Einbürgerung in New York
Carolyn Oliner erhält deutsche Staatsangehörigkeit
aus Andernach
Freude beim Freundschaftskreis Dimona-Andernach
Andernach. Am 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erhält Carolyn Oliner auf der Gorch Fock, dem Segelschulschiff der deutschen Marine, in New York mit einer Einbürgerungsurkunde die deutsche Staatsangehörigkeit. Grundlage ist eine Regelung, von der Nachkommen von Verfolgten im NS-System Gebrauch machen können.
Der Freundschaftskreis Dimona-Andernach hat mitgewirkt, insbesondere mit Hilfe von Sylvia Müller, die seit nun 50 Jahren in enger Verbindung zu Carolyn Oliner steht, die Geschichte ihrer Familie aufzuarbeiten. Ihren jüdischen Großeltern aus Andernach wurden 1941 die deutsche Staatbürgerschaft entzogen. Ihre Mutter Marion Oliner hat eine Flucht vor Nazi-Deutschland hinter sich, wie sie dramatischer kaum sein kann. 1936 ist die Familie nach Köln umgezogen. Nach der Reichspogromnacht (1938) war klar, dass es nur ein schlimmes Ende für Juden in Deutschland geben kann. Die Familie floh nachts über die grüne Grenze nach Belgien, wo sie ebenso von den deutschen Besatzern eingeholt wurden wie danach auch in Frankreich. Schließlich wurde Jakob Michel, Marions Vater, in das Lager Les Milles bei Aix-en-Provence inhaftiert. Ihre Mutter folgte ihm freiwillig dorthin, nachdem sie ihre zwölfjährige Tochter einer jüdischen Organisation anvertraut hatte, die Marion mit einem strapaziösen Fußmarsch über die Grenze in die Schweiz brachte. Vater und Mutter wurden 1942 aus dem Lager nach Auschwitz verschleppt, wo die Mutter sofort vergast wurde und der Vater drei Monate später verstarb. Marion wanderte 1946 in die USA aus und wurde schließlich Psychologin mit eigener Praxis in New York. Sie schilderte in einem Aufsatz unter der der sarkastischen Überschrift „Entschuldige Sie, dass ich geboren wurde“ ihr Fluchtschicksal ausführlich.
Es ist nachvollziehbar, dass Marion Oliner nie mehr Deutschland besuchen wollte. Es ist der Beharrlichkeit ihres Cousin Ernst Loeb zu verdanken, dass sie 1976 für einen ganz kurzen Besuch mit ihrer Tochter Carolyn von Paris aus nach Andernach gekommen und von der Herzlichkeit der Aufnahme in der Familie Müller überrascht ist Die Familie Müller wohnte damals in unmittelbarer Nachbarschaft der Familie Loeb in der Hochstraße. Es dauert weitere 21 Jahre bis sie 1997 erneut hier eintrifft und von da an fast alle zwei Jahre Andernach besucht, auch Vorträge hält und den Schülerinnen und Schülern des KSG einmal als Zeitzeugin zur Verfügung steht.
„1995 stand dann auch die mittlerweile 35jährige Carolyn vor der Tür meiner Eltern. Sie war in Deutschland auf der Suche nach ihren Wurzeln,“ so erinnert sich Sylvia Lippert. Und einer gründlichen Recherche der Familiengeschichte, die auch dokumentiert werden muss, bedarf es, um im Rahmen der „Wiedergutmachungseinbürgerung“ die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten. Der Kapitän der Gorch Fock bezeichnet die Aushändigung der Urkunde als „einen Moment der Würde und der Versöhnung“. Für Carolyn ist es wichtig, dass „wir nicht dazu kommen, sondern zurückkommen.“ (Frankfurter Rundschau, 10.Jui 2026, dpa).
Es ist eine bedeutsame Symbolik, dass Carolyn an diesem Tag das Hochzeitsbild ihrer Großelter dabeihat und eine Brosche trägt, die ihre Großmutter vor der Flucht nach den USA geschickt hat, mit der Hoffnung, sie erst dann wieder tragen zu wollen, wenn sie dort angekommen sei.
Auch Donald Trump, unter dem sich viele Juden weniger sicher fühlen, spielt zunehmend eine Rolle für den Wunsch nach einer zweiten Staatsbürgerschaft. Und für Carolyn und ihre beiden Söhne könnte auch der Weg zurück nach Deutschland möglicherweise künftig zu einer Alternative werden.
Carolyn Oliner mit ihren Söhnen am Ernst-Loeb-Platz 2024 Foto: Freundschaftskreis Dimona-Andern
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Stolpersteine für Carolyns Großeltern, Vater und Mutter von Marion Oliner, Ernst Loebs Cousine, Kramgasse 6 Foto: Freundschaftskreis Dimona-Andern