Allgemeine Berichte | 27.07.2015

Das ehrbare Handwerk im Wandel der Zeit

Hoch oben auf den Dächern

Von Reiner Degen

Hoch oben auf den Dächern

Reifferscheid. Im Jahr 1939 wurde das Dach der Kirche in Reifferscheid so langsam reparaturbedürftig. Doch obwohl die Handwerker zu dieser Zeit sehr froh darüber waren, Arbeit zu bekommen, fand Pastor Rötsch zunächst keinen geeigneten Dachdecker für diesen Auftrag. Zum einen sollte dieser Dachdecker Schiefer decken können, zum anderen musste er sich aber auch erstmal auf diese Kirche hinauf trauen. Denn diesbezüglich stand die Kirche in Reifferscheid unter einem schlechten Omen. Bei deren Bau im Jahre 1894 waren zwei Dachdecker tödlich abgestürzt. Genau dort, wo sich heute die Leichenhalle befindet. Der Jüngere war erst 18 Jahre alt.

Schließlich fragte Pastor Rötsch bei der Schiefergrube Rathscheck in Mayen nach, ob sie ihm denn einen geeigneten Dachdecker empfehlen könnten. Und so bekam er die damals in der 5. Generation tätige Dachdeckerfamilie Wetzlar aus Kempenich genannt. Mit dem Fahrrad fuhr Peter Wetzlar nach Reifferscheid, um sich die Auftragslage vor Ort anzusehen. Es schien eine gute Arbeitsstelle zu sein, und zudem stellte sich heraus, dass der Pastor aus Laubach im Hunsrück stammte, unweit des Ortes, wo auch Peter Wetzlar herkam. Die beiden wurden handelseinig. Als die Firma Rathscheck die Bedachung nach Reifferscheid bringen sollte, fuhr der LKW über Kempenich bei Wetzlars vorbei, um neben Handwerkszeug, und besonders wichtig natürlich den Leitern, auch gleich Peter Wetzlar und seinen Sohn Heinrich mit zur Kirche zu nehmen. Denn mit den Fahrrädern ist man bei dieser Distanz schon eine Zeit lang unterwegs, besonders wenn man sich an die Drahtesel dieser Zeit zurückerinnert. In Reifferscheid angekommen, ging es an die Arbeit. In schwindelnder Höhe an Dach und Kirchturm taten sie ihre Arbeit, jedoch ohne Gerüst, wie das heute Vorschrift wäre. Um täglich auf dem Fahrrad nach Hause zu fahren, war der Weg ja doch etwas zu weit. Und so wurden sie in privaten Haushalten einquartiert. Sonntags rief Pastor Rötsch von der Kanzel aus, in welchen Häusern sie in dieser Woche essen und schlafen sollten. Umsupp nannte man das Umherwandern von den Kosthäusern. Dabei war das Essen sehr gut. Und die Leute sprachen sich untereinander ab. Wenn es in dem einen Haus gerade ein gewisses Gericht gegeben hatte, dann kam am Folgetag beim Nächsten etwas anderes auf den Tisch.

Es bahnte sich eine Art Freundschaft zwischen Pastor Rötsch und Peter Wetzlar an. Und beide konnten sich nach Herzenslust auf Hünsrücker Dialekt unterhalten. Vom ganzen Dorf aus konnte man die Dachdecker auf Turm und Dach der Kirche sehen.

Das furchtlose Werkeln in schwindelerregender Höhe beeindruckte die Leute, vor allem auch die Damenwelt. Junge Frauen blieben stehen und winkten den Dachdeckern zu. An eine, Maria Frütel, kann sich Heinrich beispielsweise noch gut erinnern.

