Allgemeine Berichte | 10.01.2013

Tolerant handeln, sozial entscheiden und selbstbestimmt leben

Die erste Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz tritt ihr Amt an: Malu Dreyer

Am 15. März 2002 berief Ministerpräsident Kurt Beck Malu Dreyer in sein Kabinett, wo sie die Nachfolge von Arbeits- und Sozialminister Florian Gerster antrat.  Wikipedia/Pedelecs

Trier/Mainz. Unter „König Kurt“ saß sie seit Mai 2001 als Arbeits-, Familien-, Sozial- und Gesundheitsministerin in der Mainzer Staatskanzlei. Dort machte sie nicht nur einen fachlich guten Job, sondern erwarb sich mit ihrer gleichsam freundlichen wie unaufgeregten Art viele Sympathien. Und das weit über die eigenen Parteigrenzen hinaus: Malu Dreyer. Dass der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) im Herbst vergangenen Jahres gerade sie als seine Nachfolgerin vorgestellt hat, wird als raffinierter Schachzug für die nächste Landtagswahl im Jahr 2016 bewertet. Herausfordern wird Malu Dreyer dann vermutlich ebenfalls eine Frau, nämlich CDU-Landeschefin Julia Klöckner. Die hatte den scheidenden Kurt Beck in den vergangenen Wochen immer wieder und immer gerne wegen der Pleite am Nürburgring heftigst attackiert. Dieses Ass im Ärmel wird ihr im Wahlkampf gegen eine Malu Dreyer wenig nutzen, da die Ministerpräsidentin so gut wie gar nicht von der Affäre belastet ist. Sowieso hat Dreyer politisch eine nahezu blütenweiße Weste. Aber der Reihe nach.

Politische Quereinsteigerin

Ihren 52. Geburtstag am 6. Februar als rheinland-pfälzische Landeschefin zu feiern, hätte die gebürtige Neustädterin selbst wohl am wenigsten erwartet. Zunächst jedenfalls. Denn erst 1995 im Alter von 34 Jahren trat Malu Dreyer der SPD bei. Vergleichsweise spät also. Und auch Parteiarbeit von der Pieke auf hat sie nicht durchlaufen. Keine Jusos, kein Klinkenputzen an der Basis. Vielmehr sieht sie sich als „Quereinsteigerin“, die eigentlich eine ganz andere Karriere geplant hatte. Eigentlich. Denn eigentlich schlug die Tochter eines Schulleiters und einer Erzieherin eine juristische Laufbahn ein. Nach dem Abitur am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Neustadt begann Marie-Luise Dreyer 1980 ein Studium der Anglistik und Katholischen Theologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Ein Jahr später wechselte sie zur Rechtswissenschaft, absolvierte 1987 die Erste Juristische Staatsprüfung und 1990 die Zweite mit einem Prädikatsexamen. Ab 1989 arbeitete Dreyer an der Mainzer Universität als Wissenschaftliche Assistentin und 1991 wurde sie zur Richterin auf Probe als Staatsanwältin in Bad Kreuznach ernannt.

Leidenschaft und Teamgeist

Tja, und dann begann das politische Leben der dynamischen Malu Dreyer. Von 1995 bis 1997 war die Sozialdemokratin hauptamtliche Bürgermeisterin der Stadt Bad Kreuznach und damit verantwortlich für Soziales und Jugend. Ab 1997 leitete sie als Dezernentin den Bereich Soziales, Jugend und Wohnen der Stadt Mainz. Fünf Jahre später, am 15. März 2002, berief Ministerpräsident Kurt Beck sie in sein Kabinett, wo Malu Dreyer die Nachfolge von Arbeits- und Sozialminister Florian Gerster antrat, der wiederum nach Nürnberg wechselte, um den entlassenen Bernhard Jagoda als Leiter der Bundesanstalt für Arbeit zu ersetzen. Fortan war Dreyer für rund zehn Jahre rheinland-pfälzische Ministerin für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit. Und sie war es überaus gut. „Tolerant handeln, sozial entscheiden und selbstbestimmt leben“, steht auf ihrer Webseite (www.maludreyer.de) zu lesen. Diese Prämissen leiten die Politikerin, der nicht nur viel Fachkompetenz zugesprochen wird, sondern auch ein überaus gewinnendes Wesen, das die Dinge mit viel Leidenschaft und Teamgeist anpackt. Der Landtagspräsident Joachim Mertes (SPD) ging gar so weit, sie nach „König Kurt“ als „Königin der Herzen“ zu bezeichnen. Parallel zu ihrem Ministeramt wurde sie am 15. Januar 2005 ist sie Vorsitzende der SPD Trier. Bei der für die SPD ausgesprochen erfolgreichen Landtagswahl 2006 trat Malu Dreyer als SPD-Kandidatin für den Wahlkreis Trier an und spielte den CDU-Landesvorsitzenden Christoph Böhr an die Wand - und der legte als Konsequenz aus der Wahl-Niederlage sämtliche Parteiämter nieder. Bei der Landtagswahl 2011 gewann sie mit 40,6 Prozent der Erststimmen das Direktmandat im Wahlkreis Trier.

Eingeschränkt, aber fit

Überhaupt ist Trier neben Mainz das Zentrum ihres Lebens. Denn hier lebt sie mit ihrem Mann, dem amtierenden Trierer Oberbürgermeister und früheren Staatssekretär Klaus Jensen, mit dem sie seit 2004 verheiratet ist und dessen drei Kindern. Die Familie lebt in einem Wohnprojekt für behinderte und nicht behinderte Menschen nahe der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier. Eher nebensächlich geht die erste rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin mit ihrer chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems um: Seit Mitte der 1990er Jahre leidet Dreyer an einer schleichenden Form Multiplen Sklerose. Aufgrund der damit verbundenen Beschwerden ist sie in ihrer Mobilität eingeschränkt, keineswegs aber im Denken und Handeln. Sie braucht eine Stütze beim Gehen und einen Rollstuhl, spürt jedoch seit Jahren keine Verschlechterung mehr. Für das Amt der Landesmutter sieht sie sich dadurch in keinster Weise beeinträchtigt. „Ich fühle mich fit“, sagt sie. „Mir geht es unheimlich gut. Ich kann nur nicht gut laufen.“ Wenn man sie erlebt, glaubt man ihr das aufs Wort. EMB

Im Herbst 2012 stellte der erkrankte Ministerpräsident Kurt Beck der Öffentlichkeit Malu Dreyer als seine Nachfolgerin vor.  Wikipedia/Beat von Stein 3

Im Herbst 2012 stellte der erkrankte Ministerpräsident Kurt Beck der Öffentlichkeit Malu Dreyer als seine Nachfolgerin vor. Foto: Wikipedia/Beat von Stein 3

Malu Dreyer als Hauptrednerin bei einer Kundgebung zum Tag der Arbeit 2010. Wikipedia/Claus Ableiter

Malu Dreyer als Hauptrednerin bei einer Kundgebung zum Tag der Arbeit 2010. Foto: Wikipedia/Claus Ableiter

Am 15. März 2002 berief Ministerpräsident Kurt Beck Malu Dreyer in sein Kabinett, wo sie die Nachfolge von Arbeits- und Sozialminister Florian Gerster antrat. Foto: Wikipedia/Pedelecs

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