Millenniums-Veranstaltung 2014 in der VG Adenau - Filmabend
„Tee im Harem des Archimedes“
Adenau. Den Abschluss der Vortragsreihe zu den Millenniums-Aktivitäten 2014 in der Verbandsgemeinde Adenau bildete der französische Film „Tee im Harem des Archimedes“ aus dem Jahre 1985.
Eingebettet in die ersten drei Ziele von acht der UN-Millenniumsziele von 2001, nämlich Bekämpfung von (extremer) Armut, hinreichender Bildung für alle und Gleichstellung der Geschlechter mit Stärkung der Rolle der Frauen.
Dass diese Fragestellungen nicht nur außerhalb von Europa eine wichtige Rolle spielen, sondern auch bei uns, das zeigt der Film „Tee im Harem des Archimedes“ auf seine ganz besondere Weise. Den Film aus den 1980er Jahren aus dem Blickwinkel von heute zu drehen, würde eine noch weit schärfere Darstellung erfordern, denn die Problematik „Ausländer“ hat sich - nicht nur in Frankreich - sondern auch im restlichen Europa erheblich verstärkt.
Umso stärker ist die Aufforderung im Rahmen der UN-Millenniumsziele und der Verträge, die die Bürgermeister von 35 Gemeinden in der Verbandsgemeinde und die beiden Kirchen eingegangen sind, Aufklärung zu betreiben, hier und jetzt und damit für die Zukunft von uns allen. Wenn das Ergebnis der Bemühungen an der geringen Zahl der Zuschauer gemessen werden soll, dann waren die vielen Mühen eher vergeblich. Da aber nicht der quantitative Aspekt im Vordergrund steht, ist das für die Organisatoren und Koordinatoren der UN-Millenniumreihe nicht nur ein billiger Trost, sondern Ansporn zum weiteren Tun!
„Tee im Harem des Archimedes“ Ein harter Brocken - Zuschauer diskutieren lebhaft und kontrovers -
„Wir wollen hoffen“, dass wir so etwas nicht bekommen“, sagte beklommen einer der Zuschauer nach der Vorführung des Films „Tee im Harem des Archimedes“. Der Hintergrund für die Aussage sind die im Vergleich zum Film geordneten Verhältnisse im überaus ländlichen Bereich der Hocheifel.
Worum geht es? Thema der diesjährigen UN-Millenniumswoche in der Verbandsgemeinde Adenau ist „Kinder dieser Welt“. Zu diesen „Kindern“ zählen auch die Jugendlichen - in diesem besonderen Fall eine Gruppe von Jugendlichen in einer der vielen Vorstädte der 10-Millonen-Stadt Paris.
Ihre Situation Mitte der 1980er Jahre? Denkbar schlecht: Junge Franzosen mit schlechter schulischer Bildung, Einwandererkinder mit schwarzafrikanischem oder arabischem Hintergrund. Der Tag ist lang - keine Schule, keine Arbeit, dargestellt am Beispiel der beiden Hauptpersonen Patrick, dem Franzosen und Madjid, dem Sohn algerischer Einwanderer. Die Familienverhältnisse? Desolat! Die Ehen geschieden, die Männer weg bzw. der Vater von Madjid seelisch erkrankt, möglicherweise erkrankt an den Umständen eines Landes, das nicht seine Heimat geworden ist.
Den Lebensunterhalt verdienen sich die beiden Freunde mit alltäglichen kleinen Diebstählen und Einbrüchen bis hin zu Überfällen oder indem sie eine Frau mit ihrem Einverständnis gegen Entgelt an Männer verkaufen.
Der Alltag ist durchzogen von einer Umwelt mit Gewalt, Drogen, Alkohol und Unverständnis mit den Eltern, in aller Regel mit den Müttern, die versuchen, so etwas wie Normalität herzustellen - eher dennoch vergeblich!