Gute Arbeit spricht sich herum

Und da sich Pastor Rötsch jeden Monat mit anderen Pastoren aus dem Dekanat zum Kartenspiel auf einen „guten Tropfen“ traf, erfuhren auch die Pastore der umliegenden Pfarreien von der sehr guten Dachdeckerarbeit aus Kempenich. Der Pastor aus Kirmuthscheid sagte, dass er schon lange nach einem guten Dachdecker Ausschau halten würde, und auch der Pastor von Barweiler war froh darüber, nun endlich einen geeigneten Fachmann zu kennen. Und so bekamen die Wetzlar’s noch so manche Aufträge in dieser Gegend, neben Kirchen zum Beispiel an Schulen. Auch sagten sich die Bewohner, wenn die Dachdecker dem Pastor recht sind, so werden sie auch gut genug sein, um private Häuser und Scheunen zu reparieren. Und so gingen bei der Dachdeckerfamilie Wetzlar in der Folge noch viele weitere Aufträge ein. Wurde bei Privatleuten gearbeitet, dann war es sowieso üblich, dass in diesem Haus dann auch mitgegessen, und dort geschlafen wurde. Am besten hat es Heinrich bei einem Metzger gefallen. Neben der guten Kost gab es abends dort noch Kartenspiel. Und auch der Metzgermeister war froh darüber, das Heinrich Skat spielte, denn ihnen fehlte sonst noch der dritte Mann. Das Spiel ging immer bis spät in die Nacht hinein, dazu noch etliche Bierchen, und am frühen Morgen musste man wieder in der Lage sein, sich hoch oben auf dem Dach absolut sicher bewegen zu können. Aber bei dem frischen Morgenwind da oben auf den Dächern sei jegliche Müdigkeit schnell wie weggeblasen, erklärte mir Heinrich.

Inzwischen ist Heinrich Wetzlar 93 Jahre alt, und seine Söhne führen den Dachdeckerbetrieb in der nun schon 9. Generation.

Zu Pastor Rötsch aus Reifferscheid lässt sich abschließend noch sagen, dass er ein ziemliches Unikat war. Nicht nur, dass er die Kirchenfelder zum Teil selber bestellte. Er fuhr mit seinen beiden Kühen beispielsweise eigenhändig den Pflug. Oder stand morgens bereits um 4 Uhr in der Wiese, wie auch die Landwirte, weil dann das Gras aufgrund des Taus noch feucht und somit besser zu schneiden war. Nein, Pastor Rötsch heilte auch Kranke, Heilpraktiker würde man das heute wohl nennen. Die später als Lehrerin tätige Irene Jüngling war als Säugling schwer an Keuchhusten erkrankt. Der Hausarzt hatte sie bereits aufgegeben, aber Pastor Rötsch gelang es, sie mit- hilfe von Tee und Kräutern doch zu heilen. Und wie ihr Ehemann Franz Jüngling berichtete, rettete Pastor Rötsch auch ihm das Leben. Er litt als Kleinkind an Lungen- und Rippenfellentzündung, auch hier sahen die Ärzte keine Hoffnung mehr, doch Pastor Rötsch gelang es, ihn zu heilen.

Reiner Degen

Heinrich Wetzlar. Foto: R. Degen

Hoch oben auf den Dächern

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Lena: Diversität ist wichtig: Der Wolf reguliert Überpopulationen ( z.B. Schwarzwild, Rehwild). Für schlecht geschützte Herdentiere sind die Besitzer verantwortlich.
  • Peter 1: Trotzdem ist der Wolf hier vollkommen überflüssig.
  • Walter Miller : Ein verpixeltes Bild von der durch den Wolf getöteten Ziege. Was will man damit ausdrücken ? Das ein Wolf besonders grausam ist ? Er ist ein Geschöpf der Natur - nicht mehr und nicht weniger. Im Gegensatz zu den 467.000 Jägern in Deutschland.
  • Michael Geiger, 56337 Eitelborn: Michael Geiger, Leider kann ich die Losnummern aus der Ziehung vom 28.03.26 im Globus Bubenheim nicht finden.. Warum nicht
  • Dietmar Gläsener: Leider kann ich meine Gewinnlos Nummern , Ziehung vom 28.03.26 im Clobus in KO-Bubenheim nicht abrufen im Internet. Woran liegt es? D. Gläsener, 56237 Nauort
  • S. Bastian: Herr Winkelmann, Sie werden doch ihren eigenen Artikel kennen. Zitat: "Verbandsbürgermeister Jan Ermtraud machte in einer Rede deutlich, dass die Maßnahmenliste einerseits das Ergebnis eines vertrauensvollen...
  • Andreas Winkelmann: Hallo Frau Roth, von "vertrauensvoll" steht nichts im Bericht. Und die veränderte Maßnahmenreihenfolge ist ausdrücklich erwähnt. Gleich zu Anfang ist auf die dem Ratsinformationssystem zu entnehmenden Details verwiesen, wo u..a.
  • Dagmar Both: Guten Morgen Herr Winkelmann, herzlichen Dank für ihre Berichterstattung. Wenn sie von einer vertrauensvollen Abstimmung im Abstimmungsprozess zum Sondervermögen berichten, - dann gilt dies leider nicht für die Freien Wähler.
Rund um´s Haus
Rund ums Haus
Kreishandwerkerschaft
Innovatives rund um Andernach
Koblenz blüht 2026
Auftrag, Nr. AF2025.000354.0, April 2026
Unterstützeranzeige
Stellenanzeige
Empfohlene Artikel
Vorstand der kfd Adenau mit den Jubilarinnen und Pastor Dr. Justen
70

