weg zu bewahren. Uns kritisch zu fragen, ob wir bereit sind, die Folgen unserer Entscheidung zu tragen oder ob es nicht sinnvoll ist, die (neuen) Möglichkeiten auf ganz spezielle Einzelfälle zu beschränken. Eizellen dem natürlichen, biologischen Prozess zu entziehen, sie auf Eis zu legen, ist der Weg in eine neue (gesellschaftliche) „Eiszeit“. Hüten wir uns vor der Generation: Eis-Kinder. Die Redewendung „cool zu sein“, bekommt dann noch eine weitere Bedeutung.

Jürgen Horn,

Barweiler

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