Die Versuche der beiden Jungen, etwas Geld zu verdienen, scheitern - auch aus eigenem Verschulden. Die Chance für eine Ausbildung zum Fahrlehrer entgeht für Madjid, vordergründig, weil er angeblich ein schlechtes Sehvermögen hat, in Wirklichkeit aber, weil er kein französischer Staatsbürger ist und seine Mutter diese Staatsbürgerschaft für ihn auch auf keinen Fall will.
Dazwischen ein Hoffnungsschimmer: Die Schwester von Patrick, an der Madjid Interesse zeigt, ist inzwischen zwar eher abweisend, hat aber scheinbar gute Büroarbeit gefunden, die sich am Ende als Arbeit als Prostituierte auf den Straßen von Paris herausstellt. Diese Erkenntnis versetzt Madjid in eine Art von Schock.
Heimat und Schutz bietet die Gruppe der anderen Jugendlichen, die sich am Ende des Films in einem Traumwagen von Mercedes, natürlich gestohlen, aufmachen, um ans Meer zu fahren und dort am Strand der Reichen, im Badeort Deauville, den Morgen am Meer zu genießen.
Es kommt, wie es kommen muss: Die Gendarmerie taucht auf, Madjid lässt sich widerstandlos festnehmen und abführen, und die anderen fliehen in die Dünen. Als der Polizeiwagen am Strand entlang fährt, steht dann doch der Freund Patrick an der Promenade und hebt die Hand zum Anhalten des Wagens. Ebenso abrupt endet der Film mit dieser Standszene.
Lebhafte Diskussion
Knapp ein Dutzend Zuschauer in der Komturei hat die Gelegenheit genutzt, den Film zu sehen und ihn anschließend gemeinsam zu diskutieren.
Bedrückend war für alle die Trostlosigkeit, gar die Hoffnungslosigkeit der Welt der Jugendlichen schon in den 1980er Jahren in Frankreich. Die Situation hat sich seither noch dramatisch zugespitzt, wie Winfried Sander, einer der Koordinatoren der Millenniums-Reihe und der längere Zeit in Frankreich gelebt hat, leider ausführen musste: Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen und Fremdenhass haben sich verstärkt - von den Millenniumszielen weit entfernt.
Manche sahen sogar Hoffnungsschimmer in dem Film, begründet durch die Freundschaft in der Gruppe der Jugendlichen, speziell der zwischen Patrick und Madjid. Andere sahen das nicht so und waren eher ratlos wegen solcher Bilder.
Ein Film als „harter Brocken“, den auch die Diskussion nicht auflösen konnte: „Und so sehen wir betroffen, den Film aus und alle Fragen offen“, hätte der Schriftsteller Berthold Brecht dazu sagen können.
Der eher seltsame Filmtitel erfährt im Laufe der Aktionen seine Aufklärung, als in der Silvesternacht ein ehemaliger erfolgloser Mitschüler namens Balou auftaucht mit den scheinbaren Erfolgsmerkmalen: Tolles Auto mit vielen Geldscheinen beklebt, tolle „Freundin“ auf dem Rücksitz - aber Teil einer Inszenierung auf Basis seines aktuellen Lebens als Zuhälter. Balou ist als kleiner Junge aus der Schule geflohen, weil er wegen mangelnder Fähigkeiten in der Rechtschreibung und in der Physik und einen wichtigen Grundsatz (Theorem) dieses Faches, nämlich des griechischen Mathematikers Archimedes, nicht versteht. Er schreibt es falsch, weil es im Französischen ähnlich klingt, an die Tafel. So wird aus dem „Theorem des Archimedes“ dann in der deutschen wörtlichen Übersetzung der „Tee im Harem des Archimedes“. Balou geht mit seinen Kumpels eine Wette ein, es doch im Leben zu schaffen und eines Tages reich in das Wohnviertel zurückzukehren - die Wette löst er Jahre später am Silvesterabend ein.