Adenau. Zur Mitgliederversammlung der kfd Adenau am Mittwoch, 1. April, in der Scheune am Buttermarkt kamen 36 Damen und Herren zusammen. Die Sitzungsleitung lag bei Ruth Holbach. Nach der Begrüßung folgten ein gemeinsames Gebet sowie ein Totengedenken, das durch das Entzünden von elf Kerzen einen würdigen Rahmen erhielt. Die geistliche Einstimmung gestaltete Anneliese Nieten.

Weiterlesen

Symbolbild.  Foto: ROB
97

Adenau. Im Zeitraum vom 27.03.2026, 17:00 Uhr, bis 28.03.2026, 12:00 Uhr, wurden durch bislang unbekannte Täter etwa 30 Meter Fichtenlangholz aus dem Stadtwald Adenau, Bereich Schwallenberg, entwendet. Nach Angaben des Anzeigers muss der Abtransport mit einem größeren Gefährt (vermutlich Forstzugmaschine mit Kran und Anhänger) stattgefunden haben.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Die Verkehrssituation an der Aloisius-Grundschule stresst die Anwohnerschaft. Foto: ROB
2267

Immer wieder kommt es zu kritischen „Manövern“: Auch die Stadtverwaltung sieht zunehmende Belastung:

HeimatCheck: Ahrweiler: Eltern-Taxis stressen alle

Ahrweiler. Seit mehreren Jahren steht die Aloisius-Grundschule vor einer wachsenden Herausforderung: dem zunehmenden Verkehrsaufkommen durch sogenannte „Elterntaxis“. Leser von BLICK aktuell berichten, dass sich die Situation trotz wiederholter Hinweise und Appelle bislang nicht verbessert habe. Insbesondere zu den morgendlichen Bringzeiten sowie am Mittag beim Abholen der Kinder kommt es regelmäßig zu kritischen Verkehrssituationen rund um das Schulgelände.

Weiterlesen

Symbolbild. Foto: Adobe Stock
132

Bonn. Am kommenden Samstag (04.04.2026) findet in Beuel und in der Bonner Innenstadt der „Bonner Ostermarsch 2026“ statt. Zu dieser Friedensdemonstration erwarten die Veranstalter rund 500 Teilnehmende. Die Versammlung beginnt um 13:00 Uhr auf dem Mirecourtplatz am Beueler Rheinufer. Von dort aus ist folgender Aufzugsweg vorgesehen:

Weiterlesen

Monatliche Anzeige
Dauerauftrag 2026
Dauerauftrag 2026
Kreishandwerkerschaft
Kreishandwerkerschaft
Doppelseite PR/Anzeigen
Koblenz blüht
Vortrag: Arthrose des Hüft- und Kniegelenk
Ostergruß
Rund ums Haus
Innovatives rund um Andernach
SB Standesamt
Anzeigenauftrag FMP-1P9L0-AD-351131
Koblenz blüht // Frohe Ostern 2026
Anzeige KW 14
Anzeige Lange Samstage
Mitarbeiter IT-Administrator